Ideen für das ICC

Die „IC-Colony“ – Wohnboxen am See mitten im Kongresszentrum

Die Architekten des Büros Barkow Leibinger wollen das Dach des ICC öffnen – für mehr Licht und Grün und einen See im Inneren. An den Seitenwänden sollen Wohnboxen vermietet werden.

Foto: Barkow Leibinger Architekten

Ein kleiner See, viel Grün und bis zum geöffneten Dach reichende Container. Regine Leibinger und Frank Barkow reagieren mit ihrer Idee für das ICC auf Berlins „dringlichstes Problem“, wie sie sagen. Für die Architekten steht fest: „Wir brauchen Wohnraum in Berlin.“

Die Vision der international renommierten Baukünstler, die in der Hauptstadt jüngst mit ihrem Siegerentwurf beim Wettbewerb für Deutschlands höchstes Hotel punkteten, den 175 Meter hohen Estrel-Turm, sieht das ICC denn auch vorrangig als Projekt moderner Wohn- und Arbeitsräume. „IC-Colony“, abgeleitet von Colony, zu Deutsch Siedlung, nennen die gebürtige Stuttgarterin und der Amerikaner mit Wahlheimat Berlin ihre Idee, die sie eigens für die Berliner Morgenpost entwickelt haben.

Anders als ihr Kollege, Architekt Jürgen Mayer H., der dem ICC mit einer camouflageartigen Tarnhülle erst einmal einen Schutzraum gewähren will und Zeit zum Nachdenken fordert, werden Regine Leibinger und Frank Barkow konkreter. Sie entkernen das Kongresszentrum komplett und entscheiden sich für eine völlig neue Nutzung mit flexiblen Modulen, die Platz zum Wohnen und Arbeiten bieten sollen.

Offenes Dach für viel Licht und Luft

Das ICC habe „seinen unmöglichen Ort zwischen Schrebergärten und Autobahnen von Anfang an selbstbewusst besetzt und behauptet“, sagt Regine Leibinger. Es solle autonom bleiben, sich auch weiterhin nach außen gegen den Lärm der Außenwelt abschotten. „Innen soll es aufblühen, sich ausstülpen, verwandeln, kolonialisiert werden von modernen Formen des Wohnens und Arbeitens: IC-Colony. Wir haben Respekt vor der Struktur, vor dem Prinzip eines ‚inneren‘ und eines ‚äußeren‘ Gebäudes“, betonen Frank Barkow und Regine Leibinger.

„Für uns ist das ICC ein faszinierendes Objekt, ein gigantisches Stück Infrastruktur, mit dem wir arbeiten wollen. Es ist nicht sakrosankt, es ist robust genug, um Veränderung, die seiner eigenen Logik entspricht, zu erfahren und auszuhalten“, erläutern die Architekten den Ansatz ihrer Idee. Die äußere Konstruktion des ICC bleibt erhalten und somit weiterhin sichtbar, das Innere wird völlig neu gestaltet.

„Wir öffnen das Dach, holen Licht und Luft herein, erzeugen unter einer neuen, leichten Glashaut im inneren Gebäude ein Binnenklima. Wir schneiden Freiräume ein und bringen, außer viel Grün, mit einem modularen, flexibel nutz- und erweiterbaren Baukastensystem einen kleinen Maßstab in die Megastruktur. Wohnen und Arbeit, kulturelle, öffentliche und private Lebensformen ergreifen Besitz von der Maschine.“ Denkbar sei ein Dach, dass sich öffnen und schließen lasse. Auch über mögliche Ausblicke müsse man natürlich nachdenken.

Die Wohnanlage könnte beispielsweise auch als Studentenwohnheim funktionieren. „Für Studenten wird es immer schwieriger, im Innenstadtbereich bezahlbare Wohnungen zu finden, sie müssen immer weiter aus der Stadt herausziehen“, sagt Regine Leibinger. Die Architektin kennt die Probleme der Studenten. Leibinger unterrichtet seit 2006 als Professorin an der Technischen Universität Berlin Baukonstruktion und Entwerfen.

Berliner Start-up-Unternehmen als Mieter im Visier

Als mögliche Nutzer der neuen Räumlichkeiten denken Frank Barkow und Regine Leibinger aber auch an die vielen Start-up-Unternehmen der innovativen Gründerszene, die in der Hauptstadt flexible Flächen suchen. Von der Idee einer Shoppingmall halten die Berliner Architekten nichts.

Wie berichtet, hat die Senatsverwaltung für Wirtschaft bereits 2013 eine Machbarkeitsstudie in Auftrag gegeben. Die Ergebnisse liegen zwar vor, sind im Senat aber noch nicht abgestimmt, weshalb die Studie immer noch nicht öffentlich gemacht wurde. Eines der darin enthaltenen Nutzungskonzepte soll auch eine Shoppingmall vorsehen, die unter anderen von Wirtschaftssenatorin Cornelia Yzer (CDU) favorisiert wird. Ihre Idee der „IC-Colony“ sei zwar einerseits ein utopisches Modell, reagiere aber andererseits auch realistisch auf die zunehmende Wohnungsnot in Berlin, sagt Architektin Regine Leibinger.

Ein Punkt, der durch die aktuelle Leerstandsbilanz des Verbandes der Berlin-Brandenburgischen Wohnungsunternehmen (BBU) vom 23. Mai bestätigt wird. Demnach ist die Anzahl freier Wohnungen bei den Berliner BBU-Mitgliedsunternehmen im vergangenen Jahr auf durchschnittlich zwei Prozent gesunken. Das ist der niedrigste Stand seit Beginn der Erfassungen im Jahr 1995.

Und dabei betrifft die Wohnungsknappheit laut der aktuellen Zahlen des BBU inzwischen längst nicht nur die begehrten Innenstadtlagen, sondern hat auch die Außenbezirke erreicht. So liegt der Altbezirk Hellersdorf mit 1,6 Prozent Leerstand mittlerweile auf dem Niveau von Kreuzberg.