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Will Smith will als Vater nicht länger Diktator sein

Mit seinem Sohn Jaden spielt Will Smith gemeinsam in dem Science-Fiction-Film „After Earth“. Im Interview mit der Berliner Morgenpost spricht er über seine Kindheit und seine Lehren daraus.

Foto: Steve Snowden / WireImage

„Sorry, ich musste auf die Toilette. Ich bin auch nur ein Mensch.“ Es wirkt bezeichnend, wenn Will Smith seine Verspätung zu Beginn des Interviews auf diese Art und Weise erklärt. Denn der 44-Jährige hat in der Tat etwas Übermenschliches an sich. Die gute Laune ist unerschütterlich, Körpergröße und -haltung sind, man darf das ruhig einmal sagen, imposant. Keinem Star gelang eine solche Erfolgsgeschichte, und inzwischen ist er dabei, diese auch noch zum Familienepos auszubauen. Seinem Sohn Jaden ließ er zuletzt die Rolle in „Karate Kid“ auf den Leib schneidern, jetzt tritt er mit ihm gemeinsam in dem Science-Fiction-Film „After Earth“ (ab 6. Juni in deutschen Kinos) an – wiederum als Vater und Sohn. Doch das obsessive Karrieredenken scheint bei Smith jetzt der Vergangenheit anzugehören. Und auch ein Superstar weiß, dass in seinem Leben nichts absolut ist.

Berliner Morgenpost: Ihr neuer Film „After Earth“ ist auf den ersten Blick ein Science-Fiction-Abenteuer, aber bei näherem Hinsehen wirkt er ziemlich autobiografisch: Sie spielen einen großen Kriegshelden und ihr Sohn Jaden ist dessen Sohn, der sich selbst behaupten muss.

Will Smith: Absolut richtig. Das ist eine ganz ähnliche Situation wie bei uns privat. Wenn dein Vater der größte Filmstar auf Erden ist, dann musst du dich aus diesem extremen Schatten befreien und deinen eigenen Platz auf der Welt erkämpfen. Und gleichzeitig erzählt der Film eine klassische Situation, wie sie jeder Vater mit einem Teenagersohn erlebt. Du meinst zu ihm: „Ich sage dir, was du tun musst“, und er versucht sich zu individualisieren.

Individualisieren?

Ich weiß nicht, ob dieses Wort überhaupt existiert, aber zumindest beschreibt es, was ich sagen will. (lacht).

Im Film heißt es von Ihrem Sohn: „Er braucht einen Vater, keinen Militärkommandanten.“ Sagt Ihnen das Ihre Frau Jada auch?

Nicht mehr. Ich bin nicht so obsessiv wie früher; momentan stecke ich in einer Übergangsperiode. Aber ich habe das Militärische anerzogen bekommen, weil mein eigener Vater in der Air Force war. Wir mussten unsere Bettbezüge falten wie Soldaten bei ihren Feldbetten. Und das Motto bei uns Zuhause war: Wir werden diese Flagge auf den Hügel bringen. Als mein Sohn „Karate Kid“ drehte, den ich produzierte, war ich noch viel mehr in meiner Diktatorstimmung, aber bei „After Earth“ ging es mir darum, eine emotionale Beziehung zu ihm aufzubauen.

Wie streng sind Sie als Vater?

Jada und ich wissen, dass unsere Kinder nicht unser Eigentum sind. Und dieses Wissen nehmen wir sehr ernst. Meine Rolle besteht lediglich darin, meinen Kindern mit ihrem Leben zu helfen. Ich kenne bestimmte universelle Prinzipien, weil ich länger gelebt habe, und ich würde mir wünschen, dass sie sie übernehmen, aber ich kann sie nicht zwingen. Und wir glauben auch nicht an Bestrafung.

Und wie reagieren Sie, wenn Ihre Kinder nicht das Richtige tun?

Zunächst: Kinder richten sich nicht nach dem, was du sagst, sondern, was du tust. Und wir glauben auch nicht an Bestrafung, sondern wir wollen, dass sie ihre Fehler selbstständig erkennen. Seit etwa Jaden fünf, sechs Jahre alt ist, lassen wir ihn die Logik für seine Handlungsweise erklären. Wenn er zum Beispiel seine Schwester in die Brust getreten hat, dann haben wir ihn hingesetzt und er musste sagen, ob das für sein Leben richtig war. Natürlich hätten wir auch versuchen können, ihn davon zu überzeugen, dass das ein Fehler war. Aber es ist für jemand viel schwieriger, zu erklären, weshalb er richtig gehandelt hat.

Aber sonst haben Sie Ihnen völlige Freiheit gelassen?

So lange ihre Handlungen keine langfristigen Folgen haben oder davon keine Gefahr ausgeht, ja. Wir wollen sie eben nicht nach unserem Bild formen. Und das bedeutet: Wenn ein Zweijähriger Farbe auf die Wände schmieren oder sich eine Neunjährige die Haare selbst schneiden will, dann sollen sie das tun. Farbe lässt sich abwaschen, Haare wachsen wieder.

Aber es muss für beide schwer sein, mit zwei so erfolgreichen Eltern aufzuwachsen. Das haben Sie vorhin selbst angesprochen.

Aber was sollen wir denn machen? Alle Kinder haben es auf ihre Weise schwer. Ich wurde im Betondschungel von Philadelphia groß, und ich habe gesehen, wie ein Typ vor meinen Augen erschossen wurde. Das ist auch nicht gerade ein ermutigendes Zeichen für einen Lebensweg.

Trotzdem wurden Sie einer der größten Stars der Welt. Woran liegt das? An Ihrer soldatischen Erziehung?

Die hat sicher damit zu tun. Aber ich habe auch schon früh gelernt, wie wichtig das Geldverdienen ist. Mein Vater lieferte Eis an Supermärkte, und ich musste ihm immer dabei helfen. Er wurde in bar bezahlt, und so habe ich immer eine direkte Verbindung zwischen der Arbeit und dem Geld herstellen können, mit dem wir unser Essen bezahlten.

Doch nicht jeder, der mit Geld umgehen kann, hat gleich solchen Erfolg.

Ich wurde auch von einem Kindheitstraum angetrieben. Als ich sechs war, sah ich, wie meine Großmutter abends das Haus verließ, um die Mitternachtsschicht im Krankenhaus zu arbeiten. Und das war für mich der größte Albtraum überhaupt. Denn Mitternacht, das war die Zeit der Dämonen und Kobolde. Und im Geiste sagte ich mir: „In meinem Reich soll keine Frau um diese Zeit arbeiten. Und der einzige Weg, das zu erreichen, ist: Ich muss in jeder Hinsicht die Nummer eins werden.“ Allerdings sehe ich das jetzt nicht mehr so eng, ich bin vernünftiger.

Wie kommt das?

Vielleicht liegt es am Alter, da bin ich softer geworden. Mir ist es jetzt wichtiger, meine Gefühle zu entdecken und mich dazu zu bekennen. Das habe ich auch meiner Tochter zu verdanken. Ihr gegenüber kann ich nicht verstecken, was ich in Wirklichkeit empfinde. Und diese Sensibilität möchte ich noch weiter trainieren; beim Dreh zu „After Earth“ habe ich einen weiteren Schritt in die richtige Richtung gemacht. Und ich habe es auch gelernt, das Leben nicht so ernst zu nehmen und meinen Spaß zu haben.

Aber das Leben ist nicht immer spaßig.

Das vielleicht nicht, aber das Entscheidende ist, wie du mit Problemen umgehst. Sie können dich total aufzehren, aber du kannst auch von ihnen lernen, indem du sie löst. Hindernisse sind für mich einfach nur Chancen für meine Weiterentwicklung. Ich frage mich: Wie kann ich sie überwinden? Und diese Denke ist auch in meiner Familie verbreitet. Mein Mutter ist das beste Beispiel: Sie leidet an Diabetes, und man musste ihr vor mehreren Jahren das Bein amputieren. Meine Schwester war total verzweifelt, aber jetzt hilft meine Mutter anderen Leuten.

Ist Ihnen nie einmal das Lachen vergangen?

Na ja, als ich 19 war und mir das Finanzamt wegen meiner Steuerschulden meine Habseligkeiten wegnahm, das war nicht gerade lustig. Aber ich hatte zum Glück keine anderen Verpflichtungen, und in dem Alter kannst du alles leicht noch mal anpacken.

Gibt es etwas, vor dem Sie sich fürchten? Der Slogan Ihres Films heißt ja: „Gefahr ist real. Angst ist eine Entscheidung.“

Und das ist völlig richtig. Angst ist nur ein Produkt unserer Fantasie. Durch sie quälen wir uns mit Dingen ab, die noch gar nicht existieren und vielleicht nie existieren werden. Das Einzige, wovor ich Angst habe, ist Angst zu haben. Und deshalb bekämpfe ich dieses Gefühl sofort, sobald ich es spüre. Sonst werde ich physisch krank davon.

Wie kämpfen Sie konkret?

Ein Beispiel. Auf Jamaica gibt es ein Café über hohen Klippen. Ich habe gesehen, wie die Leute von da aus ins Meer gesprungen sind; aber mir war das unmöglich, denn ich kann nicht schwimmen. In meiner Heimstadt gab es eben nicht so viele Freibäder, wo ich das hätte lernen können. Aber als ich diesen Springern zusah, hatte ich eine Riesen-, Riesen-, Riesenangst. Und ich hasste das so sehr, dass ich etwas dagegen tun musste. Also sagte ich zu einem Jamaikaner, der ein guter Schwimmer war: „Warte auf mich im Wasser, ich springe rein, und dann bringst du mich zurück.“ Kurz vor dem Absprung dachte ich mir noch: „Das ist so blöd, was du da machst.“ Aber dann habe ich’s doch getan, und der Typ schwamm zu mir und brachte mich raus. Das ist meine Methode, mit Angst umzugehen.

Und diese Technik versuchen Sie auch Ihren Kindern beizubringen?

Wie ich schon sagte, sie haben es gelernt, für sich selbst zu denken. Aber bei „After Earth“ musste Jaden in einem Fluss drehen, und in dem waren Piranhas, und so erklärte ich ihm, das seien vegetarische Piranhas. (lacht). Das war meine Methode, um ihn zu beruhigen.

Wie kommt es eigentlich, dass jeder in Ihrer Familie eine erfolgreiche künstlerische Karriere eingeschlagen hat? Ihre Tochter Willow hatte mit zehn schon eine Platin-Single.

Wir haben einfach immer versucht, die Kreativität unserer Kinder zu fördern. In unserem Haus gibt es überall Instrumente, mit denen du deine Ideen aufzeichnen kannst – von Mikrofonen über Pinsel bis zu Laptops mit Schnittfunktion. Aber woher sie diese Talente haben – ich habe keine Ahnung. Das ist ein Segen. Mir kommt es so vor, als hätte ich selbst nichts damit zu tun.

Wo sehen Sie Ihre Familie in drei Jahren?

Wir haben auf jeden Fall die Möglichkeit, etwas zu schaffen, was nur ganz wenigen Familien in der Showbranche gelungen ist. Meine Tochter ist noch dabei, ihren Weg zu definieren, da lassen wir ihr auch jeden Freiraum. Und meinen Sohn führe ich jetzt mit „After Earth“ in alle Feinheiten des Filmemachens ein – bis hin zum Marketing. Letztlich gibt es auch nichts, was ich besser kann. Und er ist sehr ehrgeizig; er möchte mich übertreffen.