Leserforum

Morgenpost vor Ort - Was wird aus den Szeneclubs?

Über die Frage „Was wird aus den Berliner Szeneclubs?“ können Morgenpost-Leser am Dienstag, 9. Dezember, um 20 Uhr im Kult-Club Ritter Butzke in Kreuzberg mit prominenten Szenekennern diskutieren.

Foto: dpa Picture-Alliance / Luisa Jacobs / picture alliance / dpa

Die Schließung des Szeneclubs M.I.K.Z. an der Revaler Straße in Friedrichshain ist nur das jüngste Beispiel: Die Clubszene steht unter hohem Veränderungsdruck. Anwohnerbeschwerden, Immobilienboom und steigende Mieten sorgen immer wieder dafür, dass sich die Szene verschiebt, doch die Partygänger wollen weiter an den Hotspots in Friedrichshain und Mitte feiern.

Diese Konflikte werden beim nächsten Leserforum der Reihe Morgenpost vor Ort Thema sein: Über die Frage „Was wird aus den Berliner Szeneclubs?“ können Leser am Dienstag, 9. Dezember, 20 Uhr im Kult-Club Ritter Butzke in Kreuzberg mit prominenten Szenekennern diskutieren. Mit dabei sind auch Senatskanzleichef Björn Böhning und Clubcommission-Vorstand Sascha Disselkamp.

Der Club spirograph.berlin, auf dem RAW-Gelände gelegen und besser bekannt unter dem Namen M.I.K.Z., muss zum 31. Januar 2015 seine Pforten aus einem eher ungewöhnlichen Grund schließen: Dort sollen nicht etwa Luxuswohnungen gebaut werden, an seiner Stelle zieht mit der Neuen Heimat ein anderer Club ein. Dass Clubs sich nun auch untereinander die Flächen streitig machen, bedeutet eine neue Dimension der Problematik des Clubsterbens.

Das Beispiel Chalet

Die schwierige Situation der Szene insgesamt zeigt das Beispiel des Chalet, das vor dem Schlesischen Tor liegt. In Sichtweite befinden sich der Club der Visionäre, die Arena und der Freischwimmer, auch Watergate und Lido sind nicht weit. Neben den normalen Räumlichkeiten besitzt das Chalet einen großen Garten. „Vor allem im Sommer haben Anwohner öfter die Polizei gerufen, weil sie die Musik zu laut fanden“, sagt Adriano Karok, einer der Betreiber. Man habe reagiert, die Lautstärke deutlich heruntergefahren und eine Schallschutzmauer gebaut. Zudem habe man die Nachbarn zum Dialog eingeladen – ohne Resonanz. Karok hat von einer angeblich bevorstehenden Sammelklage gehört: Falls dies wirklich geschehe, sehe er das Chalet vor großen Problemen.

Ein ähnlicher Fall von Lärmbeschwerde hatte im Jahr 2009 fast die Existenz des seit über 30 Jahren bestehenden Clubs SO36 zerstört. „Wir hatten richtig Stress mit einem Anwohner und der darauf folgenden Auflage, eine Schallschutzmauer zu errichten“, erinnert sich die SO36-Konzert-Bookerin Myriam. 100.000 Euro für den Bau einer Lärmschutzwand schienen unerreichbar. Diese Zerreißprobe zeigte den Machern jedoch auch, wie sehr das SO36 mittlerweile in der Nachbarschaft etabliert ist. „Neben der Presse und der Politik kam aus dem Kiez unglaublich viel Unterstützung, die ganze Oranienstraße hing voller Fahnen mit dem Aufruf, dass das SO36 bleiben muss. Das war schon ein tolles Gefühl“, erzählt Myriam. Zudem konnte man weiter auf Publikum und Künstler bauen. Die Geschichte nahm vorerst ein gutes Ende für den Club – durch Fördermittel, Benefizkonzerte und Spenden konnte das Geld für die Schallschutzmauer eingenommen werden, die Nachbarn haben ihre Ruhe.

Neben den Konflikten mit Anwohnern haben die Clubs häufig auch mit Verdrängung durch neue Grundstücksbesitzer zu kämpfen. Das Dragoner-Areal in Kreuzberg gehörte bis zu diesem Jahr der Bundesanstalt für Immobilienaufgaben (Bima). Auf dem Gelände befinden sich derzeit ein Biomarkt, eine Polsterei, Autowerkstätten und der Club Gretchen. Vor kurzem wurde das Grundstück nun an einen privaten Investor verkauft. „Mit Sicherheit wissen wir es noch nicht, aber wir hoffen darauf, bleiben zu können“, sagt Pamela Schobeß, eine der Geschäftsführerinnen des Gretchen. Der neue Käufer habe mitgeteilt, dass er eine Mischung aus Wohnungen, kulturellen Einrichtungen und Gewerbe auf dem Areal erhalten möchte. Doch die Gretchen-Macher sind auf der Hut: Bis Anfang 2012 führten sie das legendäre Icon in Prenzlauer Berg, doch der Verkauf des Nachbargrundstücks, Neubau von exklusiven Wohnungen und schließlich Anwohnerbeschwerden bedeuteten nach 15 Jahren das Aus.

„Kreative Raumgestaltung“

Für Christian Lichtenberg ist die Qualität der Clubszene wichtig. „Im Gegensatz zu Clubs in vielen anderen Städten entstehen in Berlin auf nicht genutzten Flächen besondere Orte wie etwa das Sisyphos oder die Grießmühle, die durch ihre kreative Raumgestaltung und kulturelle Angebote, die über Clubmusik hinausgehen, besonders sind“, sagt der 28-jährige Student aus Neukölln. Die Entwicklung findet er gar nicht gut: „Wenn weiter zahlreiche Grundstücke an Investoren verhökert werden, gibt es für die Clubs, wie wir sie heute kennen, immer weniger Raum. Für viele Menschen machen diese Räume aber gerade den Reiz Berlins aus“, sagt Lichtenberg.

„Berlin lebt von seiner Vielfalt der kleinen Clubs. Für jede Musiknische gibt es einen eigenen Ort mit einer dazugehörigen Szene“, sagt Rosa Schmidt, die in Friedrichshain wohnt. „Ich sehe es mit Sorge, dass in meinem Kiez Clubs wie das Morlox für Luxuswohnungen weichen müssen“, so die 34-Jährige.

Es gibt also reichlich Diskussionsstoff für das Leserforum am 9. Dezember in Kreuzberg. Morgenpost-Autor Hajo Schumacher wird die Veranstaltung moderieren, auf dem Podium werden folgende Experten sitzen:

Björn Böhning, Senatskanzleichef und im Senat für die Clubszene zuständig

Sascha Disselkamp vom Vorstand der Clubcommission, Sage-Club-Betreiber

Aljoscha Hofmann, Stadtforscher von Think, Gentrifizierungsexperte

Benjamin Köhler, 24, Clubgänger und Chefredakteur des Magazins Dilemma

Laura Réthy, 27, Morgenpost-Redakteurin, hat in der Szene recherchiert

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