Nach Protest

Berliner Moschee sagt Veranstaltung mit Homosexuellen ab

In der Sehitlik-Moschee sollte ein Workshop zu Strategien gegen Radikalisierung stattfinden. Auch Homosexuellen-Vertreter wurden eingeladen. In der Türkei sorgte das für Empörung - mit Folgen.

Foto: dpa/Paul Zinken / pa/

Ender Cetin hat sich die Berichterstattung anders vorgestellt. Der Vorsteher der imposantesten Moschee in Berlin, der Sehitlik-Moschee am Columbiadamm in Neukölln, hat viel Zeit investiert, um einen zweitägigen Workshop zu organisieren. Dabei klären Experten über Strategien gegen die Radikalisierung muslimischer Jugendlicher auf. Angesichts der wachsenden Salafisten-Szene und der stetig steigenden Zahl junger Menschen, die als selbst ernannte "Gotteskrieger" nach Syrien reisen, hat das Thema Öffentlichkeit verdient. Zumal das Engagement vieler Muslime gegen pseudo-religiös motivierten Fundamentalismus kaum bekannt ist.

Doch statt über den Workshop muss Cetin nun seine Haltung zur Homosexualität erklären. Denn der Gemeindevorsteher hat Vertreter von schwul-lesbischen Organisationen, die am kommenden Montag zu einer Führung und zu einer Dialogveranstaltung in das Gebetshaus geladen waren, wieder ausgeladen. Das Treffen sollte ein Signal gegenseitigen Respekts aussenden. Denn die Mitarbeiter des Projekts Meet2Respect vom gemeinnützigen Verein Leadership Berlin wollten mit Vertretern von Lesben- und Schwulenverbänden und Mitgliedern der Sehitlik-Gemeinde nicht nur über Homophobie, sondern auch über Islamfeindlichkeit sprechen.

Doch auf die Begegnung waren auch Medien in der Türkei aufmerksam geworden. Und dort sei die Aufregung groß gewesen, sagt Cetin. Die Glaubensbrüder aus Berlin, so ging das Gerücht, würden Lesben und Schwulen ihre Moschee für eine eigene Veranstaltung überlassen. Die Unruhe schwappte zurück nach Berlin - und vor allem älteren Mitgliedern der Sehitlik-Gemeinde sei so viel Kooperation mit Lesben und Schwulen dann doch zu viel gewesen. Dass in der Moschee kein Homosexuellen-Festival geplant war, sondern nur eine Führung mit Gesprächsrunde habe er nicht vermitteln können. Hätte er die Veranstaltung nicht dennoch durchführen können? Ja, sagt Cetin. "Aber dann wäre ich wohl nicht mehr lange Gemeindevorstand geblieben."

Ender Cetin der Schwulenfeindlichkeit zu bezichtigen, wäre unredlich. Er hat schon viele Homosexuelle durch die Moschee geführt. Der Dialog ist für ihn selbstverständlich. Fragt man ihn nach seiner persönlichen Haltung, sagt er, dass homosexuelle Handlungen im Islam verboten seien. "Aber das ist eine Privatsache zwischen dem einzelnen Menschen und Gott und nicht meine Aufgabe, darüber zu urteilen", sagt Cetin. Und: "Wir sind streng dagegen, dass Lesben und Schwule in irgendeiner Art und Weise diskriminiert werden."

Gerade für ältere Muslime sei der Umgang mit Homosexuellen aber ein sensibles Thema. "Man muss den Leuten Zeit geben", sagt Cetin. Die geplante Gesprächsrunde werde es trotzdem geben - nur eben nicht in der Sehitlik-Moschee. "Es ist wichtig, dass wir im Gespräch bleiben", so Cetin. Viele hätten nur Berührungsängste, weil sie bisher nie mit Lesben oder Schwulen zu tun gehabt hätten.

Bernhard Heider kann da nur zustimmen. Der Leiter des Projekts Meet2Respect hätte die Ausladung aus der Moschee nutzen können, um in das Klagelied einer Schwulenfeindlichkeit unter Muslimen einzustimmen. Doch das wäre kontraproduktiv gewesen, sagt er. "Wir wollen doch den Moderaten den Rücken stärken, damit der Dialog weitergehen kann." Mit Hochdruck arbeitet er deswegen daran, für die Ersatz-Veranstaltung am Montag ein hochkarätiges Podium zusammenzustellen. Barbara John, die ehemalige Integrationsbeauftragte des Senats, habe bereits zugesagt. Moderieren werde Winfriede Schreiber, die frühere Leiterin des Brandenburger Verfassungsschutzes. Ein Ort werde noch gesucht.

Jörg Steinert, Geschäftsführer vom Lesben- und Schwulenverband (LSVD) wird nicht dabei sein. Nach der Ausladung aus derSehitlik-Moschee hält er die Dialogrunde für eine "Alibi-Veranstaltung". Eine Zusage würde das falsche Signal aussenden, dass Schwule und Lesben es akzeptierten, nicht in die Moschee gelassen zu werden, sagt SteiJörg nert. Mit der Sehitlik-Gemeinde werde man aber im Gespräch bleiben - um nach einem neuen Termin für eine Runde in den Moscheeräumen zu suchen.

Ender Cetin hätte sich wohl etwas weniger Trubel wegen des Zusammentreffens gewünscht. Doch der Konflikt habe auch sein Gutes. "Man merkt jetzt, dass es oft nicht einfach ist, aber dass wir grundsätzlich den Dialog suchen", sagt er.

© Berliner Morgenpost 2017 – Alle Rechte vorbehalten.