Besuchertag

Die offene Stadtschloss-Baustelle fasziniert die Berliner

2019 soll das Großprojekt eröffnet werden. Schon jetzt ist viel zu erkennen. Davon konnten sich die Berliner am Sonntag selbst überzeugen. Ein Besuch auf der offenen Baustelle.

Nackte Betonelemente, Armierungseisen, die in den Himmel ragen. Absperrband trennt die Bereiche, in denen, akkurat sortiert, weiteres Baumaterial aufgestapelt liegt. Es ist vermutlich eine der aufgeräumtesten Baustellen der Republik, und doch: Es ist nur eine Baustelle. Eigentlich. Denn die mehr als 30.000 Besucher, die am ersten Juni-Sonntag zum Tag der offenen Baustelle des Humboldtforums auf dem Schlossplatz gekommen sind, sehen noch etwas anderes. Da recken sich Sandsteinpilaster an Portalen empor, Kranzgesimse sind geziert von Wappenbildern, Figuren thronen oberhalb einer Balustrade. Es braucht etwas Fantasie, zugegeben. Und doch ist die ganze Pracht bereits da, in Gedanken.

Die Bauherrin, die gemeinnützige Stiftung Berliner Schloss – Humboldtforum, hat sich viel Mühe gegeben, um das zentrale, aber auch heftig umstrittene Bauprojekt in Berlins Mitte fünf Jahre vor der voraussichtlichen Eröffnung 2019 zumindest optisch schon mal Gestalt annehmen zu lassen. Große Schaubilder in den für die Besucher zugänglichen Teilen des Rohbaus zeigen, wie das auf einer Grundfläche von 21.000 Quadratmetern in die Höhe wachsende Ensemble nach Fertigstellung aussehen soll. Drei Flügel erhalten historische Fassaden, die nach alten Vorlagen und Bildern rekonstruiert werden. Die Passage, die quer durch den ganzen Komplex von der Straße Unter den Linden zur Breiten Straße führt, sowie die Außenfassade des Ostflügels werden modern gestaltet. Zwei der vier Geschosse des Komplexes sind im Rohbau fertig.

Vierzig Mitarbeiter beantworten an diesem Sonntag Fragen der Berliner und Touristen. Unter ihnen sind Angestellte der Planungsgemeinschaft, des für das Management zuständigen Bundesamtes für Bauwesen und Raumordnung, und vor allem Ehrenamtliche des Fördervereins Berliner Schloss. Ihre blauen Bauhelme begegnen einem am Eingang von der Humboldtbox kommend, in der Passage, in der Eingangshalle gleich hinter dem Westportal und im zur Spree hin gelegenen Schlüterhof. Wo sie denn jetzt sei, will eine Mittsechzigerin von einem der Mitarbeiter in der Halle wissen und hält ihren Übersichtsplan hoch. Ein anderer fragt, was das große Loch im Boden des Multifunktionssaales an der Nordseite des künftig einmal glasüberdachten Foyers zu bedeuten habe. Der Dritte interessiert sich mit süffisantem Verweis auf den Pannenflughafen Berlin Brandenburg International für die Gebäudetechnik.

Rohbau mit beeindruckenden Ausmaße

Vor allem aber wird an diesem Tag auf der Schlossbaustelle gestaunt. „Noch zwei Stockwerke kommen da oben drauf?“, fragt ein Besucher fast ungläubig, nachdem sich die spontan zusammengekommene Ansammlung im Schlüterhof über die Einordnung der zu erahnenden Fensteröffnungen in das Bild des fertigen Ostflügels an einem der Baugerüste geeinigt hat. Die Dimensionen, die sich schon vorausahnen lassen, beeindrucken.

„Das ist von außen so nicht erkennbar“, sagt Udo-Jürgen Hennig. 30 Meter hoch wird das Schloss einmal sein, „so hoch wie das ehemalige Staatsratsgebäude“, sagt der Helfer mit dem Blauhelm. Allein der Schlüterhof misst knapp 4500 Quadratmeter. Auf dem Gesamtgrundriss des Humboldtforums hätten 400 Einfamilienhäuser Platz. 150 Arbeiter sind aktuell auf der Baustelle tätig. Manfred Rettig heißt der Mann, der als Vorstand der Stiftung Berliner Schloss und in Großprojekten wie dem Regierungsumzug oder dem Reichstagsumbau erfahrener Architekt über den Fortgang wacht und dafür Sorge trägt, dass das Vorhaben bisher voll im Zeitplan und auch im Finanzrahmen liegt.

Die Frage nach den Kosten ist eine von denen, die viele der Besucher auch beim Baustellenbesuch beschäftigt. Im Juli 2011 hatte der Bundestag, nach der grundsätzlichen Zustimmung für das „bedeutendste Kulturvorhaben Deutschlands zu Beginn des 21. Jahrhunderts“ im Jahr 2002, das Budget auf 595 Millionen Euro festgesetzt. 483 Millionen Euro trägt der Bund, das Land Berlin 32 Millionen. Der Rest soll durch Spendensammlung in der Bevölkerung aufgebracht werden. Er sei „überzeugt, dass wir mit den geplanten Baukosten von 590 Millionen Euro auskommen“, sagte Manfred Rettig erst kürzlich bei einer Pressebesichtigung der Baustelle. Udo-Jürgen Hennig, 70, und seine Partnerin Gudrun Wilsdorf, 63, ist das auch ein wichtiges Anliegen. „Berlin muss sein Zentrum wieder haben, es ist gut, dass das Schloss im Wesentlichen so aufgebaut wird, wie es war. Das Ganze muss nur im Rahmen bleiben“, sagt Hennig.

„Bürgerinitiative Offenes Schloss“ wirbt für Braunfels-Entwurf

Dabei hätten die beiden Berliner, die sich trotz aller Zustimmung zum Humboldtforum auch mit einer sinnvollen Erhaltung des früheren Palastes der Republik auf dem Schlossplatz hätten anfreunden können, gar nichts gegen die Vision des Münchener Architekten Stephan Braunfels. Im Herbst 2013, Jahre nach Beginn der Planungen und vier Monate nach der Grundsteinlegung im Juni 2013, hatte dieser ein vergessen geglaubtes Modell des Schlosses hervorgeholt, das eine radikale Umplanung nötig gemacht hätte.

Statt des schlichten Ostflügels nach Ideen von Franco Stella, der wegen seiner äußeren Betonfront schon mal als „Ikea-Regal“ verhohnepiepelt wurde, plädierte Braunfels für ein Weglassen des kompletten Gebäudeflügels und eine Öffnung des Schlüterhofs zur Spree hin. Mindestens 50 Millionen Euro will Braunfels dadurch an Baukosten einsparen. Seine Vision fand durchaus Liebhaber, sogar der inzwischen zurückgetretene Kulturstaatssekretär André Schmitz lobte das ästhetische Konstrukt und nannte es im Oktober 2013 im Kulturausschuss des Abgeordnetenhauses „bestechend“ und „schön“.

Im Architektenwettbewerb 2008 für den Wiederaufbau des Berliner Schlosses war Braunfels mit diesem Entwurf ausgeschieden. Der Grund: Er wich vom geforderten historischen Schlossgrundriss ab und ließ zu wenig Raum für künftige Nutzungen. Vor allem aber kam sein Vorschlag 2013 schlicht zu spät. Trotzdem machte sich eine „Bürgerinitiative Offenes Schloss“ daran, Unterschriften für eine Volksinitiative zu sammeln. Auch beim Tag der offenen Baustelle halten sie vor den Eingängen ihre Listen parat. 20.000 Unterschriften müssten es innerhalb von sechs Monaten sein. Politisch bindend wäre die Aktion selbst bei einem Erfolg allerdings nicht, weil sie sich nur an den Berliner Senat wendet, nicht aber an den Bund als Auftraggeber des Wiederaufbaus.

Wenige Kritiker finden sich auf der Baustelle ein

Braunfels sei immer wieder Thema bei den Besuchern, sagt am Tag der offenen Baustelle Tony Kralhoff, der für die Franco Stella Planungsgemeinschaft arbeitet. An diesem Sonntag trägt er schon seit 10 Uhr einen der blauen Bauhelme. Mit grundsätzlichen Gegnern des Wiederaufbaus, die es nicht nur in Berlin gibt, kommen er wie seine Helfer-Kollegen dagegen weniger ins Gespräch. „Wer heute hier ist, ist eher Schloss-Befürworter“, mutmaßt Kralhoff.

Und doch sind auch sie gekommen, die Kritiker, die wie Thomas Stegmann in der Rekonstruktion ein „Disney World“-Objekt sehen und den Abriss des Palastes der Republik als Geschichtsklitterung bezeichnen. „Ich hätte mir hier etwas gewünscht, was mehr mit zeitgenössischer Kultur zu tun hat“, sagt der 45-Jährige, der in den 90er-Jahren aus Westdeutschland nach Berlin gezogen war. Michael Jung, 64, der halb in Hamburg und halb in Berlin zu Hause ist, glaubt, dass „die Republik anderes dringender gebraucht hätte als ein Schloss für viele Millionen Euro“.

Auch wenn dieses bei Touristen Anklang finden werde: „Retro kommt immer gut“, sagt Jung. „Aber es ist doch ein Ort für eine Schicht des Bildungsbürgertums, nicht für alle.“ Und eine junge Mutter aus Kreuzberg schaut sich mit ihrem kleinen Sohn zwar interessiert um. Gleichwohl trauert sie aber der Wiese nach, die als Zwischennutzung auf dem Schlossplatz täglich Besucher angezogen hatte. „Vor zwei Jahren haben wir hier noch Drachen steigen lassen“, sagt die 37-Jährige. Für die Gestaltung des Platzes hätte sie sich einen stadtweiten Diskurs, angestoßen von der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung, gewünscht. „Dann hätte man auch zuerst einen Plan für die Nutzung gehabt und erst dann die Form dafür gefunden. Hier wird das innere Konzept in die Form gedrückt.“

Kombination von Altem und Neuem begeistert

Stefanie Bröcker dagegen ist kritiklos angetan von dem, was sie auf der Baustelle zu sehen bekommt. „Es sieht super aus, gerade wie hier Altes und Neues kombiniert wird“, sagt die 33-Jährige, die jeden Tag mit dem Fahrrad an den Bauzäunen vorbeifährt. „Als richtig und notwendig“ bezeichnet auch Lars Haferkamp, 46, den Wiederaufbau. Ärgerlich findet er dagegen die vorgesehene Gestaltung des umgebenden Platzes, den nach den Plänen von Senatsbaudirektorin Regula Lüscher wenig Grün und dafür viel Beton prägen soll. „Das ist eine Respektlosigkeit gegenüber dieser Architektur“, kritisiert Haferkamp.

Von dieser allerdings ist bis heute ohnehin noch nicht alles komplett finanziell abgesichert. Teile der Fassadenelemente sind vorerst zurückgestellt worden, weil das Spendenvolumen noch nicht ausreichte. Das betrifft unter anderem die Stein-Balustrade samt Figuren in der historischen Fassade, aber auch das geplante Dachrestaurant.

Allein 25,5 Millionen Euro bräuchte es, um die historische Kuppel und das Innenportal zu rekonstruieren. Den Tag der offenen Baustelle sieht der Sprecher der Stiftung Berliner Schloss, Bernhard Wolter, am Ende aber als einen wichtigen Schritt auch in der Werbung für das Schloss. „Das war ein toller Tag, die Menschen waren sehr interessiert und auch überrascht, wie es vorangeht“, so Wolter am Sonntagabend.