Umbau

Bahn lehnt Dachverlängerung am Berliner Hauptbahnhof ab

Der Architekt Meinhard von Gerkan will das Glasdach des Hauptbahnhofs nach seiner Idee vollenden - am besten während der Gleisreparaturarbeiten 2015. Die Bahn winkt jedoch aus verschiedenen Gründen ab.

Foto: FRITZ REISS / AP

Natürlich würde er das gern übernehmen, sagt Meinhard von Gerkan. „Wenn Ihr mir das Geld gebt, dann mache ich das.“ Es wäre natürlich eine Genugtuung für den berühmten Architekten, wenn er das zu kurz geratene Dach über den Bahngleisen des Berliner Hauptbahnhofs verlängern dürfte – so, wie in seiner Planung ursprünglich einmal vorgesehen.

Er verstehe bis heute nicht, warum diese „Verstümmelung“ sein musste, sagt Gerkan. Deshalb würde er es begrüßen, wenn die angekündigte Bahnhofssperrung in zwei Jahren dafür genutzt würde, im Sinne von Funktionalität und Optik des Hauptbahnhofs die fehlenden 130 Meter Dach zu ergänzen. Er werde noch einmal mit Bahnchef Rüdiger Grube über die Angelegenheit sprechen. „Aber am Ende läuft alles auf die Frage hinaus, wer das bezahlen soll.“

Wildes weißes Haar, lässig im weißen Hemd ohne Schlips und Jackett, über der Schulter ein Stoffbeutel mit dem Aufdruck „I love TXL“, den er extra eingepackt habe, wie er fröhlich erzählt – so plaudert der 78-Jährige am Sonntagnachmittag auf einer Terrasse „seines“ Flughafens Tegel mit Architektenkollegen.

Schöpfer vieler Flughäfen, des Hauptbahnhofs und Tempodroms

Gerkan ist an diesem Tag Ehrengast beim Frühjahrsempfang des Berliner Ablegers vom Bund Deutscher Architekten (BDA). Der Schöpfer nicht nur von Tegel, sondern auch der Flughäfen in Stuttgart und Hamburg, des neuen Hauptstadtflughafens BER, des Berliner Hauptbahnhofs, des Tempodroms und unzähliger anderer Projekte im In- und Ausland war gekommen, um einen Vortrag über seine internationalen Großprojekte zu halten.

Doch ausgerechnet über sein derzeit meistdiskutiertes Bauwerk, den BER, wollte Gerkan nicht sprechen. Denn noch liegt sein Architektenbüro GMP mit der Flughafengesellschaft im Rechtsstreit. Vor einem Jahr wurde GMP wegen angeblicher Bauplanungsfehler am BER verklagt, das Büro weist das zurück.

Im Moment ruht zwar das Verfahren, und der neue Flughafenchef Hartmut Mehdorn ist geneigt, sich den Sachverstand einiger GMP-Mitarbeiter zurück ins Team zu holen. Deshalb kein Kommentar vonseiten des Architekten zu Hintergründen des BER.

Statt 450 Meter wurde das Dach 320 Meter lang

„Ich möchte kein Öl in eine Flamme gießen, die vielleicht noch gelöscht werden kann“, sagt Gerkan vielsagend. Nur vom großzügigen Vordach des „physisch fast fertigen“ BER-Baus schwärmt der Architekt bei seinem Vortrag.

Lieber redet Gerkan am Sonntag also über den Hauptbahnhof und dessen Dach. Die Bahn hatte unter ihrem damaligen Chef Hartmut Mehdorn, mit dem Gerkan nun wieder am BER zu tun hat, das geplante Glasdach gekappt, damit der Bahnhof rechtzeitig zur Fußball-Weltmeisterschaft 2006 fertig wurde. Statt 450 Meter wurde das Dach 320 Meter lang. Der Bundestag empfahl später, das Dach noch zu verlängern. Auch der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) war dafür.

Nach einer Untersuchung des Bundesverkehrsministeriums von 2008 würde die Verlängerung des Dachs 53 Millionen Euro kosten. Gerkan hatte die Kosten auf unter 20 Millionen Euro beziffert. Die Bauteile für die Verlängerung sollen in Lagerhallen der Bahn in der Nähe des Ostbahnhofs noch einlagern.

Deutsche Bahn lehnt Gerkans Vorstoß ab

Doch einfach fertig bauen könne man das Dach heute nicht mehr, sagt Gerkan am Sonntag. „Da wären schon ein paar neue Maßnahmen nötig.“ Denn durch die Verkürzung sei etwa die Lastenverteilung des Dachs verändert worden, die Statik müsste also neu berechnet werden. Doch mit den anstehenden Bauarbeiten böte sich eine neue Chance.

Doch so weit wird es vermutlich nicht kommen. Denn die Bahn lehnt Gerkans Vorschlag für eine Dachverlängerung während der Gleisreparaturarbeiten im Jahr 2015 ab. „Das steht nicht zur Debatte“, heißt es am Sonntag. Nicht nur die enormen Kosten, die weder Bahn, Berlin noch Bund übernehmen wollen, sind Grund für das Nein.

Auch verweist die Bahn auf die Konsequenzen für den Verkehr in der Hauptstadt, wenn 2015 auch am Dach gearbeitet werden würde. Denn dann müssten alle Trassen für den Fern-, Regional- und S-Bahn-Verkehr gleichzeitig gesperrt werden. Für die geplanten Gleisbauarbeiten kann dies nacheinander geschehen – so bleibt wenigstens ein Nadelöhr für den Bahnverkehr am Hauptbahnhof offen.

Großprojekte krankten in Deutschland an der „Verbürokratisierung“

Auch optische Gründe für die Dachverlängerung lässt die Bahn nicht mehr gelten. Denn durch die entstehenden Hotelbauten werden die Enden des Bahnhofsdachs bald ganz verdeckt sein.

Die Umgebung des Hauptbahnhofs ist das nächste Thema, auf das sich Meinhard von Gerkan stürzt. An den alten Bebauungsplan halte man sich in der Stadtentwicklungsverwaltung nicht mehr, klagt der Architekt. „Stattdessen nur Banalbauten drumherum, das bedaure ich sehr.“

Großprojekte krankten in Deutschland an der „Verbürokratisierung“, sagt Gerkan, der inzwischen viel in Asien baut. „In China sind der Mut zu Neuem und die Entscheidungsfreude der Bauherren größer.“

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