Exotenstation

Die traurigen Geschichten der Affen im Berliner Tierheim

Rund ein Dutzend Affen lebt im Tierheim Berlin. Sie stammen aus Forschungslaboren, Tierparks und Zirkussen. Ihre Aufnahme hatte eine Kontroverse ausgelöst.

Foto: Amin Akhtar

Im Tierheim Berlin lebt ein Dutzend Affen. Normal ist das nicht. Gewöhnlich sorgen sich die Mitarbeiter der Tierschutzhäuser um Katzen und Hunde, um Meerschweinchen und, dem Trend der vergangenen Dekade zur Exotik folgend, auch um Bartagame und Kreuznattern.

Die zusätzlichen Hut- und Rhesusaffen kennt man aus Ceylon, Indien, Afghanistan, China und Thailand. Und aus Forschungslaboren. Von dort stammt ein Teil der Tiere.

„Die Geschichte unserer Affen liegt größtenteils im Dunkeln“, sagt Tierheimsprecherin Evamaria König. Aber was man wisse, sei traurig genug. König blickt in die lichtdurchfluteten Käfige der zwei Affengruppen, die um einen zentralen, größeren Käfig angeordnet sind. Das Rondell hat das Heim bis zum Oktober 2009 bauen lassen – bauen müssen, wie es der damalige Präsident des Deutschen Tierschutzbundes Wolfgang Apel postulierte.

Der engagierte Tierschützer stammt aus Bremen, die dortige Universität gerät immer wieder mit Experimenten an Affen in die Schlagzeilen. Apels Motto lautet: „Wir kümmern uns um jedes Tier.“ Denn die Aufnahme der Affen im Winter 2008 hatte eine Kontroverse unter den Vereinsmitgliedern ausgelöst. Manche kritisierten, dass Wildtiere nicht in ein Tierheim gehörten, zumal ihretwegen Hunde weichen mussten.

Affen aus Forschungslaboren, Tierparks und Zirkussen

Vorangegangen war ein Hilferuf einer älteren Dame aus Brandenburg: Ilse Geue hatte jahrzehntelang, so König, Affen versorgt, die aus Forschungslaboren, Tierparks und Zirkussen stammten. Selbst in die Jahre gekommen, war die Frau nicht mehr in der Lage, sich artgerecht um ihre Tiere zu kümmern. Frau Geue wandte sich in dieser Not an die Tierfreunde im Norden Berlins.

Das Tierheim nahm die Affen auf – inklusive einer Affenpflegerin, die sich zuvor bei Ilse Geue um die Tiere gekümmert hatte. „Aus den Unterlagen, die wir mitgeliefert bekamen, konnten wir nur bruchstückhaft die Vorgeschichte der Tiere herauslesen“, so König. „Die Hutaffen kamen aus einem Tierpark in der DDR, andere Tiere aus der Forschung. An den Rhesusaffen waren in der DDR-Impfstoffe getestet worden, teilweise stammten sie aus der Ukraine.“

26 Rhesusaffen, Hutaffen und Meerkatzen kamen binnen kurzer Zeit in ihr neues Zuhause an den Hausvaterweg in Falkenberg. Eine Hundestation musste dafür vorübergehend aufgelöst werden. „Es war höchste Zeit, wir hatten einen harten Winter, die Tiere hatten schon Erfrierungen an den Gliedmaßen erlitten“, erinnerte sich Apel, der heute noch Präsident des Berliner Tierschutzvereins ist.

Der Zuzug löste eine Welle der Solidarität in anderen Tierheimen aus: Sie quartierten Hunde aus Berlin bei sich ein, um den Affen Platz zu machen. Später nahmen das Tierheim Bremen und das Tier- und Naturschutzzentrum des Deutschen Tierschutzbundes in Weidefeld den Berlinern einige Affen ab. „Außerdem konnten wir die Meerkatzen im Februar 2011 in die niederländische Auffangstation Stichting-Aap abgeben, dort kümmern sich Experten um Wildtiere.“

Kosten in Höhe von 50.000 bis 60.000 Euro im Jahr

In Berlin versorgen drei extra geschulte Tierpfleger sieben Tage die Woche die übrig gebliebenen fünf Hut- und sieben Rhesusaffen. Die Kosten schätzt Apel grob auf 50.000 bis 60.000 Euro im Jahr. Beide Gruppen leben in strenger Hierarchie, angeführt von dem 34 Jahre alten Rhesusaffen Pepe und dem 24-jährigen Hutaffen Leo. Ihr Tag beginne mit einem Pellet-Frühstück gegen 7.45 Uhr, also zusammengepresstem Maismehl mit Vitaminen und Kalzium, erklärt Tierpfleger Benjamin Zähb. Der 30-Jährige und seine Kollegen schnippeln viel Obst und Gemüse, schließlich säubern sie die Käfige und „verstecken Futter, damit die Tiere beschäftigt sind“.

Die Tiere hätten sich damals rasch eingelebt und seien gesund, sagt König. Apel erinnert sich aber noch an den schlechten psychischen Zustand einiger Affen. „Eine Affendame konnte keine Kisten in ihrer Nähe ertragen. Sie war immer in welche gesteckt worden, bevor die Experimente begannen.“ Das Hauptproblem heute heißt: Übergewicht – am schleifenden Bauch bei Hutaffen-Alphaweibchen Lisa deutlich zu sehen. Eine Diät, sagt Zähb, sei nicht möglich. Darunter würde nur der Rangniedrigste leiden, denn ihm nähmen die stärkeren Affen das Futter weg – so wie er umgekehrt als Stellvertreter die Prügel einfängt, wenn ein Affe verärgert ist. „Und wütend werden die Tiere, wenn sie nicht satt sind“, sagt Zähb. Dann zanken sie und prügeln sich. Dem Hörensagen nach soll es bei Menschen ähnlich sein – wir sind schließlich auch nur eine Affenart.

Für den Bau der gesamten Exotenstation, zu der das Affenrondell zählt, hat das Tierheim 2,7 Millionen Euro aufgebracht, aus Eigenmitteln wie Spenden, Erbschaften und Vereinsbeiträgen. Die Versorgung der Affen ist ein laufender Dauerposten im Etat. Patenschaften, wie sie – so steht es auf einem Aushang – Nicole Paris für Leo innehat, helfen, Futter und Streu zu kaufen und die medizinische Versorgung zu bezahlen. „Trotzdem sind wir weiter auf Spenden angewiesen“, sagt Sprecherin König.

© Berliner Morgenpost 2018 – Alle Rechte vorbehalten.