LKA Vermisstenstelle

Ermittlungen im Namen der unbekannten Toten von Berlin

Dutzende Unbekannte sterben jedes Jahr in Berlin, werden in Parks oder Kanälen gefunden. Bei der Polizei suchen Spezialisten nach ihrer Identität – und versuchen, den Toten ein Stück Würde zu geben

Foto: Massimo Rodari

Was der Unbekannte noch über sein Leben erzählen konnte, füllt knapp zwei Dutzend Seiten in einem grauen Aktenordner. Jedes seiner Kleidungsstücke hat die Polizei einzeln fotografiert und die Bilder abgeheftet. Eine Jeanshose, schwarze Sportschuhe, ein Pullover, eine kurze schwarze Jacke, Unterwäsche. In den Hosentaschen steckten zwei Feuerzeuge und eine Zigarette. Einen Rucksack hatte der junge Mann dabei. Darin: Nur eine halb leer getrunkene Flasche Cola.

Auf anderen Fotos in der Akte ist er selbst zu sehen. Und der Ort, an dem man ihn fand. Kurze braune Haare, eine breite Nase, die Augen halb geschlossen, der Mund unnatürlich verzerrt. Die Laube in der Kleingartenanlage in Reinickendorf, die Wäscheleine aus blauem Kunststoff, gekonnt zu einer festen Schlaufe geknotet.

Die Rechtsmediziner haben ihn gewogen und gemessen, sein Alter geschätzt. 30, vielleicht 35, höchstens 40 Jahre alt könnte er gewesen sein. Eine sportliche Gestalt, 178 Zentimeter groß. Die Aufnahmen der Computertomografie zeigen mehrere Füllungen in den Backenzähnen. Und ein verschraubtes Implantat um den zweiten Lendenwirbel im Rücken.

Ein Ehepaar habe den Unbekannten gefunden, sagt Kriminaloberkommissar Uwe Dziuba. An einem Sonnabend vor ein paar Wochen Mitte April waren sie zu ihrer Laube in der Kleingartenanlage gefahren. Die Frau habe erst noch mit dem jungen Mann geschimpft, der da einfach in ihrem Garten war. „Der ist tot“, habe ihr Ehemann dann gesagt. Niemand in der Kleingartenanlage hatte den Toten je zuvor gesehen oder gar gekannt. Warum er ausgerechnet dort seinem Leben ein Ende setzen wollte, wird sein Geheimnis bleiben.

„Unbekannte Tote“: Zahl der Fälle in Berlin steigt

Wenn in Berlin Menschen sterben, die keine Papiere bei sich tragen, keine persönlichen Gegenstände oder eindeutige Hinweise auf ihre Identität, dann beginnt die Arbeit von Uwe Dziuba, 52, und seinen Kollegen bei der Vermisstenstelle des Landeskriminalamts (LKA). „Unbekannte Tote“ gibt es oft in einer Großstadt wie Berlin. Obdachlose, die namenlos auf der Straße sterben. Suizide im Park. Tote im Teltowkanal, in der Spree oder in einem der vielen Seen. Wenn es dabei Hinweise auf eine Straftat gibt, übernimmt eine Mordkommission den Fall. Wenn nicht, dann die Vermisstenstelle.

Vergangenes Jahr gab es 75 solcher Fälle. Es werden von Jahr zu Jahr eher mehr, sagt Ulrike Rohloff, 46, Kriminalhauptkommissarin und Dziubas Kollegin. In den Jahren zuvor habe die Zahl zwischen 30 und 50 Fällen geschwankt. „Vielleicht liegt das daran, dass die Anonymität in Berlin wächst“, sagt Rohloff. „Man schaut weniger nach rechts und links zu den Leuten um sich herum.“ Viele der Einsamen, nach deren Namen die Kommissare suchen, werden nicht einmal von irgendjemandem vermisst. Und doch schaffen es die Polizisten fast immer, die Identitäten der Toten aufzuklären. Es ist eine Rätselarbeit, mit nicht viel mehr als dem Toten selbst auf dessen Leben schließen zu können. Nur wenige Fälle bleiben ungelöst, im vergangenen Jahr war es keiner.

Die Polizei beschlagnahmt die unbekannten Toten. Erst nach drei Monaten werden sie dann bestattet – anonym, falls ihre Identität zuvor nicht geklärt werden konnte. Ihre Leichen werden immer obduziert. Zunächst muss geklärt werden, ob nicht doch ein Fremdverschulden als Todesursache vorliegt. Aber der Obduktionsbericht liefert auch bei einem natürlichen Tod, Unfall oder Suizid wichtige Anhaltspunkte für die weiteren Ermittlungen. Narben, Tattoos oder Piercings können Hinweise auf die Identität geben. Oder auch Implantate.

Acht Schrauben an einem Metallgestell hatte der tote junge Mann aus der Reinickendorfer Kleingartenanlage in seinem Rücken. Jede einzelne davon ist mit einer kleinen Registriernummer versehen. Bei der Charité hätten sie dann die Namen von vier Herstellern bekommen, die das Wirbelsäulenimplantat herstellen, sagt Kriminaloberkommissar Dziuba. Erst seit fünf Jahren werde diese Art benutzt, die Operation des jungen Mannes könne also nicht lang zurück liegen.

Datenbanken-Suche mit Merkmalen des Toten

Eine österreichische Firma schließlich teilte mit, sie habe die Teile für das Gestell vor zwei Jahren an ein Krankenhaus im Vorarlberg geliefert. Dorthin hat Dziuba nun seine bisherigen Informationen über den toten jungen Mann geschickt. „Einer der Chirurgen dort wird sich erinnern, wen er operiert hat“, hofft Dziuba. Dann könnte der Tote identifiziert und Angehörigen übergeben werden, falls vorhanden.

Natürlich sind eindeutige Spuren wie ein solches Implantat selten. Gibt es schon eine Ahnung, wer der Tote sein könnte, etwa bei möglichen Übereinstimmungen mit einer Vermisstenanzeige, helfe der Zahnstatus, sagt Uwe Dziuba. Über eine Anfrage bei der zahnärztlichen Vereinigung könne der behandelnde Zahnarzt eines Vermissten abgefragt werden – und Daten aus der Krankenakte dann mit denen aus dem Obduktionsbericht abgeglichen werden. Auch die Bundeswehr verfüge über ein hilfreiches Archiv an Zahn-Daten von allen Wehrpflichtigen, sagt Dziuba. „Allerdings ist das ausgerechnet für Berliner leider lückenhaft, weil die junge Männer hier zu Mauerzeiten von der Wehrpflicht befreit waren.“

Oft sind es jedoch Kleinigkeiten, die den Kommissaren helfen. Ein Wohnungsschlüssel, der über einen Schlüsseldienst einer bestimmten Schließanlage in einem Haus zugeordnet werden kann. Ein nummeriertes Brillengestell. Seltene Schmuckstücke. Einmal gab es den Hinweis auf eine lang zurückliegende Haft einer toten Obdachlosen, da halfen alte DDR-Akten und das gute Gedächtnis eines ehemaligen Zuchthaus-Aufsehers. Dziuba und Rohloff fallen unzählige solcher Beispiele ein. „Jeder Fall ist wieder ganz anders als der davor“, sagt die Hauptkommissarin. Auch darin bestehe der Reiz ihrer Arbeit.

Für die Recherche steht der Abteilung 124 beim LKA außerdem die Datenbank des Bundeskriminalamts (BKA) zur Verfügung. Dort sind sämtliche Vermisstenanzeigen bundesweit zu finden, auch alle unbekannten Toten werden zentral erfasst. Sogar Polizeien aus dem Ausland können die deutsche Datenbank mit Informationen ihrer Fälle speisen. „Man kann darin zum Beispiel nach Merkmalen suchen: männlich, mitteleuropäisch, dunkle Haare, Größe“, sagt Uwe Dziuba. Auch mit Fingerabdrücken oder DNA. Die Datenbank spuckt dann ein paar Dutzend Treffer aus, die von den Kommissaren nacheinander überprüft werden.

Tote Frau nahe der Wohnung der Kanzlerin

Erst vor Kurzem stand nach einem solchen Datenbank-Abgleich ein Fall kurz vor der Lösung. Mitte November Am Kupfergraben in Mitte – zwischen Museumsinsel und der Wohnung der Kanzlerin – war eine tote Frau aus der Spree geborgen worden. 165 Zentimeter groß, 59 Kilo, rotbraunes Haar, um den Hals eine goldfarbene Kette mit einem kleinen Stein daran, verziert mit einem verschnörkelten Buchstaben. Doch das Wasser hatte seine Spuren hinterlassen, das Gesicht der Frau konnte nur noch rekonstruiert werden, ihr Alter grob auf 30 bis 50 geschätzt. Es gab keinerlei Hinweise auf ihre Identität.

Dann fütterte Kommissar Dziuba das BKA-System mit der DNA-Formel der Toten und bekam einen Treffer. Die weißrussische Polizei suchte nach einer Frau, die bereits 1997 vermisst gemeldet worden war. Sie soll als Prostituierte gearbeitet und sich gen Westen abgesetzt haben. Die weißrussische DNA in der Datenbank stammte von ihrer Tochter in Minsk. Acht von zehn Merkmalen stimmten mit der Genprobe der Toten vom Kupfergraben überein. Dziuba gab die Daten weiter an die Charité, die noch einmal einen DNA-Vergleich anstellte – und schließlich doch ausschließen musste, dass die Tochter zu der unbekannten Toten gehört. „Eine Spur nach Weißrussland wäre wohl zu schön gewesen“, sagt Dziuba.

Die kleine Frau mit dem rotbraunen Haar gehört daher nun zu den ungelösten Fällen, bei denen sich die Polizei hilfesuchend an die Öffentlichkeit wendet. Wenn alle anderen Ermittlungen scheitern, dann geht die Vermisstenstelle mit Fotos oder Zeichnungen der Toten an die Medien und veröffentlicht die Fälle auch auf ihrer Internetseite.

Das führe oft zu einer Flut von Hinweisen, sagt Dziuba. Im Winter wurde auf diese Weise die Identität einer Toten gesucht, die nur mit Bustier und Pelzmantel bekleidet im Teltowkanal lag. „Wir bekamen danach einen Haufen Anrufe von Verkäuferinnen aus Bekleidungsgeschäften“, erzählt der Kommissar. „Die haben uns von Kundinnen erzählt, die abgesehen von einem Mantel halbnackt bei ihnen eingekauft haben. Da wundert man sich, was es alles gibt.“ Zur Identifikation führte schließlich jedoch ein anderer Anrufer-Hinweis.

Hinweise aus der Öffentlichkeit

Ein paar Fälle auf der Internetseite der Polizei sind jedoch schon viele Jahre alt und noch immer fehlen die Namen zu den Toten. Hinweise zu diesen Fällen gibt es laut der Kommissare kaum mehr. Vergangenes Jahr im Juli jedoch klingelte beim LKA 124 an der Keithstraße in Tiergarten das Telefon. Der Mann auf dem Foto im Internet, das sei doch sein alter Skat-Kumpel, hat der Anrufer gesagt. Der sei schon seit vielen Jahren verschwunden.

Seit dem 27. Juli 2002 genauer gesagt. An diesem Tag fand ein Fotograf in der Ruine der alten Mälzerei in Pankow einen Erhängten. Alle Ermittlungen zu dem Mann mit dem weißen Hemd und der blauen Latzhose liefen damals ins Leere. Nach dem Hinweis elf Jahre später machte Uwe Dziuba die Mutter und den Bruder des vermissten Skat-Kumpels in Köpenick ausfindig. Die konnten dem unbekannten Toten seinen Namen zurück geben. Interessiert hätten die beiden sich für den Toten jedoch nicht, erzählt Dziuba. „Zerrüttete Verhältnisse.“

Oft seien die Einblicke in die Schicksale der Toten traurig, sagen Uwe Dziuba und Ulrike Rohloff. „Ein bisschen ist das auch Sozialarbeit“, sagt die Kommissarin. Aber wenn sich um viele Menschen ihr ganzes Leben schon niemand kümmere, könnten sie ihnen wenigstens am Ende ihren Namen zurück geben, sagt der Kommissar. „Ein Stück von ihrer Würde.“