Diary Slam

Beim Diary Slam lesen Mutige aus ihren Tagebüchern vor

Bekenntnisse und Schwärmereien hat manch einer als Teenager seinem Tagebuch anvertraut. Beim Neuköllner Diary Slam geben Berliner ihre besten Geschichten zum Besten – und lachen mit den Gästen.

Foto: David Heerde

Lisa muss sich selbst kurz unterbrechen, zu stark ist der Lachkrampf, als es um ihre Beziehung zu Roman geht. „Ich will null komma null null null Prozent mehr was von ihm!!“, schrieb sie 2003 in ihr Tagebuch. „Heute in school hab ich mich wieder so von ihm verfolgt gefühlt!“ Wenige Tage später schaffte es die damals 14-Jährige.

„Hab auf dem Spielplatz mit ihm Schluss gemacht. Er war so lieb und verständnisvoll! Ich hätte am liebsten nicht Schluss gemacht!“ Das Publikum brüllt ebenfalls vor Lachen. Es sind dankbare Zuhörer, dankbar dafür, dass Lisa einst alles ihrem Tagebuch anvertraut hat. Und heute ihnen.

All die Gefühle, die sich innerhalb eines Nachmittags komplett ändern konnten, aber trotzdem ganz ernst und ganz bedingungslos waren. Und mit ganz vielen Ausrufezeichen verschriftlicht wurden.

Die tiefste Wahrheit aus tiefstem Herzen

„Das ist die tiefste Wahrheit aus dem tiefsten Herzen, das macht Tagebücher so spannend“, findet Kay Kastner. Er hat beim heutigen Diary Slam als Erster gelesen und schon nach dem Eintrag von 1990 die Lacher auf seiner Seite gehabt: „Langsam fang ich an, politisches Interesse zu kriegen. Ich kann zwar nicht sagen, ich bin Demokrat oder Anarchist oder so. Aber wenigstens ess’ ich jetzt kein Fleisch mehr.“

Einmal monatlich lädt der 40-Jährige, der eigentlich Videokünstler ist, zum Diary Slam in sein Neuköllner Atelier, dem Polymedialen Ponyhof. Wer dabei sein will, der kann ihn per Email kontaktieren.

„Ich finde Slams und öffentliches Lesen eigentlich eher anstrengend“, gibt Kay zu. „Aber Tagebücher sind was völlig anderes.“ So sieht das auch Luzie aus Kreuzberg. „Der Reiz am Diary Slam ist, dass diese Bücher nie mit der Intention geschrieben wurden, jemals vorgelesen zu werden“, sagt die 29-Jährige. „Das macht den Abend so authentisch.“

Die meisten Anwesenden vor und auf der Bühne sind zwischen 30 und 40 Jahre alt. Einmal las eine 70-Jährige. „Die Karten fürs Stones-Konzert haben 15 Mark gekostet! Scheiße teuer!“ Solche Zeitzeugenberichte seien Gold wert, findet Kay.

Alle Sätze mit Ausrufezeichen

Als sich Luzie mit ihrem bunten Smiley-Tagebuch in der Hand an das weiße Holzpodest mit der rostigen Schreibtischlampe setzt, klatschen die etwa 40 Zuschauer. Das vierte oder fünfte Mal sitzt sie schon dort. Und auch diesmal, kündigt sie an, wird es wieder nur um Jungs gehen.

„12. Juli 1999: Es ist Wahnsinn! Purer Wahnsinn!! Ich dreh gleich durch!!! Anja und ich waren heute beim Internetkurs und haben BlueEyedDevil kennengelernt!“ Das geschah in einem Chatroom und die Freundinnen fanden sofort Gefallen an dem unbekannten User aus Bayern. „Wir müssen ihn unbedingt im Internet wiedertreffen. Bitte, bitte, lieber Internetgott!!“

Doch daraus wurde nichts, so verließ man sich auf die Weisheiten aus einschlägigen Jugendzeitschriften. „Laut Bravo soll morgen Anjas Knutschtag sein. Meiner Dienstag. Mal gucken, da hab ich ja Cross-Lauf, vielleicht ist Nils wieder da.“

Frauen schreiben emotional, Männer machen Listen

Auffällig ist der Frauenüberschuss, auf der Bühne stärker noch als im Publikum. „Frauen schreiben mehr. Und anders, poetischer und emotionaler“, weiß Kay. Männer würden eher Listen machen, so wie er damals. „Was habe ich zu Weihnachten geschenkt bekommen, mit wem hab ich schon alles rumgeknutscht und so.“ Doch auch Maren liebte Listen.

Die 34-Jährige vergab Noten nach einem Punktesystem an die Typen in ihrem Leben. Mit 17 stand sie auf Markus. „Markus - sexy hoch drei! Typ Kfz-Mechaniker und Lippen wie Ralf Bauer!“ Doch nicht nur um Äußerlichkeiten ging es ihr.

„Falk und ich hätten sicher nicht lange Interesse aneinander“, schrieb sie nur wenige Wochen später. „Ohne Arroganz, aber... wir gehen das Leben doch intellektuell von völlig verschiedenen Seiten an! Er ist nicht dumm oder so... aber würde er mit mir nach Florenz fahren??“

Jeder Abend hat ein bestimmtes Thema

Jeder Diary Slam steht unter einem bestimmten Thema. Dieses Mal sollte es um „Politik und Polyester“ gehen, und Solmaz, 29 Jahre alt und gebürtige Frankfurterin, fand einen passenden Eintrag von 2001.

„War auf der 1.-Mai-Demo gegen den Fascho-Aufmarsch. Ich hab mich richtig cool gefühlt, so richtig links, wie ein echter Punk! Und es waren so viele süße Typen da!!!“ Ein bisschen peinlich sei das natürlich, aus dem eigenen Tagebuch vorzulesen, sagt Solmaz. Aber auch sehr schön, sich mit dieser Distanz betrachten und gemeinsam mit anderen über sich selbst lachen zu können.

„In dem Moment, wo man vorliest, merkt man, wie süß, bescheuert, intelligent und dumm man damals war.“ Automatisch baue man eine Distanz zu seinem früheren Ich auf, das mache das Lesen einfacher.

Dabei wirken viele Einträge der damals 14-, 15-, 16-Jährigen beinah zynisch in ihrem pubertären Egozentrismus. Carolin etwa erinnert sich ans Weihnachtsfest 1991, da war sie 14 Jahre alt. „Weihnachten war scheiße. Hohles Fest mit Fressereien. Es ist echt beschämend, wir fressen uns voll und die Menschen aus der ehemaligen UdSSR hungern. Außerdem hab ich mindestens zwei Kilo zugenommen!“

Unfreiwillige Komik

Ähnlich komisch in ihrer Zusammenhangslosigkeit Lisas Kommentare zu den Nachwehen von den Anschlägen am 11. September und dem Irakkrieg: „27.03.2003: Krieg ist immer noch. Ich mach jetzt so ne Art Diät.“ Drei Tage später: „Hab Cellulitis. Kacke. Muss mal so Übungen machen. Fuckshit!!“

Ihr Äußeres scheint die Mädchen heftig umgetrieben zu haben. Nur die zweitägigen Beziehungen und Nachrichten auf dem Schultisch nehmen noch mehr Platz in den Tagebüchern ein. Auch in der Gunst des Publikums. Nach dessen Lieblingsthema gefragt, zögert Kay nur kurz. „Liebe, Sex und Zärtlichkeit!“

Anmeldung unter www.kaykastner.de