Volksentscheid

Ein weites Feld - Wie sich der Flughafen Tempelhof entwickelt hat

Am Sonntag stimmen die Berliner über die Zukunft des Tempelhofer Feldes ab. Vom Flughafen zum Naherholungsgebiet - Das Areal im Herzen der Stadt hat eine bewegte Geschichte.

Von der Ackerfläche über den Exerzierplatz, den Zentralflughafen zur Parklandschaft Tempelhofer Freiheit. So verlief, kurz zusammengefasst, die Entwicklung des knapp 300 Hektar großen Geländes in den vergangenen 130 Jahren. Bis zur Schließung des Flughafens Tempelhof im Oktober 2008 hatte die Berliner Bevölkerung keinerlei Gelegenheit, sich bei der Nutzung des riesigen Areals direkt einzumischen. Der aktuelle „Volksentscheid über den Erhalt des Tempelhofer Feldes“ hat damit die Chance, am Sonntag Geschichte zu schreiben.

Zwei Gesetzesentwürfe stehen dabei am 25. Mai zur Abstimmung. Der eine wendet sich gegen jegliche Bebauung auf dem Feld. Der andere dagegen sieht eine Wohn- und Gewerbebebauung auf insgesamt 58 Hektar am Rande des Feldes vor. Der Entwurf, der die Mehrheit der abgegebenen Stimmen und mindestens 25 Prozent der Wahlberechtigten auf sich vereint, wird damit automatisch Gesetz.

Wofür die Mehrheit der wahlberechtigten Berliner sich entscheidet, und ob überhaupt genügend Stimmen für einen der beiden Entwürfe zusammenkommen, ist noch völlig offen. Die Prognosen jedenfalls lassen darauf schließen, dass es denkbar knapp wird. Denn viele Berliner können sich zwar durchaus eine Randbebauung am Tempelhofer Feld vorstellen.

Das Unbehagen, dem Senat bei Zustimmung zu seinem Masterplan quasi einen Freifahrtschein für die künftige Nutzung auszustellen, ist jedoch ebenfalls groß – und erklärt sich aus dem Umgang mit dem Flughafen, der am 30. Oktober 2008 außer Betrieb gestellt wurde. Zu diesem Zeitpunkt konnte der damalige rot-rote Senat noch keinerlei Zukunftsvisionen für das riesige Areal in bester Innenstadtlage präsentieren.

>>>Interaktive Grafik - Das sind die Pläne auf dem Tempelhofer Feld<<<

Potenzielle Investoren wie etwa der US-Unternehmer Ronald Lauder dagegen nutzten diese Planlosigkeit und präsentierten bereits vor der Schließung der staunenden Öffentlichkeit und den Entscheidungsträgern in der Stadt ihre Nachnutzungspläne. Der Kosmetik-Erbe etwa wollte mit 350 Millionen Euro den Flughafen Tempelhof zur Klinik mit Flugbetrieb umbauen.

Die Idee wurde zwar schnell verworfen, doch Angebote wie das des Studios Babelsberg, auf einem Teil des Geländes – vor allem in den Hangars – einen neuen Filmstandort zu etablieren, wurden auch von den verantwortlichen Politikern zumeist wohlwollend kommentiert. Dabei ging es auch bei den Filmstudios darum, auf Teilen des Feldes Ateliers zu errichten. Entsprechend wuchs bei den Bürgern die Sorge, dass es privaten Investoren überlassen werden sollte.

Gut in Erinnerung sind vielen noch die vielen Protestaktionen, darunter die im Juni 2009 nur durch massiven Polizeieinsatz verhinderte, vom Bündnis „Squat Tempelhof“ organisierte Massenbesetzung des Geländes. Die Besetzung wurde damals zwar verhindert, doch der Druck reichte aus, damit das Gelände im Mai 2010 endlich geöffnet wurde.

2010 präsentierte die damalige Stadtentwicklungssenatorin Ingeborg Junge-Reyer (SPD) auch erste Pläne für eine internationale Gartenausstellung 2017 in Tempelhof. Insbesondere in den umliegenden Wohngebieten war das Entsetzen groß, als bekannt wurde, dass der Eintritt 16 Euro kosten sollte. Ganz abgesehen davon waren Schmuckbeete, Spielplätze und Liegewiesen jedoch nicht das, was sich die Bürger für das Feld vorstellten.

Auch ein Ideenwettbewerb „Tempelhofer Feld – Columbiaquartier“, den die Senatorin 2009 noch vor der öffentlichen Bürgerbeteiligung startete, stieß überwiegend auf Ablehnung. Unter das finale Dutzend schafften es auch Ideen wie die, am Columbiadamm ein Vergnügungsviertel entstehen zu lassen – mit Straßenstrich, Bars und Sex-Museum.

Im September 2011 gründete sich die Bürgerinitiative „100 % Tempelhofer Feld“, mit dem Ziel, die Nachnutzungspläne des Senats zu verhindern und das Areal frei von Bebauung zu halten. So trat Junge-Reyers Amtsnachfolger und Parteifreund Michael Müller im Dezember 2011 ein schweres Erbe an. Zwar sorgte er dafür, dass die IGA 2017 nicht in Tempelhof, sondern in Marzahn stattfindet und kam den Kritikern somit entgegen.

Als Müller im September 2013 den Masterplan für die Randbebauung des Areals vorstellte, stieß er jedoch auf erhebliches Misstrauen. Die Unterschriftensammlung für das Volksbegehren gegen die Bebauung endete dann im Januar 2014 auch mit einem Erfolg. Rund 185.000 Unterschriften wurden abgegeben. Der Volksentscheid über den Erhalt des Tempelhofer Feldes soll am Sonntag nun die Entscheidung über die Zukunft des Geländes bringen.

>>>Hier geht es zum Themenspecial zum Volksentscheid Tempelhofer Feld<<<

© Berliner Morgenpost 2018 – Alle Rechte vorbehalten.