Holi-Festival

Wenn 10.000 Berliner einander mit Farbbeuteln bewerfen

Tausende Besucher feiern im Olympiapark das indische Holi-Fest. Dabei bewerfen sie sich mit farbigem Maispulver. Dazu gibt es Elektro-Beates und Bier – ganz anders als in Indien.

Foto: THOMAS PETER / REUTERS

Auf drei fliegt alles in die Luft. Auf der Bühne brüllt einer den Countdown ins Mikrofon. Blau, Pink, Neongelb: Tausende Menschen reißen die Arme in den Himmel. Das Grölen und Lachen durchbricht die Bässe, die aus den Boxen über die Freifläche dröhnen. Für einen Moment sind alle blind vor Farbe. Sie reiben sich die Augen und die eingestaubten Sonnenbrillengläser. Die Menge tanzt im Pulverregen zu den Rhythmen elektronischer Musik. Ein dichter Schleier legt sich auf Haare und die weißen T-Shirts.

Das, was da gemächlich zu Boden rieselt, heißt Gulal. Mit dem Farbpulver und dem Holi-Festival haben die Veranstalter ein Stück Indien nach Deutschland geholt. Das Original kennen sie von einer Reise durch das Land. Sie waren beeindruckt von den Farben und dem Gedanken eines Festes, das alle Menschen für ein paar Stunden gleich sein lässt – gleichberechtigt, gleich gesinnt, gleich bunt. „Beim Holi werden Toleranz und Respekt großgeschrieben. Wir zelebrieren das mit der Symbolik der Farbe“, sagt Mitorganisator Maxim Derenko.

Im März feiern Inder das Fest der Farben

Das indische Jaipur vor zwei Jahren. Ich erlebe das Holi-Fest hautnah. Vier Männer und ein Motorrad: Im Vorbeifahren bewerfen sich Jungen und Männer mit farbigem Wasser, das sie in Plastikbeutel gefüllt haben. Auf jeden Treffer folgen Gelächter und Siegesrufe – die Getroffenen lachen lauter als die, die geworfen haben. Buntes Pulver türmt sich auf vierrädrigen Karren am Straßenrand. Sie greifen es mit bloßen Händen. Das, was zwischen ihren Fingern hindurchrieselt, hinterlässt eine Spur auf dem löchrigen Asphalt der Hauptstadt des Bundesstaats Rajasthan. Was in der Faust bleibt, schleudern sie sich in Nahkampfdistanz gegenseitig auf die weißen Hemden. Es ist elf Uhr. Auf den Straßen Jaipurs herrscht seit zwei Stunden der Ausnahmezustand. Farbe liegt in der Luft – ebenso wie der Geruch von Alkohol.

Jedes Jahr im März feiern die Menschen in Nordindien das Fest der Farben – von neun bis 15 Uhr. Dass sie den Frühling damit begrüßen, ist nur die halbe Wahrheit. Für sie ist das eigentlich Besondere eine vermeintliche Selbstverständlichkeit: Gleichstellung. Mit der Unabhängigkeit Indiens wurde das Kastensystem 1947 abgeschafft, das die Benachteiligung bestimmter sozialer Gruppen von staatlicher Seite zementierte. Doch das System lebt. Verstümmelte Kinder vor den Juweliergeschäften, Bettler auf den Stufen indischer Banken: Vor allem in Indiens Hauptstadt Delhi bestehen Reichtum und existenzieller Abgrund unmittelbar nebeneinander. Nur die wenigsten, die in eine sozial schlechter gestellte Familie hineingeboren werden, schaffen es, die Nachwirkungen des Kastensystems zu überwinden. Die Ausgelassenheit, mit der die Menschen in Indien die temporäre Gleichberechtigung feiern, ist nicht die eines deutschen Musikfestivals.

10.000 Besucher feiern bei Elektrobeats und Bier

In Berlin feiert die Elektroszene. Bier, Softdrinks und Hochprozentiges fließen in Strömen. Im vergangenen Jahr strömte es darüber hinaus vom Himmel. Ein kräftiger Regenguss überraschte die bunte Menge. Auch für das zweite Berliner Holi-Festival, das an diesem Sonnabend im Reiterstadion im Olympiapark stattfindet, hält sich der Wetterbericht mit sonnigen Prognosen eher zurück. „Das macht uns nichts“, sagt Derenko. „Auch bei Regen wird die Veranstaltung wie geplant stattfinden.“ Mit Stars wie Lexy & K-Paul, Dumme Jungs und Bombay Boogie Soundsystem sieht sich das Team auf der sicheren Seite.

Nach nur wenigen Stunden seien die Karten für das deutsche Holi-Festival in Berlin ausverkauft gewesen, sagen die Veranstalter – mehr als 10.000 Besucher kommen. „Wir haben nicht damit gerechnet, dass das Ganze so erfolgreich wird“, sagt Maxim Derenko. Mit 200 Gästen hatten sie beim ersten Mal gerechnet. Geworden sind es 25.000 in vier Städten: Berlin, München, Dresden, Hannover. Allein bei der Party am Berliner Postbahnhof vergangenes Jahr seien es 3500 gewesen. Nur ein Jahr später findet der Festival-Import aus Indien in mindestens 13 deutschen Städten statt. Für die 10.000 Besucher, die Maxim Derenko und seine Kollegen pro Veranstaltungsort erwarten, wird die Party nicht um 15 Uhr enden. Für sie gibt es Musik und Alkohol bis in die späten Abendstunden. Was bleiben wird, sind die Erinnerungen an einen bunten Nachmittag und die Farbe in den weißen T-Shirts.

Eine Holi-Elektro-Party in Berlin

In Indien kommt die deutsche Variante gut an. „Ich finde es großartig, dass die Deutschen auch das Holi-Festival feiern“, sagt Rohit. In Indien gehört Rohit zu den Menschen, die es besser haben. T-Shirt, Sonnenbrille, Jeans. Der 25-Jährige lebt in Delhi. Er ist hier geboren, groß geworden, hat hier studiert. Wenn er an Deutschland denkt, dann denkt er an Fortschritt, an Chancen, an Möglichkeiten. Er singt ein Loblied auf ein Land, das er nicht kennt und das er vielleicht auch nie kennenlernen wird. „Es ist einfach zu teuer. Den Flug kann sich meine Familie nicht leisten.“ Er findet es toll, dass es die indische Tradition bis in dieses Land geschafft hat. „Trotzdem: Wir tanzen an Holi zu traditioneller indischer Musik statt zu Elektronik-Musik. Das ist schon etwas anderes.“

Der Inder Manish ist eher skeptisch. „Ich finde das nur so lange in Ordnung, wie man nicht die religiösen und kulturellen Gefühle der anderen stört.“ Er ist in einer kleineren Stadt in der Nähe von Mumbai groß geworden – ein bisschen bescheidener als Rohit, ein bisschen weniger ein Großstädter, aber mit den gleichen Träumen. Auch für ihn ist Deutschland ein Land der Möglichkeiten. Ob er das deutsche Holi-Festival gut findet, kann er aber nicht so richtig sagen. Eine Holi-Elektro-Party? Das ist einfach so weit weg. „Aber jedes Land hat ja seine eigene Art und Weise, einen Festtag zu begehen“, sagt er.