„FahrradStadtBerlin“

So will der Senat die Berliner aufs Rad bringen

BMX-Parks, Gratis-Fahrräder und ein Blog: Zum sechsten Mal zeichnet der Senat Projekte aus, die sich um den Fahrradverkehr in Berlin verdient machen und Menschen zum Radfahren bewegen.

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Jens Werner hat sich ums Fahrrad verdient gemacht. Nicht nur darum. Auch um die Jugend. Werner ist Projektleiter des Vereins Mellowpark. Seit 2010 unterstützt er jugendliche BMX-Fahrradfahrer und Skateboarder. Auf seinem Gelände An der Wuhlheide 256 steht Deutschlands einzige Supercross-Strecke, eine herausfordernde Abfolge von Rampen, Röhren und Hindernissen.

Nun ist so ein kleines BMX-Rad, erfunden, um die unmöglichsten Stunts zuwege zu bringen, nicht das optimale Verkehrsmittel für Berlins Straßen. Trotzdem ist es ein Fahrrad – und für sein jahrelanges Engagement dafür wurde Werner am Donnerstag von der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung geehrt.

Vor zehn Jahren hatte der Senat die erste „Radverkehrsstrategie für Berlin“ beschlossen. Seit 2007 vergibt er einen Preis an jene, die sich ums Fahrrad besonders verdient gemacht haben: die Auszeichnung „FahrradStadtBerlin“. Der Preis ist eine Urkunde, die Auszeichnung symbolischer Natur. Er soll mehr Menschen zum Radfahren bewegen.

1,5 Millionen Fahrten in Berlin täglich

„Die Fahrradstadt“, sagte Christian Gaebler (SPD), „ist nichts, was von oben verordnet werden kann.“ Berlin zur Radmetropole zu machen, sei ein Projekt „aller“, so der Verkehrs-Staatssekretär. Politiker wie Bürger müssten mitarbeiten. Gaebler wollte deshalb am Donnerstag den Einsatz solcher Bürger honorieren. Denn „das Fahrrad ist das umweltfreundlichste Fahrzeug überhaupt“. Täglich würden mehr als 1,5 Millionen Wege in Berlin mit dem Fahrrad zurückgelegt, jährlich kämen weitere Strecken hinzu.

In den letzten zehn Jahren wurden mehr als 50 Millionen Euro in Berliner Radverkehrsvorhaben investiert. Im vergangenen Doppelhaushalt blieb das Budget für die Förderung des Radverkehrs „ungeschmälert“ erhalten, so die Senatsverwaltung. Die Sachmittel für neue Radverkehrsinfrastruktur seien sogar auf vier Millionen Euro pro Jahr erhöht worden, für die Sanierung von Radverkehrsanlagen könnten zwei Millionen Euro pro Jahr ausgegeben werden, erklärte die Senatsverwaltung.

„Neben den Verbesserungen bei der Infrastruktur, die zweifellos wichtig sind, muss die Radverkehrsförderung auch bei den Menschen ansetzten“, sagte Staatssekretär Gaebler. „Nicht zufällig gehen die diesjährigen Auszeichnungen zur Fahrradstadt Berlin deshalb an Projekte, die unterschiedliche Nutzergruppen auch emotional ansprechen. Gaebler selbst habe sich das Thema Radverkehr schon eine Weile zu Herzen genommen, sagte er. „Doch der Erfolg dieser Strategien gründet sich in den Aktivitäten vieler Teilnehmer.“

In diesem Jahr sind die drei Preisträger neben Jens Werner und Mellowpark e.V. die Initiatoren des Blogs „Alle Macht den Rädern“, der sich kritisch mit Fahrradfreundlichkeit in Berlin auseinandersetzt, und das „25hours Hotel Bikini Berlin“ das Gästen gratis Fahrräder leiht und sogar Zimmer damit ausstattet. Alle drei Projekte widmen sich unterschiedlichen Aspekten der Fahrradstadt.

Möglichst viele Ideen sollen realisiert werden

Schon in den vergangenen Jahren wurden – von Ingenieuren bis zu Journalisten, Regisseuren und Kurierdiensten – Ideengeber mit dem Preis bedacht. Vorschläge, wer dieses Jahr mit der Urkunde geehrt werden sollte, konnte jeder bei der Senatsverwaltung einreichen. Die endgültige Entscheidung liegt beim sogenannten Fahr-Rat. Nach dem Vorbild eines runden Tisches ist der Fahr-Rat ein Gremium, das unterschiedliche Akteure, die an der Entwicklung eines fah rradfreundlicheren Berlins beteiligt sind, vereinen soll. Dazu gehören Politiker genauso wie Privatleute.

„Natürlich versuchen wir, möglichst viele Ideen zu realisieren“, sagte Burkhard Horn, Leiter der Verkehrsabteilung bei der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung. Horn moderierte die Preisverleihung am Donnerstag. „Doch es gibt immer die, denen es zu langsam geht, wie die, denen Fahrradförderung viel zu schnell geht.“ Solange dieser Zustand anhalte, sei die eingeschlagene Richtung ein Mittelweg – und somit richtig. Trotzdem sei Druck von außen, auf die Politik, notwendig, um angedachte Prozesse zu beschleunigen, sagte Horn.

Zu denen, die diesen Druck erzeugen, gehören die drei Gründer und Autoren von „Alle Macht den Rädern“. Sie traten am Donnerstag in Wilmersdorf als erste vor das Publikum: Ulrike Heringer, Till Runge und Kevin Schön kritisieren in ihrem Blog Missstände im Berliner Verkehr. Außerdem entwickeln sie neue Ideen und loben bereits gelungene Projekte.

„Das Thema weit zu verbreiten, vor allem in den Social-Media-Bereichen, ist eines der Ziele dieser Auszeichnung“, erklärte Horn. Daher stünden die drei Blogger auch stellvertretend für Dutzende andere auf der Bühne, die sich auf ihren Internet-Seiten ebenfalls dem Thema widmeten.

Designerrad als Szenestatement

Modernität ist eines der Schlagworte auf der Preisverleihung. Ein funktionierendes Fahrradsystem berlinweit realisieren zu können – so stellt man sich die Zukunft vor. Das erklärt auch, weshalb Michael Wünsch, Direktor des „25hours Hotel Bikini Berlin“ am Breitscheidplatz, ebenfalls ausgezeichnet wurde.

Denn das neuen Hotel habe „den Image- und Wertwandel, den das Radfahren zurzeit erfährt, in innovativer Weise genutzt und verstärkt“, so Horn. Das Fahrrad habe sich in den vergangenen Jahren zum Kultobjekt entwickelt. Fahrräder seien schick, teilweise teuer und immer mehr Statement einer selbst- und modebewussten Szene, sagte der Vertreter der Senatsverwaltung.

In 28 Zimmern des von Wünsch geführten Hotels stehen Besuchern Fahrräder zur Verfügung, die sie ohne weiteren Preisaufschlag nutzen können. Dabei handelt es sich, selbstredend, nicht um irgendwelche Räder. Keine „von der Stange oder aus dem Baumarkt“, wie Burkhard Horn lobte. Die Räder kommen alle aus einer Manufaktur. In Form und Idee sind sie dem schlichten, aber kostspieligen Interieur des Hotels angepasst. Auf dem Design-Fahrrad gelangen die Gäste vom Breitscheidplatz aus fast überall hin. Leise. An der frischen Luft. Also nicht nur mode-, sondern auch umweltbewusst.