Konjunktur

Boom hält an - Berlin hängt Deutschland ab

Berlins Wirtschaft boomt. Die Wirtschaftsleistung ist höher als im Bundesdurchschnitt. Die Unternehmensverbände erwarten in diesem Jahr 25.000 zusätzliche Arbeitsplätze.

Ein neuer Regierender Bürgermeister nebst zwei neuen Senatoren, eine frische Landesregierung in Brandenburg: „Es sieht nach einem spannenden Jahr aus“, sagt Christian Amsinck beim Jahresgespräch im „Café Einstein“ in der Kurfürstenstraße. Da hat der Hauptgeschäftsführer der Unternehmensverbände Berlin-Brandenburg (UVB) noch nicht die Ukraine-Krise erwähnt, die wackelige Lage in Griechenland und die Gefahr islamistischen Terrors – Entwicklungen, die die Wirtschaft in Deutschland und Berlin nachhaltig beeinflussen können.

Zunächst einmal: Auch in diesem Jahr wird die Wirtschaftsleistung in Berlin stärker wachsen als in Gesamtdeutschland. Der Verband erwartet, dass das Bruttoinlandsprodukt um 1,5 Prozent steigt. 2014 lag das Plus nach der letzten Schätzung der Investitionsbank Berlin bei rund 1,8 Prozent, im Bund bei etwa 1,4 Prozent. Wobei sich zumindest für den Bundeswert die Experten nicht einig sind. Die fünf Wirtschaftsweisen rechnen mit 1,0 Prozent, die Bundesregierung mit 1,3 Prozent. Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung in Berlin kam zuletzt auf 1,4 Prozent. Die Prognosen stammen alle aus den letzten Monaten 2014.

Die UVB rechnen zudem mit 25.000 zusätzlichen Arbeitsplätzen in der Hauptsstadt. Ähnliche Werte nannte bereits vor einer Woche die Bundesagentur für Arbeit. Derzeit gibt es rund 1,3 Millionen sozialversicherungspflichtige Jobs in der Stadt. Die Zahl ist seit 2005 kontinuierlich gestiegen. Gleichzeitig sank die Zahl der Arbeitslosen auf zuletzt knapp über 190.000. Amsinck rechnet mit einem weiteren Minus.

Besonders der Dienstleistungssektor werde wachsen, sagte der Hauptgeschäftsführer, häufig dank Aufträgen aus der Industrie. In der Industrie selbst rechnet er mit gleichbleibend rund 100.000 Stellen. Chancen für Wachstum sieht er vor allem auch dort, wo etablierte Unternehmen mit einer der zahlreichen frisch gegründeten Firmen zusammenarbeiten. „Da ergeben sich unglaublich interessante Effekte“, sagt Amsinck – und in der Folge neue Arbeitsplätze.

„Und das kostet Geld“

Allerdings sei das gute Wachstum in Berlin kein Selbstläufer, sagte UVB-Hauptgeschäftsführer Christian Amsinck. Die Politik müsse konsequent auf zusätzliches Wachstum und neue Beschäftigung setzen. Die Standortbedingungen müssten verbessert werden. Amsinck mahnte weitere Investitionen in Schulen, Kitas und Straßen an. Schließlich sei die Stadt in den vergangenen drei Jahren um rund 130.000 Einwohner gewachsen. Das werde so weitergehen. „An die Infrastruktur müssen wir grundsätzlich rangehen“, sagte Amsinck. „Und das kostet Geld.“

Die Richtung, die der Senat unter dem neuen Regierenden Bürgermeister Michael Müller (SPD) eingeschlagen habe – sowohl weiter zu sparen als auch gezielt zu investieren –, sei völlig richtig. „Da muss aber noch etwas kommen“, sagte er mit Blick auf die Ergebnisse der ersten Senatsklausur unter Müller vor einigen Tagen.

Rente mit 63 belastet die Firmen

Die Firmen der Region belastet die im Juli 2014 eingeführte Rente mit 63. Danach können diejenigen, die bis einschließlich 1952 geboren sind und 45 Jahre Beiträge gezahlt haben, bereits mit 63 in Rente gehen, ohne dass diese gekürzt wird. Normalerweise muss zum Beispiel, wer bis März 2015 in Rente geht, 65 Jahre und drei Monate alt sein, um Rente ohne Abschlag zu bekommen. In Berlin und Brandenburg haben bisher etwa 15.000 Beschäftigte die Rente mit 63 beantragt, die Hälfte in dieser Altersgruppe, wie UVB-Geschäftsführer Alexander Schirp sagte. Die Fachleute fehlen dann, zumal wegen des demografischen Wandels immer weniger ausgebildet werden. Das Problem werde sich in den nächsten Jahren vergrößern, sagte Schirp.

Einige Lücken füllen Bürger aus anderen EU-Staaten. Gerade Berlin profitiere sehr von der Niederlassungsfreiheit in der EU, sagte Schirp. Zudem versuchten viele Unternehmen bereits, Mitarbeiter aus Ländern außerhalb der EU gezielt anzuwerben.

Gerade beim Thema Zuwanderung hätten Politik und Wirtschaft sich zu lange um eine klare Position herumgedrückt, sagte Amsinck. Dabei sei angesichts des demografischen Wandels Zuwanderung nötig. „Wenn dann weltweit Bilder von Demonstrationen der islamkritischen Pegida-Leute zu sehen seien, hilft uns das nicht“, sagte Schirp.

Sorge bereiten den Unternehmern zudem insgesamt die unsichere Lage im Ukraine-Konflikt und in Griechenland. Dass der Ölpreis sinkt und der Euro im Vergleich zum Dollar fällt, befördert zwar die Wirtschaft, weil sich die Kosten verringern und deutsche Waren außerhalb des Euro-Raums billiger werden und sich so besser verkaufen. Amsinck verwies aber darauf, dass Euro-Kurs und Ölpreis stark politisch beeinflusst sind und sich auch schnell ändern könnten – etwa wenn die Europäische Zentralbank die Politik des billigen Geldes aufgibt – mit belastenden Folgen für die deutsche und damit auch die Berliner Wirtschaft.