Kriminalität

Metalldiebstahl – Kampf gegen die Wilderer der Großstadt

Erdungskabel, Grabplaketten: Vor Metalldieben ist nichts sicher. Die Deutsche Bahn registrierte 2012 Schäden von 17 Millionen Euro. Die Polizei fahndet mit modernster Technik. Wir haben sie begleitet.

Anzeigen? Die Typen, die eine gestohlene Skulptur abgeben wollten? Der Schrotthändler schüttelt den Kopf. Mit denen lege er sich nicht an. „Meine Mutter sitzt oft alleine an der Kasse.“

Berlin-Lichtenberg, Bitterfelder Straße, ein Industriegelände. Am Zaun hängen Briefkästen, als würden sie wachsen wie Efeu. Alle gehören zu Firmen, die mit etwas handeln. „Gipsy Autohandel – Bargeld sofort“ oder „Billige Putzkräfte“ steht auf den Schildern. Und: „Ankauf von Schwarz- und Buntmetallen zu tagesaktuellen Preisen.“ Das ist der Betrieb von Efrem und seiner Mutter. Wer näher an die Schrottberge herangeht, trifft sie unter einem Sonnenschirm. Die Mutter trägt eine bunte Bluse, ihr Sohn Blaumann.

Ist Schrott ein Standortfaktor für Deutschland?

„Schrott ist gut für Deutschland“, sagt die Mutter. Der Kreislauf der wertvollen Stoffe schütze die Natur. Sie schaut Mitarbeitern zu, die eine Waschmaschine in einen Container tragen. Ein Kunde zeigt seinen Personalausweis, unterschreibt und bekommt ein paar Euro ausgezahlt. Alles nach Vorschrift. Läuft das immer so glatt? Nicht immer, sagt Efrem. Viele Kunden sagten, sie hätten ihren Ausweis vergessen. „Ziemlich viele.“

So war es auch, als Männer kürzlich diese Skulptur hier anschleppten. „Eine Frau aus Kupfer, weißt du, wie sie in Parks steht“, sagt Efrem. Wird man so etwas los in Berlin? Der Schrotthändler verschränkt seine Arme. Nun, er habe gehört von jemandem, der so etwas annehme. „Aber dazu sage ich nichts.“

Irgendwer muss die Diebesware ja annehmen

Irgendeiner muss es ja tun. Denn irgendwer nimmt es ab, das Zeug, das geklaut wird. Auf Friedhöfen, von Bahnanlagen, aus Lagerhallen und Parks. Metalldiebe sind die Wilderer der Großstädte. Sie sind bereit, für wenig Gewinn große Schäden anzurichten, sie bauen die Infrastruktur des Landes ab, in dem sie leben. Die meisten der gefassten Diebe haben eine deutsche Staatsbürgerschaft. Jedes Jahr richten sie bundesweit Schäden in dreistelliger Millionhöhe an. Rohstoffe werden knapper und sind gefragt. Zuletzt wurden im März in Duisburg organisierte Metalldiebe zu drei Jahren Haft verurteilt. Bei ihnen kam einiges zusammen: Hehlerei, schwerer Diebstahl, Störung öffentlicher Betriebe.

Da sind Banden, die ihre Beute über die EU-Außengrenzen verschieben, per Schiff ab Rotterdam oder über Land nach Osteuropa und Asien. Und da sind Amateure, die einen Rucksack voll Kabel für ein paar Euro verkaufen. In Berlin nahm die Bundespolizei kürzlich einen Vater mit seinem Sohn an den Bahngleisen fest.

Selbst auf Friedhöfen wird oft geklaut

Nicht selten ist für immer verloren, was den Metallwilderern zum Opfer fällt.

Die Spuren auf dem Friedhof sind frisch. Schon aus dem Auto sieht Olaf Ihlefeld, das etwas nicht stimmt. Die weißen Bänke, die vor dem Trauerhäuschen stehen sollten, liegen auf dem Rasen. Ihlefeld ist der Friedhofsleiter in Stahnsdorf südwestlich von Berlin, er schließt die Autotür und seufzt wie ein Feldherr, der am Morgen nach der Schlacht das wüste Feld einer Niederlage abschreitet.

Die Diebe hatten das Friedhofstor aufgebrochen und sind einfach mit dem Wagen reingefahren. Sie haben sich auf die Bänke gestellt, die Regenrinnen abgerissen und auch große Teile des alten Dachs. Der Friedhofsleiter steht zwischen zersplitterten Dachziegeln und rechnet. 10.000 Euro werde es kosten, das schöne Dach zu reparieren. Die Regenrinnen aus Kupfer dagegen bringe den Dieben vielleicht 300 Euro. Er werde nun Spenden sammeln. Wenn es gut läuft, sind neue Rinnen aus Zink drin.

Hundert Jahre ließ man den schönen Platz in Ruhe

„Zink.“ Ihlefeld sagt es verächtlich. „Zink ist nicht unser Anspruch hier.“ Er hat vor 24 Jahren als Gärtner in Stahnsdorf angefangen. Heute kämpft er für den Erhalt eines Kulturgutes, das kaum noch eine Lobby hat.

Bis zu dieser Nacht hatte das Häuschen 100 Jahre überstanden, es war als Regenschutz für die vornehmen Herrschaften gedacht, die einst auf den Friedhof in Stahnsdorf kamen. Geschwungene Torbögen öffnen den Blick in einen Wald mit wilden Blumen. Werner von Siemens ist hier begraben und Angehörige der Verlegerfamilie Langenscheidt. In dieser Woche besucht der italienische Botschafter die Kriegsgräber seiner Landsleute. Die Berlinern dagegen haben den Friedhof ein bisschen vergessen. Viele der Familien haben ihre prächtigen Mausoleen hier aufgegeben, sind im Krieg geflohen, gefallen, wurden vertrieben oder ermordet. Zu DDR-Zeiten war Stahnsdorf aus dem Westen schwer zu erreichen. Und weil die S-Bahn längst nicht mehr hierher fährt, wollen viele ältere Menschen ihre Angehörige an einem näheren Ort begraben.

Mit der Spitzhacke in die Gruft

Es sind einsame 200 Hektar. Um sie zu bewachen, bräuchte man die Mannschaft einer Sicherheitsfirma. Das bezahlt aber niemand, und so steht Ihlefeld nachts auf und fährt über seinen Friedhof.

Regenrinnen sind ja noch ersetzbar. Nur einen Tag vorher haben Diebe die Gruft einer Unternehmerfamilie mit einer Spitzhacke aufgebrochen. Nur, dass die Zeit der wertvollen Beigaben für Verstorbene lange vorbei ist. Mehr als Friedhofserde konnten die Diebe nicht finden. Daneben ist die Gruft von Eheleuten, die vor mehr als 100 Jahren begraben worden sind. Ihr Name ist nun verloren, weil Diebe die Buchstaben der Inschrift herausgebrochen haben.

Auch die kupfernen Reliefs ihrer Konterfeis sind verschwunden. Stattdessen klaffen zwei Löcher im Marmor des Grabsteines wie die Augen eines traurigen Gesichtes.

4000 Stunden Zugverspätung durch Diebstahl

Was tun? Viele der Diebe spähen tagsüber ihre Ziele aus. Ihlefeldt zuckt die Achseln. Er könne ja kaum Besucher fragen, ob sie gut oder böse seien. Eine Idee hat er aber: Eine Anfrage an das Hasso-Plattner-Institut in Potsdam, das ist schließlich nicht weit weg. Vielleicht, so denkt er, könnten die Studenten ein System entwickeln, das Alarm auslöst, wenn Diebe sich an den Gräbern vergreifen.

High-Tech. Das braucht man im Kampf gegen Metalldiebe. Es ist noch nicht lange her, da war sogar die Deutsche Bahn recht hilflos. Etwa 34.000 Kilometer Schienen gibt es in Deutschland. Unmöglich, sie ständig zu bewachen. Bundesweit richteten Metalldiebe im vergangenen Jahr 17 Millionen Euro Schaden auf Bahnstrecken an. Um 4000 Stunden hätten sich die Züge dadurch insgesamt verspätet.

Wärmebildkameras und unsichtbare Flüssigkeiten

Doch nun wird aufgerüstet. Der Verband der Buntmetallhändler verschickt Bilder von geklauten Materialien an seine Mitglieder. Die Bahn markiert ihr Eigentum mit einer unsichtbaren Flüssigkeit und Metall-Plaketten, die auch hohe Temperaturen überstehen. Die Bundespolizei setzt Nachtsichtgeräte und Helikopter mit Wärmebildkameras ein. Der Sicherheitsdienst der Bahn legt sich verdeckt auf die Lauer. Tatsächlich ist die Zahl der Taten auf Berliner Bahnanlagen im Jahr 2012 erstmals wieder gesunken. Das Netz zieht sich zu.

Berlin-Marzahn, Biesdorfer Kreuz, im Gleisbett. Der Güterzug kommt, doch man hört ihn nicht. Er schleicht sich an, mit 120 Kilometern in der Stunde. Bremsweg: 1000 Meter. Bis der Zug nur noch fünf Sekunden entfernt ist, dann schwillt ein Surren zu einem Donnern an, bis die vorbeirollenden Waggons die Luft zerfetzen. Weitere fünf Sekunden, und es wird wieder ebenso schnell wieder still.

Die zwei Beamten der Bundespolizei gehen zurück auf die Schienen. Sie tragen gelbe Warnwesten, jeder muss stets eines der Streckenenden im Blick haben. „Ein Kollege ist auf den Gleisen verstorben“, sagt der eine Polizist. „Er wollte ein Graffiti zur Spurensicherung fotografieren, aber hat sie S-Bahn nicht gehört.“

Vor allem das Biesdorfer Kreuz hat es den Dieben angetan

Ein Gleisbett ist ein gefährlicher Ort. Und doch stehlen Metalldiebe dort am liebsten. Besonders gerne am Biesdorfer Kreuz, die Bundespolizei ist oft hier. Die Beamten wissen, dass sie leicht sichtbar sind mit ihren Warnwesten. In Zivil hätten sie bessere Chancen einen Täter auf frischer Tat zu ertappen. Aber die Beamten wollen auch offizielle Präsenz zu zeigen. Verdeckter sind da schon die Einsätze der Polizeipferde. Regelmäßig reiten Zivilpolizisten die schattigen Wege neben den Gleisen ab.

Bahnanlagen sind wie Magneten, sie ziehen viele Grenzgänger in ihre verborgene Welt. Es steht sogar eine Sofagarnitur neben den Gleisen, es sieht so aus, als wären ihre Besitzer nur kurz mal weg. Und auch der viele Müll am Rand der Schienen, Kühlschränke und Computerbildschirme, ist sicher kein Zufall.

Reines Kupfer wirkt wie ein Magnet auf manche Kriminelle

Links und rechts der Gleise stehen Masten, alle 100 Meter, sie stützen die Oberleitung. Unten, vom Sockel, führt ein Kupferkabel an die Schiene. Erdungskabel sind das, reines Kupfer, ideal für den Verkauf. Die Diebe kappen, auf gut Glück, auch andere Übertragungsstränge. Es gibt Verbindungen, darin stecken mehr als 50 Einzelkabel. Wer sie repariert, muss jedes einzeln zuordnen und flicken. Dia Bahn ersetzt Kupfer inzwischen durch Stahl, das ist weniger wertvoll.

Immer wenn Diebe eine Verbindung kappen, stellen sich die Signalanlagen auf Rot. Das ist ärgerlich, weil die Züge stehen bleiben müssen. Aber es ist eine gute Chance für die Bundespolizei, die sofort benachrichtigt wird. Of startet dann auch der Helikopter. Von oben ist das Gelände übersichtlicher.

Man kann nicht nur für Pistolenspuren Profile erstellen

Ein internes Memo der Bahn beschreibt die Auswirkungen eines einzigen Diebstahls: Die Zahl der betroffenen Züge, die Umleitungen und Verspätungen in Minuten. „Fernverkehr: 2 Züge + 8 Minuten, 1 Umleitung.“ – „Nahverkehr: 27 Minuten + 584 Minuten, 11 Teilausfälle, 7 Ersatz.“ – „Güterverkehr: 26 Züge + 1 659 Minuten, 21 Umleitungen.“

Inzwischen erstellt die Polizei Profile von Schnittspuren an Kabelresten, um Beweise gegen notorische Diebe zu sammeln. Es entsteht ein Werkzeugprofil, ähnlich wie man es auch für Schusswaffen anhand von Projektilen erstellt.

Der Verdächtige wollte doch nur die Sonne genießen

Die Streife hat den Bahnhof Warschauer Straße erreicht. Direkt vor den Gleisen steht ein Mann. Sie kontrollieren ihn, das Funkgerät im Auto knackt. Es liegen nur alte Delikte gegen ihn vor. Drogenbesitz. Er darf gehen. Schließlich war das Tor zur Anlage offen, die Beamten wollen niemandem das Leben schwer machen, solange kein Verdacht vorliegt. Aber was wollte der Mann hier? „Die Sonne genießen, es ist doch schön parkähnlich hier“, sagt ein Beamter, er zwinkert und zeigt auf den steinigen, mit Unkraut überwucherten Boden. Oder hat der Mann nach leichter Beute geschaut? Wenn sich die Bundespolizei nur auf die Kabeldiebe konzentrieren könnte. Aber wer für Sicherheit auf dem Bahngelände sorgen soll, hat eine viel größere Klientel. Betrunkene, Schläger, Drogendealer.

Kürzlich wurden in Mecklenburg-Vorpommern zwei Männer festgenommen, die auf dem Bahnhof in Pasewalk standen und mit einer Taschenlampe winkten, um einen Zug anzuhalten. Sie dachten wohl, es wäre der Regionalexpress nach Polen. Es war aber eine Leerfahrt, der Zugführer wurde skeptisch, er rief die Polizei. Sie nahmen die beiden Diebe dann fest, ihre Rucksäcke waren voller Kupferkabel.

Über manche Täter muss man schmunzeln

Diese Sorte von Metalldieben sind wie die Trolle in einem Fantasyfilm: Man amüsiert sich über sie. Aber es gibt auch Profis, die mit einem LKW zum Materiallager fahren, gefälschte Papiere vorlegen und die Bude leerräumen. Und Einzelkämpfer, die ihr Leben riskieren. Die stapeln Autoreifen zur Isolierung, stellen sich darauf und schneiden mit der Zange in die 15.000 Volt der Hochspannungsleitungen. So einer wurde mal verhaftet. Bei der Vernehmung stellte sich heraus, dass er schwere Verbrennungen an Bauch und Rücken hatte, er war bereits verunglückt. Das hielt ihn aber nicht ab, wieder zu schneiden.

Da sind Metalldiebe, die der Bundespolizei kaum Widerstand leisten. Und da sind welche, die mit Eisenstangen angreifen. „Wenn wir wüssten, was uns erwartet, könnten wir die Sache etwas entspannter angehen“, sagt einer der Beamten. Inzwischen sind sie auf einem Lagergelände von Bahn-Zulieferern angekommen. Das Gelände ist umgeben von Plattenbauten mit dunklen Fenstern. Nach 19 Uhr am Abend sei hier niemand mehr. In dem Lager liegen schnöde Kabeltrommeln, aber es scheint so gesichert zu sein wie die Bundesdruckerei. Zäune mit Stacheln, Warnschilder von Wachdiensten, Alarm-Anlage. Trotzdem ist hier schon oft geklaut worden.

Mit künstlicher DNA kann man Ermittlungserfolge erzielen

Der Kampf vor Ort ist nur eine Maßnahme. Das eigentliche Ziel ist, das Netzwerk aus Dieben und Hehlern zu zerschlagen. „Wir müssen den gesamten Kreislauf unterbinden“, sagt ein Sicherheitsexperte der Deutschen Bahn. Der Konzern sendet dafür Bilder der begehrtesten Bahnteile an Metallhändler („Unwissenheit schützt vor Strafe nicht“) und markieren Kabel und Bronzekontakte mit künstlicher DNA. Das ist ein Brei, der aussieht wie Joghurt mit Mohn, er besteht aus winzigen Metallplaketten und einem chemischen Code. Mit bloßem Auge ist die Markierung nicht erkennbar. Mit einem einfachen Taschen-Mikroskop, UV-Lampen und Laboranalysen kann auf diese Weise immer festgestellt werden, von wo ein Teil gestohlen wurde. Laut dem Bundesverband der Metallhändler beteiligen sich viele Schrotthändler, sie testen auf Markierungen. Die Interseroh GmbH etwa, eine Tochter des Berliner Alba-Konzernes hielt sich auf Anfrage allerdings bedeckt. Man wolle die „umfangreichen Sicherheitsvorkehrungen nicht genauer erläutern und potenzielle Kriminelle nicht unnötig einladen.“

Am Schrottplatz von Efrem und seiner Mutter in der Bitterfelder Straße wird nicht auf künstliche DNA kontrolliert. Für ihren kleinen Betrieb sei das viel zu aufwendig, außerdem lasse man sich immer den Personalausweis zeigen. Gerade fährt ein VW Golf vor, ein junger Mann steigt aus. Er suche Kupfer zum Basteln, sagt er, und formt mit der Hand die Größe einer Streichholzschachtel. Ein Mitarbeiter klappt eine schwarze Kiste auf, die Schatzkiste. Darin liegen Kabel und Regenrinnen.

Der Schrotthändler sagt, gerade sei nichts passendes da. „Komm einfach morgen noch mal wieder.“