Mord in Lübars

Drei Liebesgeschichten und ein Mordkomplott

Am 9. April 2012 wurde Pferdewirtin Christin R. erdrosselt. Ihr Geliebter Robin H. sitzt auf der Anklagebank, Ende Januar soll das Urteil fallen. Die Geschichte eines Mordfalls.

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Es gibt Mordfälle, bei denen ahnt man schon während der Verhandlung, dass sie Stoff für einen Krimi bergen. Der Tod der Pferdewirtin Christin R. ist so ein Fall. Er könnte die Geschichte eines perfide geplanten und absolut dilettantisch ausgeführten Mordkomplotts erzählen: Die 57-jährige Cornelia H. und ihr 26-jähriger Sohn Robin H. schließen auf den Namen der Freundin des Sohnes mehrere Lebensversicherungen über insgesamt 2,4 Millionen Euro ab. Anschließend lassen sie die junge Frau auf einem Parkplatz im Reinickendorfer Ortsteil Lübars umbringen, um das Geld zu kassieren, und werden am Ende verhaftet.

Es könnte aber auch eine Liebesgeschichte werden, in der es einen Mann und mindestens drei Frauen gibt: den mutmaßlichen Drahtzieher Robin H., seine 43-jährige Ex-Geliebte Sabrina S., die ihn noch immer für unschuldig hält, die später ermordete Christin R., die ihm bis zu ihrem Tod vertraute, und die 29-jährige Tanja L., die alles für ihn tat und sich vor dem Schwurgericht nun auch wegen Mordes verantworten muss.

Robin H., das ist unstrittig, hatte mit allen drei Frauen ein Verhältnis. Und die Frauen waren ihm, auch das deutete sich vor Gericht an, alle irgendwie verfallen.

Ein zuvorkommender und hilfsbereiter „Einreiter“

Sabrina S., die im Juni 2013 vor dem Schwurgericht als Zeugin aussagen musste, will das heute nicht mehr so richtig wahrhaben. Kennengelernt hatte sie Robin H. Ende 2009 in Nordrhein-Westfalen bei einer Reitveranstaltung. Die Finanzbuchhalterin besitzt selbst einige Pferde. Das Thema Pferde sei zwischen ihr und dem „Einreiter“ – so bezeichnete sie ihn mehrfach vor Gericht – letztlich auch das verbindende Element gewesen. „Ich habe nie geglaubt, dass er so eine Tat begehen kann. Und ich würde ihm das auch heute noch nicht zutrauen“, sagte sie. Robin H. sei „zuvorkommend und hilfsbereit, gleichzeitig gab es bei ihm auch einen Hang, sich selbst zu überschätzen“.

Unter Pferdefreunden habe es nur zwei Meinungen über ihn gegeben: „Bei den einen war er sehr beliebt.“ Die anderen hätten ihn „wegen seiner teilweise schon sehr überheblichen Art nicht gemocht“. Von seiner Beziehung mit Christin R. habe er ihr nie erzählt. „Da war immer nur von der Pferdepflegerin die Rede.“

Von Christin R.s Ermordung erfuhr die sehr couragiert wirkende Sabrina S. unmittelbar nach der Festnahme von Robin H. Seine Mutter erzählte ihr davon. Ihre Liaison war zu diesem Zeitpunkt längst beendet. Aber Sabrina S. begann sich dennoch sofort zu kümmern – wie sie sich schon zuvor um den fast 20 Jahre jüngeren Mann gekümmert hatte: Sie beauftragte einen Verteidiger, beglich für Robin H. Schulden, schickte ihm Kleidung ins Gefängnis.

Träume von einer gemeinsamen Zukunft

Eine ganz andere Frau, nicht nur wegen des Alters, war Christin R. Sie lernte den fünf Jahre älteren Robin H. im Frühjahr 2011 auf einem Reiterhof in Oranienburg kennen. Christin R. absolvierte dort ihre Ausbildung zur Pferdewirtin. Sie verliebte sich in den schlanken, groß gewachsenen Mann. Sie sei „glücklich und zufrieden“ gewesen, habe „von einer gemeinsamen Zukunft mit Robin geträumt“, sagte Christin R.s Mutter später vor Gericht. „Robin gehörte bereits zur Familie. Alle Türen standen ihm bei uns offen.“

Liebe macht blind, lautet ein oft zitiertes Sprichwort. Christin R. hat es bestätigt. Sie hatte offenkundig nichts gemerkt, nichts gespürt, war auch völlig arglos, als sie sich am 9. April 2012 auf einem Reiterhof im brandenburgischen Friesack mit Cornelia H. traf. Die Staatsanwaltschaft geht davon aus, dass Mutter und Sohn damals schon seit Monaten planten, Christin zu ermorden. Es wurde dringend Geld für den Pferdehof gebraucht. Und die Lebensversicherungen auf Christin R.s Namen waren zu diesem Zeitpunkt schon abgeschlossen.

Der Stich drang fünf Zentimeter tief in den Körper ein

Es war Ostermontag. Sehr harmonisch. Das junge Paar war vorher mit Christins Eltern essen gegangen. Robin H. wollte angeblich noch schnell seinen Wagen tanken fahren. So war Christin gegen 16.30 Uhr mit Cornelia H. allein, saß mit ihr in der Küche des Hauses.

Im Anklagesatz steht, Cornelia H. habe der jungen Frau „von hinten in Tötungsabsicht ein Küchenmesser in den Rücken“ gestoßen. „Wobei sie bewusst ausnutzte, dass die Geschädigte ihr in diesem Moment den Rücken zuwandte und sich keiner Gefahr versah. Der Stich drang knapp oberhalb des Hüftknochens und neben der Wirbelsäule circa fünf Zentimeter tief in den Körper ein, traf jedoch keine lebenswichtigen Organe.“ Christin R. wehrte sich, entriss Cornelia H. das Messer, flüchtete aus der Küche. Draußen rief sie Robin an. Der soll gesagt haben, er könne leider nicht sofort kommen, er hatte angeblich einen Unfall mit einem Radfahrer gehabt. Als er später doch nach Friesack kam und sah, dass seine Freundin noch lebte, brachte er sie ins Krankenhaus.

Die Polizei stellte das Verfahren ein

Es gab damals ein Strafverfahren gegen Cornelia H. Sie sagte bei der Polizei aus, sie sei verwirrt gewesen, habe aus Panik zum Messer gegriffen. Später, vor dem Schwurgericht, sprach Cornelia H. von einer Art Blackout. Es habe zwischen ihr und Christin R. einen Streit gegeben, dabei sei sie von der 21-Jährigen massiv bedrängt worden und habe instinktiv nach dem Messer gegriffen und zugestochen. Ob die Richter ihr glauben, bleibt abzuwarten. Die Polizisten jedenfalls hatten ihr Glauben geschenkt und das Verfahren eingestellt.

Es drängt sich die Frage auf, ob Christin R. noch leben könnte, wenn es damals schon eine Anklage und einen Prozess gegen Cornelia H. gegeben hätte. Immerhin war es eine lebensgefährliche Attacke mit einem Messer. Vor Gericht war in Plädoyers zu hören, dass sich Mutter und Sohn nach der Einstellung des Verfahrens gegen Cornelia H. vermutlich noch sicherer fühlten und ihren Tatplan unbeirrt fortsetzten.

Zyankali, Digitalis, Blauer Fingerhut, Kaliumchlorid

In der seit April 2013 laufenden Beweisaufnahme vor dem Schwurgericht wurden dann auch Recherchen im Internet thematisiert. Suchworte wie „Zyankali“, „Digitalis“, „Blauer Fingerhut“ sollen die Ermittler bei der Auswertung der Computer von Cornelia und Robin H. gefunden haben. Robin H. soll sich dann bei seiner Suche nach einem passenden Gift für Kaliumchlorid entschieden haben. Weil es zum Herzstillstand führen kann und im Körper nur schwer nachweisbar ist. Er kaufte ein Kilogramm in der Apotheke in Friesack. Vor Gericht sagte er, er habe es für die Pferde gekauft, als Nahrungsergänzungsmittel.

Spätestens mit dem Gift kam nach Meinung der Staatsanwaltschaft die zweite Geliebte ins Spiel: Tanja L., eine Fleischfachverkäuferin aus Nordrhein-Westfalen. Robin H. lernte sie bei einem Reitturnier in Nordrhein-Westfalen kennen. Auch ihr soll er eine gemeinsame Zukunft versprochen haben. Sie ist eine scheu wirkende Frau. Vor Gericht gab sie zu Protokoll, dass Robin H. ihr „Traummann“ gewesen sei, ihr „Prinz“.

„Er hat gedroht, er könne auch zwei Frauen töten“

Liebe macht alles möglich – im Falle von Tanja L. könnte dieses Sprichwort auch dahingehend interpretiert werden, dass Liebe alle Skrupel vergessen lässt. Robin H. soll sich ihrer sehr sicher gewesen sein. Er soll ihr offen von seinen Mordplänen berichtet und sie schließlich sogar einbezogen haben. Es habe bei ihr dann eine Mischung aus Liebe und Angst gegeben, erklärte Tanja L. vor Gericht: „Er hat gedroht, er könne auch zwei Frauen töten. Das würde ihm nichts ausmachen.“

Aber sie ging dann nicht etwa zur Polizei, träumte stattdessen weiter von einer erfüllten Partnerschaft mit Robin H., befolgte seinen Befehl und nahm Kontakt mit Christin R. auf. Vorwand war ihr – angebliches – Interesse für ein Pferd. Sie trafen sich auf einem Parkplatz vor einem McDonald’s-Restaurant in Glienicke/Nordbahn. Sie verstanden sich offenbar gut, stießen mit Sekt an. Das Kaliumchlorid, das Tanja L. der arglosen Christin R. heimlich in den Becher schüttete, blieb jedoch ohne Wirkung. Kaliumchlorid wirkt nur tödlich, wenn es intravenös verabreicht wird. In einem Getränk ist es harmlos.

Kurz nach Mitternacht kam das Opfer allein

Der psychiatrische Gutachter Alexander Böhle beschrieb Tanja L. vor Gericht als eine sehr einfache, verunsicherte Frau, die trotz ihrer 27 Jahre noch kindlich auftrete. Er verglich das mit dem „beginnenden Übergang zum Erwachsenenalter“. Ihr Verhältnis zu Robin H. sei „eine abhängige Beziehung von Angst und idealisierender Verliebtheit“, so Böhle. Und er glaube ihr auch, dass sie seit dem misslungenen Anschlag vor dem McDonald’s-Restaurant misstrauisch geworden sei und nur noch aus ihrem eigenen Glas getrunken habe.

Ihre Verliebtheit muss dann aber doch stark genug gewesen sein, Robin H. auch bei den weiteren Plänen zu helfen. Sie hatte – nach eigener Aussage – ihren Bruder Sven gefragt, ob dieser einen Auftragskiller kenne. Und sie hatte Christin R. im Juni 2012 erneut auf einen Parkplatz gelockt. Diesmal in Lübars. Und wieder wegen eines vermeintlichen Pferdekaufs. Zunächst war Christin R. mit einer Freundin gekommen – das verhinderte den Mordanschlag. Robin H. soll Christin angerufen und gebeten haben, nochmals zu erscheinen. Und diesmal, kurz nach Mitternacht, kam das Opfer allein.

„Ich habe Christin nicht umgebracht“

Staatsanwalt Dieter Horstmann geht davon aus, dass Tanja L.s Bruder den 24-jährigen Steven McA. überredete, den Mord auszuführen. Für 500 Euro. Beide sollen am 20. Juni 2012 aus Nordrhein-Westfalen zu dem Parkplatz in Lübars gefahren sei, um dort Tanja L. und Robin H. zu treffen. Steven McA. habe hinter einem Gebüsch gelauert, Christin R. verabredungsgemäß hinterrücks angegriffen und sie erdrosselt.

Steven McA. gab zwar zu, in der Mordnacht dabei gewesen zu sein. Ausgeführt worden sei der Mord jedoch durch Robin H. Der hat vor Gericht die Vorwürfe bestritten. „Ich habe Christin nicht umgebracht oder geplant, sie umzubringen. Ich habe sie geliebt“, sagte er. Drahtzieherin sei Tanja L. Sie habe sich der Nebenbuhlerin entledigen wollen. Seine Verteidigerin plädierte auf Freispruch.

Auch Robin H.s Mutter beteuerte ihre Unschuld. Der Staatsanwalt geht jedoch davon aus, dass in der seit April 2013 laufenden Beweisaufnahme alle fünf Angeklagten überführt wurden, sich an der Ermordung der Christin R. beteiligt zu haben. Er hat für vier Angeklagte lebenslängliche Freiheitsstrafen beantragt. Die einzige Ausnahme ist Tanja L. Sie soll zwar auch wegen Mordes hinter Gitter, aber als Kronzeugin nur für 15 Jahre.

Am 29. Januar will der Vorsitzende des Schwurgerichts das Urteil sprechen.