Drogenkonsum

Crystal Meth verbreitet sich in Berlin immer schneller

Crystal Meth ist zurzeit die gefährlichste synthetische Droge. Das Meth-Amphetamin verbreitet sich schnell – vor allem in Berlin. Die Bundesländer verstärken den gemeinsamen Kampf gegen die Droge.

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Der junge Mann hatte es nur probieren wollen. Dieses Glücksgefühl erleben, von dem seine Freunde ihm berichtet hatten. Die Steigerung der sexuellen Lust. Verursacht durch Crystal Meth. Er würde das im Griff haben. Nur ein einziges Mal, um mitreden zu können. Olaf Schremm hätte ihm sagen können, dass es dabei nicht bleiben würde. Zwei Monate später saß der junge Mann bei dem Polizeidirektor des Drogendezernates in der Vernehmung. Sollte zu Protokoll geben, woher er die Drogen bekommen hatte.

„Er war nicht mehr imstande, am Gespräch teilzunehmen“, berichtet der Chef des Drogendezernates, kurz LKA 21. „Er schlief während der Vernehmungen ein, konnte sich nicht konzentrieren“, so Schremm. Die Wohnung habe einem Chaos geglichen. „Aus einem einst schönen Apartment war eine Messie-Wohnung geworden. Der Müll stapelte sich, unabgewaschene Teller mit Essensresten standen überall herum. Es war traurig.“ Crystal Meth etabliert sich mehr und mehr in Deutschland. Auch in Berlin. Obwohl die beschlagnahmten Mengen gering sind, nehmen die Ermittlungsverfahren zu.

Crystal ist eine synthetische Droge. Synthetische Drogen – Amphetamin, Meth-Amphetamin, die neuen psychoaktiven Substanzen, sogenannte Legal Highs wie Spice und andere – stünden im Ranking nach Cannabis und Heroin/Kokain auf Platz drei der in Berlin konsumierten Drogen, sagt Schremm. „Crystal ist dabei wohl die gefährlichste synthetische Droge zurzeit.“

Im Internet verfügbar

1,2 Kilo Crystal Meth haben die Drogenermittler der Berliner Polizei im Jahr 2012 sichergestellt. Im Jahr darauf waren es nur noch 400 Gramm. „Das hört sich banal an. Aber gleichzeitig wurden 26 Ermittlungsverfahren eingeleitet“, so Schremm. Das Problem mit dieser Droge sei die Verfügbarkeit im Internet. „Man braucht einige wenige Grundstoffe, die zum Teil in Erkältungsmitteln vorhanden sind und von den Herstellern extrahiert werden, um sie mit anderen Substanzen zu mixen. Dafür sind keine großen Labore erforderlich, sondern eine einfache Küchenausstattung mit Topf und Kelle reichen aus.“

Laut szenekundigen Beamten ist ein Überblick über die Crystal-Szene in Berlin schwer zu erstellen. „Das Landeskriminalamt mit seiner Fachdienststelle arbeitet sehr intensiv, viele Vorgänge erreichen diese Kollegen aber gar nicht, weil sie in den örtlichen Direktionen bearbeitet werden“, so ein Polizist. Gemeint seien Aufgriffe kleinerer Mengen für den Eigenbedarf bei Süchtigen. „Außerdem ist nicht jeder Vollzugsbeamte im Streifendienst sattelfest, was das Erkennen von Drogen angeht. So kommt es immer wieder vor, dass man es mit Crystal zu tun hat, dies aber nicht weiß.“

Crystal wurde in den 40er-Jahren in San Francisco erfunden und etablierte sich zunächst in der Homosexuellen-Szene. Seit einigen Jahren wird es vor allem von Asiaten in Tschechien hergestellt. Deswegen waren es bis vor wenigen Jahren vor allem die süddeutschen Bundesländer, in denen die Droge verkauft wurde. Mittlerweile wird es auch in Hamburg und Berlin konsumiert. Auf dem offiziellen Internetauftritt der Drogenbeauftragten des Landes heißt es: „Die Suchtkarrieren der schnell abhängig machenden Droge sind oft verheerend.

Schwere gesundheitliche Folgen

Konsumenten fühlen sich unter Strom und voller Energie, werden aber oft schnell ausgezehrt und bekommen körperliche Leiden wie Zahnschäden und Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Auch psychische Störungen kommen der Studie zufolge nach dem Drogenkonsum insbesondere bei dazu neigenden Menschen oft vor, können aber auch bei anderen auftreten. Neben Ängsten und Depressionen könne Crystal Meth auch Wahrnehmungsstörungen sowie Verfolgungs- und Zwangsgedanken hervorrufen. Eine besondere Gefahr sehen Studienautoren zudem in der sehr unterschiedlichen Qualität der illegal produzierten Substanzen.“

Die Kosten für ein Gramm Crystal sind hoch: 70 Euro, die Wirkung kann laut Expertenmeinung bis zu 24 Stunden anhalten. Ein Abhängiger berichtete den Ermittlungskollegen von Schremm einst, ein „wahnsinniges Glücksgefühl gespürt zu haben, dass er immer wieder spüren wollte“. Dass er dabei sein gesamtes Vermögen verbrauchte, wurde ihm nicht bewusst.

Wie auch Heroin wird die synthetische Droge mit der Spritze injiziert. Ebenso kann Crystal Meth inhaliert oder geschnupft werden. Unverständlicherweise gebe es auch Drogenorganisationen in West- und Ostafrika, die ihr Produkt nach Japan verkaufen – dort würden bis zu 1000 Euro pro Gramm bezahlt. Laut szenekundigen Beamten sei es unverständlich, dass in Japan noch keine Labore entstanden sind.

Vor drei Jahren erkannten die deutschen Sicherheitsbehörden die Gefahr und gründeten die „Arbeitsgruppe Crystal“. Gründungsmitglieder waren die Bundesländer Sachsen, Sachsen-Anhalt und Bayern sowie der Zoll und das Bundeskriminalamt (BKA). Kürzlich traten auch Berlin und Brandenburg bei. Laut Schremm bestehe die Gefahr in der schnellen Abhängigkeit und dem schnellen körperlichen und seelischen Verfall. „Durch die Enthemmung und die sexuelle Stimulanz besteht natürlich gerade bei jungen Konsumenten die Gefahr, sich bei sexuellen Handlungen nicht zu schützen, was ebenfalls nicht unterschätzt werden darf.“

Foto: Keystone Mark Allen Johnson / pa/dpa