Rosemarie F.

„Das Kämpferische machte sie zu etwas Besonderem“

Wut und Trauer vermischen sich beim Begräbnis von Rosemarie F. Die nach einer Räumung zu Tode gekommene Rentnerin hatte keine Miete mehr bezahlt. Vom „bürokratischen Mord“ ist nun gar die Rede.

Foto: Nele Obermüller

Immerhin, es war ein sonniger Tag, an dem diese düstere Geschichte zu Ende gegangen ist. Auf dem Friedhof der Jerusalemkirche in Kreuzberg wurde am Freitag Rosemarie F. beerdigt – die zwangsgeräumte Rentnerin, die am 11. April in einer Notunterkunft starb. Rosemarie F. war am 9. April von einem Gerichtsvollzieher und der Polizei wegen ausstehender Mietzahlungen aus ihrer Wohnung in Reinickendorf gewiesen worden.

Zwei Tage später starb die 67-Jährige in den Räumen von „Wärme mit Herz“ in Wedding. Ihr Schicksal schlug in der Stadt hohe Wellen. Damals bezeichnete der Initiator der Wärmestube, Zoltan Grasshoff, den Tod von Rosemarie F. als „Mord“.

Auch am Freitag platzte dieser Gedanke aus einem Trauernden hinaus. „Das war bürokratischer Mord!“, rief ein älterer Mann laut in die Menge von rund 80 Menschen, die zur Beerdigung gekommen waren. „Wir leben in einer kapitalistischen Welt“, schimpfte ein weiterer Trauernder. Gar von „Sozialrassismus“ war die Rede.

Rosemarie F. hatte sechs Monate keine Miete mehr gezahlt

Tatsächlich hatte Rosemarie F. rund sechs Monate lang keine Miete für ihre Wohnung an der Aroser Allee gezahlt. Gespräche mit dem sozialpsychologischen Dienst, den der Vermieter für sie um Hilfe gebeten hatte, verweigerte sie. Eine billigere Wohnung zu finden, darum bemühte sie sich anscheinend nicht. Stattdessen suchte sie bei dem Bündnis „Zwangsräumungen verhindern“ Unterstützung und nahm selber an mehreren Räumungsblockaden teil.

Vieles über das Leben von Rosemarie F. bleibe unbekannt, sagte der Prediger in seiner Trauerrede. Man wisse nur, dass sie in Jena geboren wurde, für längere Zeit in Ost-Berlin wohnte, dort verhaftet und vom Westen freigekauft wurde und dass sie anschließend einen Neuanfang in West-Berlin suchte. „Rosemarie ist alleine zu uns in die Kirche gekommen. Und alleine hat sie dieses Leben auch wieder verlassen“, sagte der Prediger in der voll besetzen, hellen, kleinen Kapelle auf dem Friedhof.

Trauer bei den Menschen spürbar

Ihr Tod habe bei vielen ein tiefes Unbehagen auslöst. „Denn so darf es in dieser Stadt nicht sein“, ergänzte er. Aber trotz der Wut bei manchen Anwesenden war auf dem Friedhof vor allem Trauer bei den Menschen spürbar. Aktivisten aus dem Bündnis, Nachbarn von Rosemarie F., selbst von Zwangsräumungen Betroffene und auch Zoltan Grasshoff waren versammelt.

Vor der Tür der Kapelle stand ein kleiner Korb, in den Leute Spenden für einen Grabstein legen konnten. Fast alle hatten Blumen mitgebracht, einige hatten Lieder vorbereitet. Viele weinten, als der Sarg von Rosemarie F. zum Grab getragen wurde.

Nur ein Mal versuchte ein Mann, die Trauerfeier zu durchbrechen und einen Vortrag über Verdrängung und Zwangsräumung zu halten. Doch der Prediger erinnerte ihn sofort daran, dass an diesem Tag nur des Menschen Rosemarie F. gedacht werden sollte. Eine Frau hatte ein Bild von Rosemarie F. dabei, das ihr Freund im Februar bei einer Demonstration gegen Zwangsräumungen an der Lausitzer Straße gemacht hatte. „Hier sieht sie so glücklich aus“, sagte die junge Frau. „In ihren Augen erkennt man dieses Kämpferische, das sie so besonders machte.“