Neue Transportkultur

Wie sich Berliner Taxifahrer gegen die App-Konkurrenz wehren

Taxifahrer in Berlin und anderen Metropolen kämpfen gegen die App Uber. Ändern können sie aber wohl nichts – im Gegenteil: Mit ihren Streiks stiegen die Download-Zahlen der Online-Anbieter rasant an.

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Die Proteste der Taxifahrer in der vergangenen Woche gegen die Konkurrenz aus dem Netz erinnern an den Eisernen Gustav. Der Fahrer aus Wannsee fuhr mit seinem Pferdefuhrwerk 1928 von Berlin nach Paris, um gegen den Niedergang seines Gewerbes durch die Motorisierung zu demonstrieren. Gustav Hartman starb zehn Jahre später, Taxen und andere Autos gibt es bekanntlich noch heute.

Als sich diese Woche Tausende Taxifahrer in Berlin und anderen Metropolen zu Autokorsos formierten, gingen die Download-Zahlen der Smartphone-App Uber durch die Decke. Uber ist eine Online-Plattform, die Fahrten in Limousinen vermittelt. Die Taxi-Lobby sieht darin einen existenzgefährdenden Angriff auf ihr Geschäftsmodell und sieht sich als einzigen rechtmäßigen Transporteur.

In Hamburg erhielt die Branche sogar Unterstützung von der Verkehrsverwaltung, die den Online-Dienst Wundercar für unzulässig erklärte. Wundercar vermittelt in Berlin und Hamburg per Smartphone-App innerstädtische Mitfahrgelegenheiten und verdient am Trinkgeld, das Fahrgäste ihren Fahrern geben. Wundercar ließ sich von der Androhung eines Zwangsgeldes nicht beeindrucken, änderte eine Formulierung in der App und fuhr einfach weiter.

Wundercar bringt Menschen zusammen, die etwas teilen wollen

Gunnar Froh hat Wundercar erfunden. In seiner früheren Stelle baute er die Vermietungs-Community Airbnb in Deutschland auf und brachte den Deutschen das Teilen ihrer eigenen Wohnung bei. Was mit Wohnungen klappte, sollte auch mit Autos funktionieren, dachte Froh. Airbnb hat gerade die Marke von einer Million Nutzer in Deutschland geknackt, Wundercar ist davon noch kilometerweit entfernt. Jeweils 100 bis 150 Fahrer sind auf den Straßen von Berlin und Hamburg unterwegs.

Wie Airbnb ist Wundercar Geschäft und soziales Netzwerk in einem. Beide Internet-Plattformen bringen Menschen zusammen, die etwas teilen wollen: hier Wohnungen, da Autos. „Lerne tolle Leute und neue Orte kennen“, wirbt das Unternehmen. „Unsere Fahrer wollen andere Leute kennen lernen und suchen Unterhaltung“, sagt Froh. Wie bei Airbnb bewerten sich Anbieter und Nutzer gegenseitig.

Der Fahrgast sucht per App ein Auto für die gewünschte Strecke. Fahrer sehen diese Anfrage und die Bewertungen, die der Fahrgast vorher von anderen Fahrern erhalten hat. Danach entscheiden sie sich, ob sie ihn mitnehmen wollen. Am Ende der Strecke gibt der Fahrgast per App ein Trinkgeld. Als Hilfestellung nennt die App neuerdings die Betriebskosten des Fahrers (35 Cent pro Kilometer) für die zurückgelegte Strecke. Denn nach geltendem Recht dürfen Fahrer ohne Konzession keinen Gewinn machen, wenn sie andere mitnehmen. Vom Trinkgeld erhält Wundercar 20 Prozent Provision.

App-Anbieter sehen Proteste der Taxifahrer gelassen entgegen

Wer Fahrer werden will, braucht ein Führungszeugnis, ein Mindestalter von 21 Jahren, weniger als drei Punkte im Zentralregister des Kraftfahrt-Bundesamtes und zwei Jahre Führerscheinbesitz. „In Berlin haben wir aus 700 Bewerbungen 120 Fahrer ausgesucht“, sagt Gunnar Froh. Dabei werde auch die Motivation hinterfragt. „Wundercar ist nichts für Leute, die nur einen Job suchen. Wir wollen ein kommunikatives Produkt ausbauen.“ Froh nennt die Vorwürfe gegen sein Unternehmen absurd. „Wir haben keine geschäftsmäßigen Fahrer“, sagt er. Wundercar hinterziehe keine Steuern.

Auch Pierre-Dimitri Gore-Coty, der Europa-Chef des Limousinen-Dienstleisters Uber, sieht die Proteste der Taxifahrer gelassen. „In der Taxibranche gab es noch nie Wettbewerb“, sagt er. „Die Fahrer kämpfen für die gegenwärtige Situation.“ Doch mit Uber und anderen Firmen, die innovative technologische Angebote entwickeln, werde im Transportwesen zum ersten Mal der Fokus auf die Verbraucher gelenkt.

„Die Transportindustrie verändert sich“, sagt Gore-Coty. Je vielfäliger, flexibler und preiswerter die neuen Dienste werden, umso mehr werde das Teilen von Verkehrsmitteln an Bedeutung gewinnen. „In der Zukunft werden weniger Leute eigene Autos besitzen und mehr Menschen die neuen Transportmöglichkeiten nutzen “, lautet seine Prognose.

Harter Kampf zwischen den Anbietern

Er selbst sei früher in Paris immer mit dem eigenen Rad zur Arbeit gefahren, sagt der Manager. Doch er habe gelernt, dass der Fahrradverleih zuverlässig funktioniere. „Weil ich überall ein Mietfahrrad finde, war ich seit fünf Monaten nicht mehr mit dem eigenen Rad unterwegs“, sagt er und ergänzt, niemals in seinem Leben würde er als Stadtbewohner ein eigenes Auto kaufen.

„Ich hoffe auf mehr solcher verbraucherfreundlichen Angebote“, sagt Gore-Coty. „Diese Angebote werden exponentiell wachsen.“ Es müsse ein Ökosystem des Teilens entstehen, das Verbrauchern viele Optionen biete.

Ganz so wird es wohl nicht sein. Denn auch innerhalb der Sharing Economy wird mit harten Bandagen gekämpft. So liefert sich Uber in den USA einen erbitterten Kampf mit seinem Mitbewerber Lyft. Denn am Ende geht es um Marktführerschaft und die nächste Finanzierungsrunde. Uber hat vor wenigen Tagen von seinen Investoren umgerechnet 890 Millionen Euro erhalten.

„Wir fordern die Einstellung der illegalen App-Vermittlung und der Vertragsübergabe an private Beförderer“, sagt Uwe Gawehn, der Vorsitzende der Taxi-Innung Berlin. Er vertritt die Interessen von 12.000 Berliner Taxifahrern aus 3000 Betrieben mit insgesamt 7500 Fahrzeugen, die täglich 50.000 Fahrten zurücklegen.

Personenbeförderung: Taxiverband pocht auf Regeln

Uber und den anderen Onlinediensten wirft er Steuerbetrug vor. Zudem würden diese Anbieter keine Sicherheitsstandards einhalten. Reguläre Taxifahrer müssten regelmäßig zum Gesundheits-Check, ihre Autos würden jährlich beim Tüv vorgeführt.

„Wir wollen nur, dass sich an Regeln gehalten wird“, sagt der Verbandsfunktionär. Und diese Regeln werden im Personenbeförderungsgesetz und der Taxiordnung festgelegt. Diese Vorgaben aus der Zeit vor der Erfindung des Internet seien durchaus noch zeitgemäß. „Es geht darum den Verbraucher zu schützen.“

Als Beispiel für die Zukunftsorientierung der Branche nennt Gawehn das Projekt, Kreditkarten-Akzeptanz für alle Taxen verbindlich zu regeln. Ein entsprechender Antrag sei bei der Senatsverwaltung gestellt worden. Ferner würde er gern Online-Taxameter einführen, um Schwarzfahrten zu unterbinden. In Hamburg würde ein solches Projekt vom Senat gesponsort. Das wünsche er sich auch in Berlin. „Das würde sich zehn Mal amortisieren“, sagt Gawehn. Schwarze Schafe gebe es auch in seiner Branche.

Gawehn sieht sich nicht in der Tradition des Eisernen Gustav. „Wir haben nichts gegen Apps“, sagt er und verweist auf die App Taxi.EU, mit der europaweit Taxen bestellt werden können. „Diese App benutze ich seit Jahren“, sagt der Innungschef.