Street-Art

Wie zwei Künstlerinnen Graffiti-Monster zum Kuscheln bringen

Fliegende Krokoschweine, Wollmonster und eine Krake mit Basecap: Berlins Hauswände sind voll von schrägen Wesen. Bevor sie übermalt werden, machen zwei Künstlerinnen sie als Kuscheltiere unsterblich.

Große Angst jagen einem die „Monster der Großstadt“ nicht ein, im Gegenteil. Richtig süß ist der große grüne Kuschelkrake mit Basecap, spitzem Gebiss und langer Zunge, der durch ein großes, schläfriges Auge müde in die Welt blickt. Ursprünglich prangte er auf einem Graffito auf dem Friedrichshainer RAW-Gelände, doch das Wandbild existiert schon lange nicht mehr.

Da der gemalte Krake dieses Schicksal mit vielen Kollegen aus der Street-Art-Welt teilt, haben es sich Fotografin Juliane Halsinger und Modedesignerin Nicole Mieth zur Aufgabe gemacht, diese Großstadt-Monster zu konservieren. Nicole Mieth näht sie nach, Juliane Halsinger fotografiert sie vor ihren Originalvorlagen, so diese noch vorhanden sind. „Ich finde es einfach lustig, dass man etwas, das man nicht greifen kann, aus der Wand rausholen kann“, sagt Nicole Mieth, die sich auf das Designen von Kuscheltieren spezialisiert hat.

Die Wände ihres Ladens an der Schliemannstraße in Prenzlauer Berg sind bestückt mit den kleinen und großen Ergebnissen ihres Gemeinschaftsprojekts mit Juliane Halsinger. Da gibt es das blaue Wollmonster, einem Bild aus dem RAW-Gelände im Friedrichshain entnommen, oder das fliegende rosa Krokoschwein aus Neukölln. Besonders gelungen ist die „Alien-Sexbombe“, einem Wandbild auf dem Helmholtzplatz in Prenzlauer Berg entlehnt. Mit ihren Riesenaugen und dem knappen grünen Kleidchen verdreht sie auf dem Graffito einem kleinen Männchen den Kopf, das ihr von hinten an den Po greift.

Verliebt in die Katzenhasserin

„Eigentlich fing alles damit an, dass sich Jula extrem in Little Lucy verliebt hat“, erzählt Nicole Mieth, die ihren Laden voller selbstgenähter Produkte neben Juliane Halsingers Fotostudio hat. Little Lucy ist eine Fantasiegestalt des Berliner Street-Art-Künstlers El Bocho, der sich auch mit seinen schönen Frauenfiguren einen Namen in der Szene gemacht hat. Dass Nicole Mieth ein großer Fan seiner Kunst ist, braucht sie kaum zu erwähnen, sieht sie mit ihrem ebenmäßigem Gesicht und den rot-pinken langen Haaren doch aus wie einem von El Bochos Wandbildern entsprungen.

Little Lucy aber ist von ganz anderem Kaliber – ein kleines, schielendes Mädchen, das sich durch einen extremen Katzenhass auszeichnet. „Sie zerreißt Katzen, erhängt sie, brät sie am Dönerspieß oder schießt sie ins All“, gibt Juliane Halsinger nur eine kleine Auswahl von Little Lucys Foltermethoden zum Besten. Aufmerksamen Berlinern wird die eine oder andere Episode auf den Hauswänden der Stadt nicht entgangen sein. „Little Lucy ist einfach sooo Berlin“, schwärmt Halsinger, selbst Berlinerin, und streicht sich ihre langen Haare zur rechten Seite. Links hat sie einen Undercut. „Man sieht sich ja ein bisschen selber in dieser görenhaften Rolle.“

Durch die geschäftliche Nachbarschaft lernten sich die beiden Frauen kennen. „Nachts lang gearbeitet und zusammen vorm Laden geraucht, das schweißt zusammen“, zeichnet Halsinger knapp die Geschichte ihrer Freundschaft nach. Zu ihrem Geburtstag vor zwei Jahren wollte Nicole Mieth ihr eine Freude machen und nähte Little Lucy als Kuscheltier nach. Als die beiden dann aber ein Gruppenfoto von der kleinen Katzenhasserin mit ihrer Graffito-Kollegin in 2-D schießen wollten, war das Wandbild schon weiß übertüncht. Die Idee war geboren.

„Das ist nämlich das Problem – vor allem in Prenzlauer Berg. Mittlerweile hält kaum ein Graffito mehr als drei Tage, sofort wird es weiß übermalt“, echauffiert sich Nicole Mieth. Allerdings lebe davon auch das Projekt der beiden. „Wir erhalten diese Kunstwerke in Form der Kuscheltiere.“ Ob die Künstler selbst die Idee so toll finden, dass da jemand ihre Fantasiewesen nachnäht? Das wissen die beiden Kuscheltierexpertinnen auch nicht. Geld verdienen sie damit jedenfalls nicht, im Gegenteil. „Ich designe ja selbst auch“, sagt Mieth, die vor 15 Jahren aus der Nähe von Frankfurt am Main nach Prenzlauer Berg zog. „Ich würde nie die Idee eines anderen in Reihe nachnähen und in meinem Laden anbieten.“

„Monster der Großstadt“: Street-Art-Wesen auf Facebook

Im vergangenen Jahr stellten die beiden einige ihrer Monsterbilder in einem Café an der Weinmeisterstraße in Mitte aus. Doch über eine Zu- oder Absage zu einem weiteren Ausstellungsangebot denken sie gerade nach, weil die ganze Monsterarbeit neben ihren Vollzeitjobs ganz schön viel Zeit einnimmt. Mittlerweile haben sie auch einen „Monster der Großstadt“-Facebook-Account eingerichtet und freuen sich über Bilder lustiger Street-Art-Wesen aus der ganzen Stadt.

Haben sie eine Gestalt gefunden, geht für Nicole Mieth die Arbeit los. „Ich mach mir dann Gedanken, wie die Tierchen umzusetzen sind“, schildert sie. „Ich überlege mir einen Schnitt, betreibe Stoffrecherche, mache eventuell eine Musterschablone. Das Ergebnis soll ja so nah wie möglich ans Original herankommen.“ Ist das Kuscheltier genäht, kommt Juliane Halsinger mit ihrer Kamera ins Spiel, denn wenn die beiden Glück haben, ist das Originalwandbild noch da. „Ich lehne mich dann entspannt zurück und frage Jula einfach, wo genau ins Bild ich das Monsterchen halten soll“, lacht Nicole Mieth. Oft aber sind sie zu spät dran und finden nur noch eine weiße Wand vor. Dann verschenken sie die Tiere oft an Freunde.

Dass Street-Art nach wie vor unter Vandalismus fällt, davon sind die beiden Frauen wenig begeistert. „Die Künstler können sich nie mit ihrem Gesicht zu ihren Kunstwerken bekennen“, beklagt Mieth das geltende Recht. „Ich hoffe einfach, die freuen sich, dass wir ihre Kunstwerke konservieren.“