Gast bei Jauch

Abdul Adhim Kamouss - Vorzeige-Imam oder schlimmer Hetzer?

Durch seinen Auftritt bei Günther Jauch macht ein Berliner Imam von sich Reden. Dort gab sich der Neuköllner Salafisten-Prediger Abdul Adhim Kamouss radikal - und entpuppte sich als Quasselstrippe.

Foto: Axel Schmidt / ddp images/dapd

Günther Jauch schien erst bei der Verabschiedung bemerkt zu haben, dass ihm die Kontrolle über die Sendung entglitten war. „Es gibt Menschen, die möglicherweise hier zu viel gesagt haben“, bemerkte der Talkmaster. Da hatte er Recht. Denn Abdul Adhim Kamouss, der bundesweit auftretende Prediger aus der Neuköllner Al-Nur-Moschee, hatte selbst Politiker, die nicht unbedingt für ihre Zurückhaltung bekannt sind, etwa den Neuköllner Bürgermeister Heinz Buschkowsky (SPD) und den CDU-Innenpolitiker Wolfgang Bosbach, in Grund und Boden geredet.

„Ich glaube an die Kommunikationskunst, dass man einfach redet“, hatte Kamouss gleich zu Beginn der Sendung gesagt. Dieses Versprechen hielt er ein. Wofür er steht, blieb trotz der üppigen Redezeit, die er sich selbst gewährte, dennoch im Dunkeln. Die Jauch-Redaktion hatte ihm die Rolle des mysteriösen Salafisten zugedacht, der das friedliche Zusammenleben und die Werte des westlichen Abendlandes bedroht. Kamouss wollte das Klischee aber nicht bestätigen. Stolz hielt er ein Schreiben des früheren Berliner Innensenators, Ehrhart Körting (SPD), in die Kamera, der ihm für sein Engagement bei Integrationsprojekten dankte.

Jauch konterte mit dem Ausschnitt einer Predigt, in der Kamouss erklärte, dass eine Frau die Bitte ihres Angetrauten, sich „zu Bett“ zu begeben, nicht ausschlagen solle – die Engel würden sie auf ewig verfluchen. Für etwa eine Viertelsekunde zeigte sich danach selbst Kamouss sprachlos. Dann verwies er darauf, dass die Ansprache aus dem Jahr 2002 stamme. „Haben Sie sich weiterentwickelt?“, wollte Jauch wissen. „Ja!“, schoss es aus Kamouss heraus. Auch seine damalige Ansicht, dass eine Frau die Erlaubnis des Mannes brauche, um das Haus zu verlassen, sei „falsch“ gewesen. Kamouss’ Glaubwürdigkeit hatte angesichts seines Redeschwalls allerdings arg gelitten. Wer also ist dieser „Prediger, der wie eine Blume aufgeht“ (Kamouss über Kamouss)? Ein integrierter Vorzeige-Imam, der – so sieht es Kamouss selbst – heißblütige jugendliche Muslime von Radikalisierungen zu „Gotteskriegern“ abhalten kann? Oder – wie der „Spiegel“ ihn titulierte – ein „Scharfmacher“, der sich in Talkshows lammfromm gibt, in dunklen Hinterzimmern aber gegen die Demokratie hetzt?

Ein wichtiger Salafisten-Prediger

Das Belobigungsschreiben der Innenverwaltung gibt es jedenfalls tatsächlich. „Für die Vorbereitung der Woche gegen Gewalt sind Ihre Beiträge sehr wertvoll“, heißt es. Der Brief datiert vom Februar 2011. Das ist reichlich absurd, denn nur wenige Monate später nannte der Berliner Verfassungsschutz Kamouss in seinem Jahresbericht für 2010 als einen der wichtigsten Prediger der Berliner Salafisten-Szene – jener Bewegung also, deren Ideologie die Grundlage auch für militante Dschihadisten ist.

Abdul Adhim wurde 1977 in der marokkanischen Hauptstadt Rabat geboren. Im September 1997 zog er als Student der Elektrotechnik nach Leipzig, später nach Berlin. Die Verantwortlichen der Al-Nur-Moschee, schon damals ein wichtiger Treff für fundamentalistische Muslime, erkannten, dass er Menschen mitreißen konnte. Kamouss predigte auf deutsch und griff in Ansprachen die Lebenswirklichkeit junger Muslime auf. Von Integration und Toleranz sprach er, anders als bei Jauch, zunächst aber selten. Stattdessen geißelte er die vermeintliche Dekadenz der westlichen Welt. „Alles in unserer Zeit ist verdreht“, herrschte er seine Zuhörer noch 2009 an. „Das Schlechte ist gut geworden und das Gute ist schlecht geworden.“ Dann polemisierte er gegen die Frauenbewegung, gegen Diskotheken, Drogen und Materialismus – und warnte seine oft minderjährigen Anhänger vor dem jüngsten Tag, an dem „gewaltige starke Engel mit schlechtem Geruch“ Sünder in die Hölle ziehen würden. Von „Freunden, die dich nach hinten zurückziehen“ solle ein guter Muslim sich fernhalten.

Islamismus-Experten warfen Abdul Adhim vor, damit eine Grundlage für Radikalisierungen zu legen, auf der Dschihadisten aufbauen können. Doch mit den Militanten, auch das zeigte sich 2009, wollte Abdul Adhim nichts zu tun haben. Im Gegenteil: Deutlich wie kaum ein anderer Prediger sagte er ihnen den Kampf an: „Wir wollen so etwas nicht unter uns haben“, rief er in der Al-Nur-Moschee. Wild gestikulierte er mit den Händen – und duldete keinen Widerspruch: „Jeder, der angesprochen wird, in den Dschihad zu gehen: Er soll das melden bei mir!“ Den militanten Rattenfängern drohte er Hausverbot an. Dschihadistische Salafisten bezeichneten ihn nun als „Abtrünnigen“.

Kamouss’ neuere Ansprachen zeigen, dass er sich der oft problematischen Wirkung seiner Worte immer bewusster wird. Längst spricht er nicht mehr von „Ungläubigen“ sondern von „Nichtmuslimen“ oder einfach von „allen Menschen“. Zum Verhältnis der Religionen sagte er: „Wenn es um gute Dinge geht, bin ich mit Juden, mit Christen, mit Atheisten Hand in Hand“. Sein Beispiel zeigt, wie schwierig es sein kann, sich über moderate Wortführer der salafistischen Szene eine Meinung zu bilden. Angesichts seiner Ansprachen zur Rolle der Frau mögen ihn manche als Bedrohung für die Werte der Aufklärung sehen. Weil er die Bedeutung der Scharia betont, halten ihn andere womöglich für einen Gegner der Demokratie.

Zwei Dinge zeigt der Auftritt Kamouss’ bei Günther Jauch: Klischeevorstellungen lassen sich nach einem Gespräch mit angeblichen oder tatsächlichen Islamisten kaum halten. Und: Umstrittene Imame können echte Quasselstrippen sein.