Tödliche Dosis

Morphium-Tod von Baby gibt Ermittlern Rätsel auf

| Lesedauer: 3 Minuten
Peter Oldenburger und Steffen Pletl

Ein acht Monate altes Baby aus Spandau starb an Morphium. Der Tatverdächtige befindet sich seit Freitagabend in Untersuchungshaft. Bisher schweigt er jedoch zu den Vorwürfen.

Auch nach der Festnahme des 23 Jahre alten Andre S. wegen Totschlags bleiben viele Fragen zum Tod des acht Monate alten Jungen offen. Festzustehen scheint lediglich, dass das Baby an den Folgen der Verabreichung von Morphium gestorben ist. Offiziell ist seitens der Polizei von einer „Medikamenteneinnahme“ die Rede.

Seit Freitagabend befindet sich der Lebensgefährte der Mutter in Untersuchungshaft. Nach Angaben der Staatsanwaltschaft wird gegen den Mann wegen Totschlags ermittelt. Er soll dem Baby eine tödliche Dosis eines Betäubungsmittels verabreicht haben. An den Folgen war der kleine Junge am 19. April gestorben. Der 23 Jährige, der als Binnenschiffer arbeitet, war zu diesem Zeitpunkt in der Wohnung seiner Freundin, die an der Weverstraße in Spandau wohnt. Dort wollte er sich um den Kleinen kümmern. Offenbar war der junge Mann mit der Aufgabe überfordert.

Medienberichten zufolge soll S. dem Säugling ein „Pflaster“ zur Schmerzberuhigung verabreicht haben. Später soll das Kind das Pflaster verschluckt haben. Diese Angaben wurden bislang weder von der Polizei noch von der Staatsanwaltschaft bestätigt.

Unklar ist auch, wie die zu hohe Dosis eines Betäubungsmittels in den Körper des Säuglings gelangte. „Das Kind hat eine tödliche Menge des Giftes in den Mund erhalten“, sagte Martin Steltner, Sprecher der Staatsanwaltschaft, am Sonnabend. Alles weitere sei Spekulation. Angaben zum Tatmotiv, warum Andre S. dem Säugling die tödliche Substanz verabreicht hat, konnte er nicht machen. „Die Ermittlungen dauern an“, sagte Steltner.

Mittel gegen Tumorschmerzen

Gegen Berichte, dass Andre S. dem Baby ein sogenanntes Morphiumpflaster verabreicht habe, spricht der Umstand, dass solche Pflaster den Wirkstoff Fentanyl enthalten. Fentanyl ist ein synthetisch hergestelltes Opioid, das häufig zur Linderung extrem starken Tumorschmerzen eingesetzt wird, jedoch kein Morphium enthält und deutlicher stärker ist. Mit Hilfe des in dem Pflaster enthaltenen Wirkstoffs wird die Schmerzweiterleitung unterdrückt, so dass der Patient das Gefühl der Schmerzlinderung empfindet.

Die verschreibungspflichtigen Pflaster gibt es in verschiedenen Dosierungen und sie fallen unter das Betäubungsmittelgesetz. Daher ist auch ihre Entsorgung streng geregelt. In Krankenhäusern werden sie beispielsweise getrennt entsorgt. Im Privathaushalt ist das etwas anders.

Dort soll der Patient Pflaster nicht einfach über den Hausmüll entsorgen. Die Apotheken sind verpflichtet, nicht aufgebrauchte oder nicht genutzte Arzneimittel zurückzunehmen. Nach Angaben einer Apothekerin sind die Patienten nicht verpflichtet, benutzte Pflaster in einer Apotheke abzugeben. Dass in einem solchen Pflaster auch nach der Benutzung noch immer ein hoher Anteil des Wirkstoffs enthalten ist, bestätigte die Expertin am Sonnabend der Morgenpost.

Andre S. verständigte den Notarzt

Bekanntlich hatte Andre S. in Abwesenheit der Mutter Aylin S. selbst einen Notarzt gerufen, weil das Kind keine Lebenszeichen mehr von sich gab. Erste Untersuchungen durch den Notarzt und der Kriminalpolizei ergaben, dass der Säugling offenbar nicht durch äußere Gewalt ums Leben gekommen war. Es gab weder Spuren einer Gewaltanwendung, noch Anzeichen, die auf ein Schütteltrauma hindeuteten. Demnach lautete auch der erste Befund: Kindstod. Danach wurde auf Anordnung der Staatsanwaltschaft eine Obduktion des Leichnams durchgeführt, dessen Ergebnis am Donnerstag vorlag.

Wie lange die Mutter Aylin S. ihr Kind allein mit dem Lebensgefährten Andre S. allein gelassen hatte, ist bislang noch unklar und auch Gegenstand der weiter andauernden Ermittlungen der 4. Mordkommission.