Partymeilen

So will der Senat die Akzeptanz für den Tourismus fördern

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Joachim Fahrun

Foto: Reto Klar

Der Senat will mit einem Konzept die Akzeptanz des Tourismus in der Stadt erhöhen. Aber so richtig glauben die Politiker nicht, dass die vielen Besucher für Lärm und Müll verantwortlich sein sollen.

In manchen Innenstadtbezirken stellt der boomende Berlin-Tourismus die Toleranz der Bewohner auf die Probe. Vor allem in Friedrichshain-Kreuzberg äußern Bürger schon länger Kritik an der unbegrenzten Entwicklung, die vielerorts an den Partytourismus am Ballermann auf Mallorca erinnert. Der Bezirk ist inzwischen hinter den klassischen City-Bezirken Mitte und Charlottenburg-Wilmersdorf mit 3,5 Millionen Übernachtungen auch quantitativ auf Platz drei in Berlin.

Ein Ende des touristischen Aufschwungs ist nicht in Sicht, im ersten Halbjahr 2014 meldeten die Statistiker ein Plus von 6,3 Prozent bei den Übernachtungen auf 13,2 Millionen und von 4,4 Prozent bei den Gästen.

Jeder Dritte fühlt sich gestört

Mit ihrer Kritik an manchen Auswirkungen des Booms stehen die Friedrichshain-Kreuzberger nicht alleine da. Im Bezirk beklagt jeder dritte Beeinträchtigungen durch den Tourismus. Aber auch in Alt-Mitte fühlt sich jeder fünfte Bürger durch Touristen gestört, wie die bisher unveröffentlichte Bevölkerungsumfrage der Tourismuswerber von „Visit Berlin“ ergeben hat. In Tiergarten sind es 17 Prozent und in Schöneberg und Prenzlauer Berg jeweils 13 Prozent. Dass es aber nicht unbedingt viele Fremde vor der eigenen Haustür braucht, um sich durch den Tourismus gestört zu fühlen, zeigen die Ergebnisse aus Hohenschönhausen und Hellersdorf. Auch in den östlichen Außenbezirken, die nicht eben als Hochburgen des Fremdenverkehrs bekannt sind, gaben je 17 Prozent der Befragten an, durch Touristen in ihrem persönlichen Leben Einschränkungen zu empfinden.

Die Kritiker wenden sich vor allem gegen eine „zu volle Innenstadt“. 30 Prozent ist das Geschiebe im Zentrum zu viel geworden. 17 Prozent sagen, es sei zu laut geworden, neun Prozent werfen den Besuchern vor, Busse und Bahnen zu blockieren. Je fünf Prozent klagen über Saufgelage und Partys sowie über zu viel Müll.

Der Senat hat sich jetzt in seinem Konzept zur Akzeptanzförderung erstmals offiziell zu dem Phänomen geäußert. Generell gebe es keine Ablehnung des Tourismus in Berlin, heißt es in dem Papier. Ein Problem sei jedoch die räumliche Konzentration des Tourismus auf die fünf Innenstadtbezirke Mitte, Friedrichshain-Kreuzberg, Tempelhof-Schöneberg, Charlottenburg-Wilmersdorf und Pankow. „Subjektiv als negativ empfundene Begleiterscheinungen“ kämen „fast ausnahmslos“ in diesen Bezirken vor, heißt es weiter in der Analyse. Als Lösung sollte versucht werden, die Besucherströme zu entzerren und auch dezentrale touristische Angebote in anderen Regionen der Stadt zu vermarkten, die Besucher also auch in die Spandauer Zitadelle oder in die Köpenicker Altstadt zu locken.

Kein übergreifendes Konzept gegen Lärm

Wirtschaftssenatorin Cornelia Yzer (CDU) und der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) gehen in dem Bericht auch auf das Thema Ferienwohnungen ein. Die „exzessive Nutzung von Wohnraum als Ferienwohnungen“ hat laut Yzer und Wowereit „in den touristisch begehrten Innenstadtlagen neben der Verteuerung von Wohnraum auch zu zusätzlichem Lärm bzw. verstärkten Verschmutzungen“ geführt.

Dagegen hat die Koalition das Zweckentfremdungsverbot beschlossen. Der Senat hat 34 Stellen zur Verfügung gestellt. Die Bezirke beklagen jedoch, dass das Personal nicht ausreiche, um wirksam zu kontrollieren.

Gegen Lärm-Klagen steht in dem Konzept wenig. Es heißt dort, es sei fraglich, ob und zu welchem Teil der Tourismus ursächlich ist für eine Konzentration von Gastronomie oder Open-Air-Veranstaltungen. Lösungen für Lärmprobleme müssten vor Ort gefunden werden.

Ähnlich argumentieren Yzer und Wowereit in Bezug auf Müll in Grünanlagen, auf Plätzen und Gehwegen. Gelegentliche starke Verschmutzungen in Parks seien „der verstärkten Nutzung durch die Wohnbevölkerung zuzuschreiben“ und nur zum Teil den Touristen. Insgesamt werde aber geprüft, städtische Grünflächen künftig effizienter zu reinigen. Straßen mit vielen Kneipen und Restaurants würden häufiger von der Berliner Stadtreinigung gesäubert, bis zu zehn Mal wöchentlich.

Senat will Tourismus-Skepsis abbauen

Auch an dem Problem, Reisebusse reihenweise direkt vor Sehenswürdigkeiten abzustellen, arbeitet der Senat konzeptionell. Es gebe „temporäre Überlastungserscheinungen“. An der Museumsinsel werde exemplarisch ein Reisebusmanagementsystem installiert. Parkinformationen werden gegeben und die Einfahrt in einem Terminalsystem eingeschränkt, umreißt das Konzept die entwickelte Idee.

Um die Tourismus-Skepsis in der Bevölkerung zu bekämpfen, will der Senat den Berlinern klar machen, wie wichtig die Branche ist. Nur 59 Prozent der Befragten sei die wirtschaftliche Bedeutung des Tourismus bewusst, der 11,5 Milliarden Euro pro Jahr erwirtschaftet und 275.000 Menschen Arbeit gibt. Die Tourismusbranche solle für die Berliner „zugänglicher und erlebbarer“ gemacht werden. So sollen sie vergünstigt in Hotels übernachten oder kulinarische Angebote wie das der „Berliner Meisterköche“ genießen können.

Dass kein roter Faden dieses Sammelsurium von Maßnahmen durchzieht, räumt der Senat ein. Es könne ja auch nicht von einem „signifikanten Akzeptanzproblem“ gesprochen werden. Ein „eigenständiges Konzept zur Akzeptanzerhaltung“ sei deshalb „nicht zielführend“. Stattdessen müsse flexibel auf die neuen Herausforderungen reagiert werden, heißt es.