Nach „Charlie Hebdo“

Tausende bei Mahnwache von Muslimen am Brandenburger Tor

Tags zuvor demonstrierte hier noch Pegida. Nach dem Aufruf von Muslimen standen dann rund 10.000 Menschen am Brandenburger Tor und hielten eine Mahnwache gegen den Terror ab. Ein starkes Signal.

Foto: Markus Schreiber / AP

Wird es eines Tages in Deutschland einen muslimischen Bundespräsidenten geben? Erdem Y. überlegt ein bisschen zu lange, bevor er sagt: „Klar, warum nicht“. Joachim Gauck sei schließlich Pfarrer, also ein Mann der Religion. Ganz überzeugt klingt es nicht, denn Erdem Y. steht zwar auf einer Mahnwache gegen Terror, aber es geht eigentlich darum zu zeigen, dass Muslime wie er sich von Islamisten und Terroristen abgrenzen. „Das ist doch selbstverständlich“, sagt der Mann, der länger in Kreuzberg lebt als seine meisten Nachbarn. „Gegen Nazis gehe ich ja auch auf die Straße.“

Doch Erdem Y. weiß: Diese Situation ist anders. Seine Religion steht unter Generalverdacht. Dass Erdem Y. heute hier steht, als Moslem, das wird von vielen Seiten erwartet. Hat er deshalb so lange überlegt, ob es mal einen muslimischen Bundespräsidenten in Deutschland geben wird? „Kann sein“, sagt er. Auf dem Pariser Platz stehen nach Polizeiangaben etwa 10.000 Menschen. Es ist feierlich und still wie bei einem Staatsakt. Alle wollen ein Zeichen der Gemeinsamkeit setzen.

Die Mahnwache steht für eine neue Geschlossenheit. Die wichtigsten muslimischen Verbände haben sich auf diesen einen Termin geeinigt. Die Parteien und die Kirchen sind vertreten und der Zentralrat der Juden. Kanzlerin Angela Merkel ist gekommen. Auf dem Gebäude des Allianz-Forums stehen Scharfschützen. Es sind gefährliche Zeiten.

Nun steht da also Bundespräsident Joachim Gauck, der protestantische Pfarrer, und redet auch über den Islam. „Die Terroristen wollten uns spalten – erreicht haben sie das Gegenteil“, sagt der Präsident. Er sagt die altbekannten Worte „Einigkeit und Recht und Freiheit“. Aber plötzlich verbinden diese Worte alle hier.

Einigkeit und Freiheit. Keine Hetze. Man muss nur 24 Stunden zurückblicken, um zu verstehen, wie wichtig die Sätze des Präsidenten sind. Da standen genau hier, vor dem Hotel Adlon, die Anhänger der islamfeindlichen Pegida-Bewegung, um einer Kundgebung der ganz anderen Art zu lauschen. Noch waren es nur ein paar Hundert. Der Redner schimpfte, dass es in vielen Schulen mittags kein Schweinefleisch mehr zu essen gebe, weil Muslime das verlangten. Ein Mann schrie dazwischen: „Die Gutmenschen waren es, die Gutmenschen“. Dann sagte der Pegida-Redner den entscheidenden Satz: „Es gibt keinen Unterschied zwischen Islam und Islamismus.“

Kein Unterschied zwischen Islam und Islamismus? Hoggat, ein ehemaliger Lehrer aus dem Iran, schüttelt mit dem Kopf. Er ist praktizierender Moslem und hat trotzdem zwölf Jahre lang im Iran im Gefängnis gesessen. „Ich bin gegen den Fundamentalismus, der eine Gefahr für den Frieden in der ganzen Welt ist“, sagt Hoggat.

„Wer Menschen umbringt, tötet die ganze Welt“, sagt der Koran

Als die Mahnwache beginnt, singt ein Geistlicher eine Sure aus dem Koran vor: „Wer einen Menschen umbringt, tötet die ganze Welt.“ Diese Stelle ist gut gewählt, denn sie geht alle etwas an: Juden, Christen, Moslems. Sie steht nämlich im Alten Testament wie auch in der Thora. Die drei Religionen liegen dicht beieinander.

Fast etwas zu viel Harmonie. Der Präsident des Zentralrates der Juden, Abraham Lehrer, sagte dann aber auch, man dürfe die Augen nicht davor verschließen, dass es gerade im Islam eine starke Radikalisierung gebe, dass fanatische Islamisten in Afrika, Asien und Europa „Angst und Schrecken verbreiten, ja, den Tod.“ Und dass die radikal-islamische Hamas in ihrer Charta „die Vernichtung aller Juden“ zum Ziel erklärt habe und er den Eindruck habe, das sähen viele in Deutschland mit Gleichgültigkeit. „Gleichgültigkeit ist das Schlimmste.“

Über den Charakter einer Mahnwache sagt auch etwas aus, wer nicht teilnimmt. So ist der Berliner Iman Abdul Adhim Kamouss, der in der radikalen Neuköllner Al-Nur-Moschee wirkte und nach seinem Auftritt in einer Talkshow vielerorts als „Quassel-Imam“ verunglimpft wurde, mit viel weniger Mitstreitern gekommen, als er geplant hatte. Kamouss hatte auf Facebook dazu aufgerufen, an der Mahnwache teilzunehmen. „Macht mit und seid gegen die Mörder, die Allahs Namen und Religion missbrauchen“, schrieb er.

Der Imam muss in einigen Kreisen viel Unverständnis dafür geerntet haben. Auf Facebook schrieb er darum vor Beginn der Mahnwache: Es gehe für die Muslime nicht darum, „zu schleimen“ oder die „Karikaturen zu befürworten“ oder „Prophetenbeleidiger zu betrauern“, sondern die Achtung vor dem Leben als Grundwert des Islam zu betonen.

„Je suis Ahmed“ fehlt heute

Im Gespräch mit der Berliner Morgenpost räumte Kamouss ein, dass er viel Ablehnung und Wut von seinen Glaubensbrüdern für seinen Aufruf habe aushalten müssen. Er stellt klar, er sehe in der Politik des Westens weiterhin die Ursache für die vielen Konflikte in der Welt. Vom Bundespräsidenten erwartet er, dass er „Klartext“ über die Pressefreiheit spreche. Dürfe „das Wertvollste“ von Millionen von Muslimen tatsächlich so beleidigt werden, wie es mit einigen Karikaturen geschehen sei?

Darauf wird der Präsident aber nicht eingehen. Und nach seiner Rede ist es so, als habe er mit „Einigkeit und Recht und Freiheit“ sowieso alles gesagt. Für eine Minute hakt sich jeder der Teilnehmer bei einem Nachbarn ein. So fühlt es sich also an, zusammenzustehen. Aber etwas fehlt. Dabei hatte Aiman Mazyek, Vorsitzender des Zentralrates der Muslime, es am Anfang in seiner Rede gesagt: „Je suis Ahmed“. Zu Ehren des ebenso von Terroristen ermordeten Pariser Polizisten. Doch während der Mahnwache sieht man nur „Je suis Charlie“.

Wenn es also eine neue Geschlossenheit gibt, dann müsste sie so klingen: „Je suis Charlie. Je suis Ahmed.“ Dann ist auch möglich, dass eines Tages ein muslimischer Bundespräsident diesen Satz sagen wird: „Wir sind Deutschland“.