Berliner Bahnhöfe

Immer mehr Taschendiebstähle - Das sind die Tricks der Täter

Auf Berliner Bahnhöfen und in Zügen sind immer mehr kriminelle Banden unterwegs. Die Polizei warnt vor neuen und alten Maschen der Taschendiebe. So kommen die Täter an die Wertsachen.

Foto: Maya Hitij / AP

Sie drängeln sich in der vollen S-Bahn an ihre Opfer heran, lenken sie am Fenster mit mehreren Personen ab oder bestehlen sie auf dem Nachhauseweg, wenn sie nach einer langen Partynacht im Regionalzug eingenickt sind. Sie kommen in Gruppen, sind bestens organisiert – und ganz schnell wieder weg. Und sie werden immer mehr. Laut Bundespolizei ist die Zahl der Diebstähle in Zügen und auf Bahnsteigen in Berlin drastisch gestiegen. Bereits in den ersten neun Monaten dieses Jahres wurden demnach 5906 Handgepäck- und Taschendiebstähle bei der Bundespolizeidirektion Berlin angezeigt, im vergleichbaren Zeitraum des Vorjahres waren es 4545. Ermittler sprechen von einem Trend.

„Im vergangenen Jahr wurden in der Bundespolizeidirektion Berlin 6427 Handgepäck- und Taschendiebstahlsdelikte angezeigt“, sagt Jens Schobranski, ein Sprecher der Bundespolizei. „2012 waren es 5850 Anzeigen, ein Anstieg um 9,9 Prozent.“ Die Zahl der Fahrgäste habe zwar auch zugenommen, aber in einem deutlich geringeren Umfang als die Straftaten. Deutschlandweit stieg die Zahl der registrierten Diebstähle in Zügen im vergangenen im Vergleich zum Vorjahr um rund 22 Prozent auf 14.100. Laut Schobranski geht aus den Zahlen jedoch nicht immer hervor, wo die Taten geschehen sind. Wird beispielsweise einem Reisenden in München die Geldbörse im Zug entwendet, der Fahrgast bemerkt den Verlust aber erst in Berlin, wird der Diebstahl auch dort angezeigt. Das gilt auch für Reisende, die Berlin verlassen.

Länderpolizisten und Bundespolizei haben nun die häufigsten Tatmethoden der Taschendiebe aufgelistet. „Unabhängig von der Vorgehensweise spähen die Täter ihre möglichen Opfer vor der Tat zielgerichtet aus und begleiten sie bis zum eigentlichen Tatort“, sagt ein Fahnder.

Die häufigsten Maschen sind:

Rempel-Trick Das Opfer wird im Gedränge angerempelt oder „in die Zange“ genommen. Einer der Täter bleibt plötzlich stehen, sodass das Opfer auf diesen aufläuft und dadurch abgelenkt wird. In diesem Moment entwendet der sogenannte „Zieher“ die Wertsachen. Neben Zügen zählen auch Rolltreppen, Drehtüren oder Fahrstühle zu den gefährdeten Bereichen.

Drängel-Trick In vollen Bahnen und in Geschäften rückt der Taschendieb unangenehm dicht an sein Opfer heran, bis dieses sich verärgert abwendet. In diesem Moment sind Hand- oder Umhängetasche griffbereit für den Täter.

Taschenträger-Trick Einer der Täter zeigt sich seinem Opfer gegenüber als besonders hilfsbereit und bietet an, die Reisetasche in den Zug zu tragen. Während der Täter mit der Tasche vorauseilt oder im Einstiegsbereich eines Zuges einen künstlichen Stau verursacht, stiehlt der Mittäter die mitgeführten Wertgegenstände aus der Umhänge- oder Handtasche des Opfers.

Klopfer-Trick Ein Taschendieb geht auf dem Bahnsteig den haltenden Zug ab. Parallel dazu schaut ein Komplize im Zug nach geeigneten Opfern. Hat er eins entdeckt, gibt er seinem Komplizen auf dem Bahnsteig ein Zeichen. Der Täter außerhalb des Zuges klopft vor dem Opfer von außen an die Scheibe und verwickelt sein Gegenüber in ein Gespräch, fragt beispielsweise nach dem richtigen Zug. Diese Ablenkung nutzt der Komplize drinnen, um abgelegte Wertsachen zu entwenden.

Schlitzer-Trick Bei dieser Variante führt der Taschendieb eine präparierte Rasierklinge oder einen ähnlich scharfen Gegenstand bei sich. Der Täter sucht sich eine Person aus, die die Geldbörse in der hinteren Hosentasche bei sich trägt. Mit der Rasierklinge schlitzt der Taschendieb die Gesäßtasche des Geschädigten auf, von seiner Jacke abgedeckt stiehlt er die Börse.

Nachtschwärmer-Trick Häufig nutzen Taschendiebe auch den tiefen Schlaf betrunkener Nachtschwärmer in den öffentlichen Verkehrsmitteln aus. Dabei greifen die Täter ihre Opfer zielgerichtet an. „Gestohlen werden insbesondere Mobiltelefone“, sagt Schobranski. „In manchen Monaten macht diese Methode 25 Prozent aller Taschendiebstähle aus.Ein anderes Phänomen, das in den vergangenen Jahren stark zugenommen hat, ist die Tat kurz vor Abfahrt des Zuges. Mit einem schnellen Griff entreißen die Täter das Mobiltelefon, während das Opfer telefoniert oder im Internet surft. In den meisten Fällen geschieht das unmittelbar vor dem Schließen der Zugtüren. Diese Taten werden jedoch meistens von Einzeltätern begangen, während die Bundespolizei bei den Taschendiebstählen von „klar strukturierten Banden“ spricht. „Taschendiebstahl ist nicht mehr nur ein lokales Phänomen, sondern wird regelmäßig von Gruppen dominiert, die sich innerhalb kürzester Zeit von Stadt zu Stadt und von Land zu Land in ganz Europa bewegen“, erklärt ein Ermittler der Bundespolizei. Die Täter seien überwiegend in Gruppen mit klarer Aufgabenteilung organisiert. Die Teams sind bis zu fünf Personen stark und unterteilen sich in „Blocker“, „Zieher“, „Abdecker“, „Transporteure“ und „Gegenobservanten“.

Die Aufgabenteilung in der Gruppe funktioniert nahezu automatisch, weshalb es schwer ist, die Täter zu fassen und Beweise zu liefern. „Kommt es bei einer geplanten Tat zu einer Änderung der Vorgehensweise oder zu einem Ausfall eines Täters, übernimmt ein anderes Bandenmitglied sofort die jeweilige Aufgabe“, sagt Schobranski. „Das geschieht ohne vorherige Absprache und mit der gleichen Professionalität.“