Ruhestand

Klaus Wowereit geht – und tut jetzt was?

Nach 13 Jahren verabschiedet sich Klaus Wowereit aus dem Amt des Regierenden Bürgermeisters von Berlin. Doch was kommt jetzt? Hajo Schumacher hat schon einige Ideen für den Ruheständler.

Als der Ruheständler Heinrich eines Vormittags in der Wohnung steht, erschrickt Gattin Renate. „Ich wohne hier“, erklärt Heinrich. „Aber doch nicht jetzt, um diese Zeit“, entgegnet Renate.

Der Ruhestand ist ein tückisches Ding: Einerseits fiebrig herbeigesehnt, bringt er andererseits Unordnung in gewohnte Abläufe. Ist erst mal ausgeschlafen und der Keller aufgeräumt, Urlaub gemacht und Golf gespielt, sind all die liegen gebliebenen Unterlagen abgeheftet, lang aufgeschobene Arztbesuche, Kino und Museum absolviert – tja, was dann?

Klaus Wowereit weiß, dass er nach Jahren hektischer Betriebsamkeit in ein Loch fallen wird: Nicht viel zu tun, nicht viel zu sagen, kein Schwein ruft mehr an. Er hat aber gar kein Problem damit, sagt er, sondern sei eher gespannt, was passiert. Zumal eines klar sein dürfte: Die Leere ist kein Dauerzustand. Wowereit ist 61 Jahre alt und gut zu Fuß. So wie der Elektriker in Rente weiter Strippen zieht, so wie der Journalist jenseits der 65 schreibt, macht auch der Ex-Politiker einfach weiter, hält Vorträge, berät, versilbert seine Kenntnisse. Mögen sie im Vergleich zu normalen Arbeitnehmern exzellent verdienen, so empfinden viele Volksvertreter während ihres politischen Lebens eine relative Armut. Ob Unternehmer oder Freiberufler – viele ihrer täglichen Gesprächspartner haben weniger Verantwortung, erträglichere Arbeitszeiten, verdienen hingegen aber ein Vielfaches. So empfand es Gerhard Schröder stets als demütigend, wenn Industrielle bei Auslandsreisen als Wegzehrung eine teure Flasche Bordeaux mit an Bord der Staatsmaschine brachten, begleitet von mitleidigen Bemerkungen, dass sich Kleinverdiener wie Kanzler ja einen ordentlichen Tropfen nicht leisten könnten.

Doch was ist nach der Amtszeit? Dürfen Politiker nach Ende ihrer Karriere überhaupt Kasse machen? Natürlich, so wie alle anderen Menschen auch. Die Freiheit der Jobwahl gilt für jeden. Aber was kann so ein Politiker eigentlich, was würde er in den Fragebogen des Jobcenters unter „Qualifikation“ eintragen? Wowereit ist erstens Jurist, zweitens ein guter Haushälter, der Berlin von der Pleite- zur Plusstadt gemacht hat, er kann repräsentieren, reden, führen und moderieren und verfügt zudem über den Berliner Hipness-Faktor. Mit etwa 300 Wirtschaftsterminen pro Jahr, Staatsbesuchern und all den anderen wichtigen Menschen, die ihn heimsuchten, besitzt er eine immense Sammlung von Kontakten weltweit. Der Flughafen BER hingegen senkt seinen Marktwert auch über das Ende seiner Amtszeit hinaus, zumal er noch vor dem Untersuchungsausschuss aussagen muss, einer jener Auftritte, die kein potenzieller Arbeitgeber schätzt. Was er beruflich vorhat, ob Angebote vorliegen, darüber schweigt sich Klaus Wowereit beharrlich aus. „Privat“, sagt er. Das ist sein gutes Recht. Aber für eines der folgenden Modelle wird sich der Ex wohl doch entscheiden.

Das Modell Steinbrück – Vorträge

Kreissparkassen, die ihren Kunden zum Neujahrsempfang etwas mehr bieten wollen als einen abgehalfterten Chefredakteur, der über Werte referiert, die leisten sich einen Ex-Politiker, der seinen Standardvortrag zum Niedergang des Abendlandes abspult. Blüm, Töpfer, Riester kann man für eine vierstellige Gage mieten, Steinbrück ruft bekanntlich bis zu 20.000 Euro pro Auftritt auf, Schröder dürfte unter 50.000 kaum antreten. Das Vortragsgeschäft ist lukrativ, irgendwo ist immer eine Rede zu halten. Die Themen reichen von Klimaschutz über Sozialstaat bis hin zu Bissigkeiten gegen die aktuelle Regierung. Worüber könnte Wowereit reden? „Kultur als Standortfaktor“ vielleicht, „Berlin – von der Pleitestadt zum Erfolgsmodell“ oder – mit etwas Abstand: „Deutschland, deine Großprojekte“.

Das Modell Diepgen – Kanzlei

Die einfachste Lösung: Wie einst sein Vorgänger Eberhard Diepgen zieht der Volljurist Wowereit bei einer schicken Anwaltskanzlei am Kudamm ein, die den prominenten Namen gern auf die Messingtafel am Eingang graviert. Manche Klienten legen Wert auf einen bekannten Rechtsbeistand, zumal Wowereit die juristischen Eigenheiten und Fallen in der Stadt und ihrer Verwaltung bestens kennen dürfte. Ob Finanzwelt oder Immobilien, Kooperationen oder Zerschlagungen, Privatisierungen öffentlicher Betriebe oder Rekommunalisierung – überall müssen Verträge gemacht, nationales und EU-Recht harmonisiert, Verhandlungen geführt werden. Ob und wie viel der neue Sozius arbeitet, kann er selbst entscheiden.

Das Modell Schröder – Kasse machen

Der Altkanzler war vom Start in den Ruhestand an Millionär, da der Finanzjongleur Carsten Maschmeyer angeblich zwei Millionen Euro für die Rechte an Schröders Memoiren spendierte. Merkwürdig, dass anonyme Parteispenden eines Altkanzlers als hochgradig unappetitlich gelten, direkte Zuwendungen eines früheren Großmaklers dagegen deutlich weniger, obgleich der Versicherungsmakler Maschmeyer von der in Schröders Amtszeit beschlossenen Riesterrente immens profitierte. Schröders Einsatz für Russland als Gazprom-Repräsentant und Putin-Freund ist einträglich, aber nicht imagefördernd. Wegen seines Neins zum Irakkrieg gilt der Altkanzler zudem in arabischen Ländern als gefragter Redner. Merke: Man kann Geld gegen Ansehen tauschen.

Das Modell Fischer – auch Kasse machen, aber leiser

Der einstige Obergrüne und Außenminister kassiert dezenter als sein ehemaliger Kanzler. Fischer hat Beratungsverträge, hält Reden und schreibt, stets auf seine beiden Rollen als Außenpolitiker und realistischer Öko bedacht, etwa bei seinem BMW-Engagement. Da faltet sich Fischer für einen Werbespot auch mal in ein Elektroauto. So wie er in seinen Aufsätzen, stilistisch ziemlich grobschlächtig, durch die Außenpolitik poltert, scheint er sich für die Nachfolge Helmut Schmidts als Allround-Mahner warmzulaufen.

Das Modell Momper – Berater

Wer könnte gerade ausländische Investoren besser durch den Berliner Dschungel lotsen als ein Ex-Bürgermeister mit seinen Kontakten zu Parteien, Verwaltung und Wirtschaft. So berät Walter Mompers Projektentwicklungsfirma Firmen, die in Berlin Einkaufszentren bauen wollen, etwa Ikea. Gute Beratung kostet ein Vermögen, spart aber womöglich noch mehr Geld, Zeit und Ärger.

Das Modell Ramsauer – Botschafter für irgendwas

Soeben ist Ex-Verkehrsminister Peter Ramsauer zum Botschafter der deutschen Sprache ernannt worden, eines der vielen bizarren Ehrenämter, die Politiker sammeln. Ob für die Olympia-Bewerbung, den Wirtschaftsstandort Berlin oder die Hauptstadt als Kulturmetropole – als Botschafter seiner Stadt wäre Wowereit international der ideale Kandidat. Solche Jobs funktionieren allerdings meist auf Ein-Euro-Basis, bieten aber bisweilen einen satten Reise-Etat und sorgen weltweit für Zugänge und Auftritte. Eher eine Nebenbei-Beschäftigung.

Das Modell Pofalla – ab in die Wirtschaft

Der Ex-Kanzleramtsminister Ronald Pofalla bei der Bahn, Ex-Kanzleramtsmitarbeiter Eckart von Klaeden bei Daimler, Ex-Entwicklungshilfeminister Dirk Niebel bei Rheinmetall – Politiker, die dem Rentenalter noch etwas ferner sind, scheinen in der Wirtschaft gefragt zu sein. Ob Wowereit Lust auf einen solchen Vollzeitjob hat? Er mag nach 40 Jahren Fremdbestimmung durch die Politik vielleicht lieber die neue Freiheit genießen und lässt sich maximal auf einen Aufsichtsratsposten ein. BER war ja eine intensive Lehrzeit.

Das Modell Schmidt – Herausgeber

Früher schalteten sich ausgeschiedene Politiker notorisch in die öffentliche Debatte ein. Als Herausgeber der „Zeit“ pflegt Altkanzler Helmut Schmidt diese Tradition und beweist, dass Schreiben deutlich leichter ist als Regieren. Wowereits Bedürfnis, der Stadt oder dem Rest der Welt seine Sicht zu Russland, China und TTIP nahezubringen oder generell herumzuschlaumeiern, dürfte sich in Grenzen halten. Schade für die Morgenpost.