„Michelin“

Das sind Berlins neue Sterne-Restaurants

Großer Erfolg für Sonja Frühsammer und Alexander Koppe - beide erhalten einen „Michelin“-Stern. Allerdings verliert Berlin auch ein Sterne-Restaurant.

Foto: Amin Akhtar

Sie weint. Sonja Frühsammer läuft zwischen Reihen aus Klappstühlen nach vorn, Tränen laufen über ihr Gesicht. „Wir sind sehr stolz, dass eine Frau unter unseren Neuen ist“, sagt Michael Ellis. Er schüttelt ihr die Hand. Sie schaut nach oben, seufzt kurz auf, fast lautlos, dann schüttelt sie den Kopf. Ellis grinst, fast väterlich, dann überreicht er ihr eine weiße Kochjacke mit rotem Stern auf der Brust. Sonja Frühsammer fasst sich. „Ich bin nicht so gut im Reden“, sagt sie. Dann kommen sie wieder, die Tränen.

Am Donnerstagvormittag ist Sonja Frühsammer vom „Frühsammers Restaurant“ mit dem Michelin-Stern ausgezeichnet worden. Der Gourmetführer hatte zur Verkündung der Michelin-Sterne 2015 ins „La Soupe Populaire by Tim Raue“ geladen.

Michael Ellis, Internationaler Direktor, verkündete drei neue Zwei-Sternerestaurants sowie 31 neue Ein-Stern-Adressen landesweit. Damit steigt die Zahl der ausgezeichneten Betriebe in Deutschland auf einen Höchststand von 282 Häusern, in 2010 waren es noch 225 Restaurants gewesen. Deutschland ist das Land mit den meisten Drei-Sterne-Restaurants in Europa, nach Frankreich. Und Berlin mit Abstand die Stadt mit den meisten Sterne-Adressen im Land. Bis auf Stefan Hartmann, der sein „Hartmanns“ im Februar diesen Jahres geschlossen hatte, haben alle Sterneköche der Stadt ihre Sterne bestätigen können. Und Berlin hat zwei neue Sterne gewonnen: Alexander Koppe aus dem „a.choice“ im Hotel „andels“ in Prenzlauer Berg – und Sonja Frühsammer aus Grunewald.

Großvater, erster Stern und Gastgeber des Jahres

„Ich konnte nicht anders“, sagt Sonja Frühsammer, als sie nach der Verleihung durch die Reihen zurück zu ihrem Mann Peter läuft. Gerührt küsst dieser sie, nimmt sie fest in den Arm, bevor sich beide mit in die Reihen der Gäste setzen. „Was für eine Woche“, sagt Peter Frühsammer, „zuerst werde ich Großvater, dann bekommen wir den Stern und am Sonntag den Titel ,Gastgeber des Jahres‘ der Meisterköche.“ Er habe allerdings gestern das erste Mal etwas über seine Frau gedacht, was er noch nie gedacht habe. „Blöde Kuh“, sagt Peter Frühsammer, lacht und drückt seine Frau an sich. Auch sie lacht jetzt. „Ja, als der Anruf vom Michelin am Mittwochnachmittag kam, da war er nicht zu Hause – und ich habe ihn nicht gleich angerufen, weil ich ihm das doch unter vier Augen sagen wollte!“, sagt Sonja Frühsammer. Wieder küssen sie sich.

Sonja und Peter Frühsammer bilden seit rund zehn Jahren ein gastronomisches Team. Seit knapp acht Jahren sind sie verheiratet. Kennengelernt hatten sie sich, als sich die gelernte Köchin nach der Geburt von Tochter Sophia im Jahr 1996 wieder eine Stelle suchte. Und nicht in den langen Arbeitsalltag eines Gourmetrestaurants, dem „Alt Luxemburg“ von Karl Wannemacher, zurückkehren wollte. Sie bewarb sich bei „Servino", dem Cateringunternehmen von Peter Frühsammer, das dieser nach seiner Zeit als jüngster Sternekoch Berlins in seinem Restaurant Rehwiese aufgebaut hatte. „Ich fand sie gleich toll“, sagt Peter Frühsammer. Seit zwei Jahren trägt ihr gemeinsames Werk 17 Punkte im Gault Millau, ab sofort auch den Michelin-Stern.

„Den Stern hat sie schon lange verdient“

„Ich habe mich ernsthaft riesig gefreut für Sonja - den Stern hat sie schon lange verdient“, freute sich Sternekoch Marco Müller aus dem „Rutz“ für seine Kollegin. „Verdient“, bestätigte auch Zwei-Sternekoch und Gastgeber der Michelin-Veranstaltung am Donnerstag, Tim Raue, die Entscheidung. „Sie ist eine Frau mit außergewöhnlichem Geruchs- und Geschmacksempfinden. Die nicht auf dem Jahrmarkt der selbstdarstellerischen Eitelkeiten tanzt“, freute sich Zwei-Sternekoch Christian Lohse aus dem „Fischers Fritz“ über die Nachricht. Und Thomas Kammeier aus dem „Hugos“, der seinen Stern am Donnerstag zum 15. Mal erhalten hat, freute sich ebenfalls für die Kollegin aus dem Grunewald. „Endlich mal nen Mädel mit nem Stern in der Stadt“, sagte er, „wurde auch ja Zeit.“

Dass keiner der Ein-Sterne- oder Zwei-Sterneköche einen weiteren bekam, verwunderte Branche und Kenner jedoch. Ob sich der Michelin nicht getraut habe, Berlin einen dritten Stern zu verleihen? Gerüchte um Kandidaten für einen zweiten Stern, Matthias Diether aus dem „first floor“, Roel Lintermans aus dem „Les Solistes by Pierre Gagnaire“ oder auch Marco Müller, sowie die für den dritten, Tim Raue, Hendrik Otto aus dem „Lorenz Adlon Esszimmer“ und Michael Kempf aus dem „Facil“, waren vor der Verleihung kursiert. „Wir können nichts kreieren, von dem wir nicht hundert Prozent überzeugt sind“, sagte Ralf Flinkenflügel, Chefredakteur des „Michelin“ Deutschland, im Anschluss an die Veranstaltung am Donnerstag. „Aber wir bleiben am Ball.“

„Wir wollen dieses Jahr den Fokus auf unsere BIB Gourmands legen“, hatte Michael Ellis die Gäste begrüßt. Bevor er allein in Berlin fünf neue Restaurants, das „Kochu Karu“ in Prenzlauer Berg, das „Jungbluth“ in Steglitz, die „Brasserie Lamazère“ und das „44“ in Charlottenburg sowie Matthias Buchholz‘ „Gutshof Britz“ zu eben solchen Betrieben adelte. Mit dem BIB Gourmand zeichnet der Michelin Betriebe aus, die „mit einer guten, häufig regional geprägten Küche mit einem besonders günstigen Preis-Leistung-Verhältnis kulinarische Genüsse auch für kleinere Budgets ermöglicht“. Diese Restaurants zeigen laut Michelin momentan besonders den Trend der Gastronomie zu einer gewünscht entspannteren, gemütlicheren Atmosphäre.

„Wir waren immer ein entspanntes Restaurant“, sagt Peter Frühsammer, kurz, bevor er mit Frau Sonja die Veranstaltung am Donnerstag verlässt. „Und das soll auch so bleiben.“ Die Preise würden jetzt auch gleich bleiben. So wie die Freude über den ersten Michelin-Stern für Sonja und das Haus. „Da haben wir lange drauf hingearbeitet“, sagt Peter Frühsammer. „Und das ist der große Verdienst meiner Frau.“