Kommentar

Beim S-Bahn-Anschlag werden Fahrgäste zu wehrlosen Opfern

Saboteure legen eine hauptstädtische Verkehrsschlagader lahm - und treffen damit Fahrgäste als wehrlose Opfer. Dagegen würde allein ein schnelles Ergreifen der Täter helfen, meint Jochim Stoltenberg.

Foto: Paul Zinken / dpa

Wie anfällig die moderne Industriegesellschaft mit ihren allzeit bereiten Kommunikations- und Mobilitätssystemen ist, erleben gerade wieder Zehntausende Berliner und Pendler aus Brandenburg.

Weil ein Feuer in einem Kabelschacht der S-Bahn entfacht wurde, sind wichtige Kabelstränge für die Weichen- und Signalsteuerung zerstört worden – mit der Folge, dass schon wieder zwei der wichtigsten Berliner Nahverkehrsadern für mehrere Tage ausfallen.

Weil der Anschlag just an derselben Stelle nahe der Elsenbrücke in Friedrichshain-Kreuzberg verübt wurde, wie bereits im Mai 2012, lag schon von Beginn an der Schluss nicht fern, dass es sich um einen ebenfalls linksextremen Täterkreis handelt.

Die Fahrgäste als wehrlose Opfer

Eine Gruppe aus diesem linksextremen Milieu bekannte sich so auch am Donnerstagabend im Internet zu dem Anschlag. In ihrem Bekennerschreiben beziehen die Täter sich auf die Flüchtlinge, die derzeit auf dem Dach eines Hostels in Friedrichshain ausharren.

Diejenigen Fahrgäste, die warten müssten, verlören ein wenig Zeit, die Flüchtlinge verlören bei einer Abschiebung jedoch ihre Freiheit oder ihr Leben, hieß es in dem Bekennerschreiben.

Aus diesem Motiv heraus wurde also in Teil der hauptstädtischen Verkehrsschlagader lahmgelegt – und die Fahrgäste waren wehrlose Opfer. Sie mussten und müssen viel zusätzliche Zeit und Unbequemlichkeiten in Kauf nehmen, was wiederum Ärger, Wut und Frust auslösen kann.

Anschlagziele zuhauf

Das wirft einmal mehr die Frage auf, zumal es sich um eine Wiederholungstat an derselben Stelle handelt, ob die Sicherungsmaßnahmen an solch zentralen technologischen Schnittstellen nicht zu verbessern sind. Möglich ist es sicherlich, aber angesichts eines 330 Kilometer langen S-Bahn-Streckennetzes mit 170 Bahnhöfen in Berlin ist es hundertprozentig nicht zu erreichen.

Helfen würde allein ein schnelles Ergreifen der Täter samt drastischer Strafen. Aber noch sind nicht einmal die Zündler vom Mai 2012 gefasst. Bleibt die bittere Erkenntnis, dass eine Gesellschaft, die immer mehr auf immer kompliziertere Technik setzt, damit leben muss, dass sie Saboteuren Anschlagziele zuhauf bietet.

Dagegen darf eine Gesellschaft keineswegs achselzuckend dreinschauen, wenn Brandstifter – aus welchen Gründen auch immer – ein Gotteshaus anzünden, wie es gerade auch in Berlin geschehen ist. Um den Anschlag gegen die Moschee am Kottbusser Tor ist es bislang bedenklich ruhig geblieben.