Nach zehn Jahren

Tod eines SEK-Beamten - Kollegen leiden noch immer

Vor zehn Jahren wurde der Berliner SEK-Beamte Roland Krüger bei einem Routine-Zugriff getötet - der erste und einzige Tote in der Geschichte des Berliner Spezialeinsatzkommandos.

Foto: Close Up

„Mach Du mal, Dicker!“ Vier Worte. Für den Außenstehenden unwichtig, sie könnten alles Mögliche bedeuten. Fischi* werden sie immer begleiten. Mit diesen vier Worten änderte er kurz vor dem Zugriff noch einmal die Aufstellung seines Teams, das wenige Sekunden später eine Wohnung an der Kienitzer Straße in Neukölln stürmte. Die Aufgabe war, einen 33 Jahre alten Libanesen zu stellen. Sein Team rannte in einen Kugelhagel. An den Folgen dieser Aktion starb der SEK-Mann Roland Krüger, Spitzname Boulette. Am kommenden Dienstag jährt sich der Tag des Einsatzes zum zehnten Mal.

Für die Männer des Berliner Spezialeinsatzkommandos (SEK) ist es kein leichter Tag. Die Erinnerung an ihren gestorbenen Kollegen wird übermächtig werden, und sie wird schmerzen. Denn Roland Krüger war nicht nur bislang der erste und einzige Tote in der Geschichte des Berliner SEK. Sein Schicksal wirft auch immer einen Schatten voraus auf das eigene Leben. Denn jeder SEK-Mann und auch die dazugehörigen Familien wissen, es kann immer etwas passieren. Ein paar Gramm Blei können darüber entscheiden, ob der Vater vom Einsatz zurückkehrt oder nicht. Am 23. April werden Berlins Elite-Polizisten wie immer zum Grab im Parkfriedhof in Britz gehen und Kränze niederlegen. Alle werden dabei sein, die alten Hasen und der junge Nachwuchs. Auch Fischi, 49, der damals Teamführer bei dem tödlichen Einsatz war.

Sie wollten einen Messerstecher stellen

Dieser Fischi sitzt im Café Tomasa in Zehlendorf-Mitte und ist bereit, noch einmal darüber zu sprechen. Er hat Milchkaffee zum Frühstück bestellt und nur dunkle Brötchen. Er ist hungrig und kommt gerade vom Sport. Er hat eigentlich immer geboxt, sieht heute noch wie ein Profi aus, ist kräftig und durchtrainiert. Fischi hat ein breites Lachen und blitzende Augen. Wenn er aber über den Einsatz spricht, spannen sich die Muskeln seiner Oberarme an. Denn jeden Tag hat er sich seitdem gefragt, ob er mit seiner Entscheidung den Tod seines Freundes verursacht hat. „Es war ein Routine-Zugriff. Ein Messerstecher wurde mit Haftbefehl gesucht, er galt als gefährlich. Die Familie des Gesuchten bewohnte zwei Apartments an der Kienitzer Straße, die übereinander lagen und in die zwei Gruppen zeitgleich eindringen sollten“, erinnert sich Fischi. Dieser Einsatz hat sein Leben verändert. Später schied er wegen einer posttraumatischen Belastung aus dem Dienst aus. Der Tod seines Kollegen und die Selbstvorwürfe haben ihn nicht mehr losgelassen.

„Ich und eine Handvoll Kollegen waren für die untere Wohnung zuständig.“ Alles war klar. Doch der Beamte an erster Stelle, der mit dem schweren Eisenschild die Tür einschlagen und damit schützend in die Wohnung laufen sollte, hatte seinen Helm nicht auf. Also schickte Fischi Roland Krüger an diese Position. Alle schauten sich an, warteten, dann gab der Teamführer das Zeichen. „Die Tür flog sofort auf, wir stürmten, dann hörte ich die Schüsse. Frauen und Kinder brüllten, Boulette ging zu Boden. Ich lief an ihm vorbei und hatte die beiden Männer vor mir in einem Wohnzimmer, deren Mutter war ebenfalls dort. Die Waffe hatten sie weggeworfen.“ Fischi kämpfte die Männer nieder, bedrohte sie, während seine Kollegen die Räume sicherten und nach oben in die andere Wohnung liefen, weil dort die beiden Rettungssanitäter des Teams waren.

Höppi* war einer der beiden Rettungssanitäter. Kein Riese, aber hart und kräftig. Er sitzt in seiner Wohnung in Lichterfelde am Esstisch, trinkt Spezi mit Mineralwasser. Damals, vor zehn Jahren, war er noch Elite-Polizist. Er wurde zusätzlich wochenlang medizinisch in einem Speziallehrgang bei den Notärzten der Feuerwehr geschult, um im Notfall Verletzte sofort vor Ort versorgen zu können. Die Wohnung, in die seine Gruppe eingedrungen war, war leer. „Ich weiß nicht mehr, ob ich die Schüsse gehört habe, wohl aber das Geschrei. Dann kamen die Kollegen hoch und sagten, dass es Roland nicht gut gehe.“ Höppi rannte mit seinem Kollegen eine Etage tiefer. Er funktionierte, wie er es heute nennt. Irgendwie blendete er aus, dass da unten sein Freund lag. Mit dem er Sport machte und auf dem Rad gemeinsam zum Dienst fuhr. „Boulette lag am Boden, auf dem Rücken. Er bewegte sich nicht, und wir sahen die Blutlache unter seinem Kopf. Es war ein Kopftreffer.“ Die beiden SEK-Sanitäter nahmen ihrem Kollegen den Helm ab, zogen die Maske behutsam beiseite und sahen das kleine Loch im Bereich des Jochbeins. „Die Kugel hatte genau die zwei Zentimeter Platz im Augenbereich zwischen der Helm- und der Schildkante getroffen“, sagt Höppi.

Notarzt unter Schock

Er versucht sich zu konzentrieren, er wird still. Streichelt seinen Hund und fängt sich wieder. „Hätte er den Kopf in einem anderen Winkel gehabt, wäre die Kugel nicht hinten durch die Wirbelsäule gegangen und hätte nicht alles künftige Leben zunichte gemacht.“ Roland Krüger war tot, als seine Kollegen sich um ihn zu kümmern begannen. Sie sogar den Notarzt der Feuerwehr wegschicken mussten, weil der unter Schock stand. Sie forderten einen anderen Notarzt an, machten eine Herzdruckmassage, beatmeten den Leblosen, intubierten ihn – und holten ihn zurück.

„Er atmete wieder selbstständig, sein Zustand stabilisierte sich, als der zweite Notarzt kam, der der Sache gewachsen war.“ Aber Höppi war klar, dass sein Freund niemals wieder an seiner Seite sein würde. „Wir hatten die Verletzung gesehen. Sollte er jemals wieder aufwachen, wäre er eine Chipstüte, leer, behindert, immer auf Hilfe angewiesen. Das hätte er nie gewollt.“

Höppi schaut auf seine gelbe Taucheruhr mit der SEK-Schwinge und dem Berliner Bären, die er auch damals beim Einsatz getragen hat. „Ich habe mich nach dem Abtransport um einen anderen Kollegen gekümmert, der in den Hintern getroffen worden war. Nach einer ersten Versorgung begleitete ich ihn ins Krankenhaus und sicherte ihn ab. Wir wussten nicht, ob es vielleicht Racheakte geben könnte.“ Dann rief er seine Frau an, denn in den Nachrichten lief, dass ein 37 Jahre alter SEK-Mann tödlich getroffen worden war, der eine kleine Tochter hat. „Ich war damals auch 37, und unsere Tochter war noch klein. Ich wollte nicht, dass meine Frau denkt, dass ich es war.“ Tatsächlich riefen wenig später auch zahlreiche seiner Freunde bei seiner Frau an.

Irgendwann sei er dann zur Unterkunft des SEK gefahren. „Es war ruhig wie auf einem Friedhof. Mir kam ein weinender Kollege des Mobilen Einsatzkommandos entgegen.“ Das SEK-Team bekam dienstfrei. Sie tranken einen Whisky zusammen. Schließlich brachte Höppis Teampartner ihn und sein Fahrrad nach Hause. „Ich habe mich betrunken und bin dann ins Bett. Ich konnte aber nicht schlafen und rief immer wieder auf der Wache an, um nach Roland zu fragen. Aber es gab nichts Neues.“

Vier Tage später waren Höppi, Fischi und die Kollegen wieder im Dienst, als die Durchsage durch die Hausanlage kam: „Roland ist gestorben.“ Es sei vorbei gewesen. Und es tat weh. Aber es sei auch eine Erleichterung gewesen. Niemand habe sich den großen Mann, der wegen seiner kräftigen Figur „Boulette“ genannt wurde, in Windeln und mit künstlicher Beatmung vorstellen wollen.

Er muss kämpfen, um sich nicht zu verlieren

Doch mit Roland Krügers Tod war es nicht vorbei. Höppi bekam Tagträume, hatte psychische Probleme. Er wollte nicht, dass die anderen es bemerkten, und ließ sich drei Jahre vor der SEK-Altersgrenze als Ausbilder zum Personenschutz versetzen. Bis bei einer Routinebesprechung ein Psychologe die „Reißleine“ zog. Der SEK-Mann wurde pensioniert. Er hat die Erinnerung an den Einsatz heute im Griff, aber jedes Jahr am 23. April muss er mit ihr kämpfen, um sich nicht zu verlieren.

Wir treffen weitere Wegbegleiter des erschossenen Polizisten. Sitzen bei Kaffee in einem Büro auf dem Gelände der Landespolizeischule. Andreas S. ist 47 Jahre alt, noch aktiv beim SEK, als Teamführer, wie damals Fischi. Er stürmte damals mit Höppi in die obere Wohnung und machte den gleichen Anruf bei seiner Freundin. „Schatz, ich bin es nicht. Mir geht es gut, aber ich komme heute nicht nach Hause.“ Dann fuhr er zum Reichstag und saß dort zwei Stunden, weil man da in die Weite schauen kann. Der durchtrainierte Beamte nippt am Kaffee und erinnert sich. „Der Einsatz war einschneidend. Wir haben immer gedacht, wir sind untötbar, wir kommen immer zurück.“ Er ging am nächsten Tag wieder zum Dienst und ließ sich einteilen. Mit der quälenden Frage im Gepäck: „Hab ich es noch drauf? Kann ich jemals wieder in einen geschlossenen Raum stürmen?“

Die nächsten Einsätze ließen nicht lange auf sich warten. Es gab eine Entführung, es musste eine Wohnung „genommen“ werden. Und abends kam der Beamte zu dem Ergebnis, dass er es noch kann. Aber es vergingen neun Monate, bis er zum ersten Mal über den Einsatz reden konnte. „Boulette wird immer da sein. Und sein Tod hat mich eines gelehrt. Lebe jetzt, nicht morgen. Es kann schnell passieren, dass es kein Morgen mehr gibt.“

„Kein SEK-Mann wie aus den dummen Filmen“

Auch Axel L. war lange Zeit SEK-Beamter, später Teamführer, dann gar SEK-Leiter. Viele Jahre hat er American Football gespielt. Groß ist er, hat eine Halbglatze und trägt einen Schnauzbart. Er kannte Roland Krüger bereits aus dessen Zeiten beim Mobilen Einsatzkommando (MEK), das auf Observationen spezialisiert ist. Er sitzt Andreas S. gegenüber.

„Roland war kein SEK-Mann wie aus den dummen Filmen. Er hatte einen starken Charakter, war in sich gefasst, hatte sich gefunden, war fast schon gemütlich.“ Ein Arbeitstier, das verbissen an seinem Laufdefizit arbeitete, gern mal eine rauchte und seine neun Monate Tochter über alles liebte, „die ihm so verdammt ähnlich sieht“. Axel L. hatte das SEK gerade vier Wochen verlassen und war zu einer geschlossenen Einheit der Bereitschaftspolizei gewechselt, als er die Nachricht vom tödlichen Einsatz an der Kienitzer Straße erhielt.

Er war mit Freunden zu einer Motorrad-Tour aufgebrochen, und es war sein Geburtstag. Jedes Jahr, wenn er ihn feiert, denkt er natürlich an Roland Krüger, seinen Kollegen. Obwohl er auch sonst oft genug an ihn denke. Weil er irgendwie besonders gewesen sei. Einer, der auch beim Sturm auf eine Zuhälter-Wohnung nicht auf die beißwütigen Hunde schoss, sondern sie beruhigen konnte. Einer, der nach dem Einsatz und der Festnahme von Herrchen mit den Vierbeinern Gassi ging und anschließend das Tierheim anrief. Er war meist derjenige, der sich um die Kinder in der Wohnung kümmerte, nachdem er und seine Kollegen eindringen mussten. Der in die Knie ging, ihnen die Angst vor dem Chaos nahm. „Weil er eben von ganzen Herzen Familienmensch war“, sagt Axel und lächelt.

Ein paar Gramm Blei – und alles war anders

Auch Martin Textor erinnert sich an diesen Morgen an Roland Krüger. Er ist seit Jahren in Pension, stand ewig an der Spitze aller Spezialeinheiten der Berliner Polizei. Er ist sozusagen Gründungsmitglied des Berliner SEK, aktiver Einsatzbeamter. An diesem 23. April vor zehn Jahren war sein 35. Hochzeitstag. Textor wollte mit seiner Frau nach Sylt. Bis ein paar Gramm Blei, abgefeuert aus einer Pistole, das Leben vieler Menschen veränderten. „Ich bin sofort ins Auto. Wollte meine Leute abschirmen, denn nun würden die Fragen kommen. Haben wir alles richtig gemacht? Was war da los?“

Im Krankenhaus traf er den Polizeipfarrer. Die Prognosen waren hart – „keine Überlebenschancen“. Mit dem Geistlichen und Teamführer Fischi fuhr er zur Freundin von Roland Krüger. Sie kam gerade von einem Spaziergang zurück. „Als sie uns sah, wusste sie, was los war. Sie weinte sofort.“ Im Krankenhaus kam sie später aus dem Zimmer und sagte zu den Kollegen ihres Mannes, dass er gar nicht tot aussehe. „Es wirkt, als wenn er schläft.“ Nur das Pflaster über dem kleinen Loch unterhalb des Auges war der Beweis für das Gegenteil.

Am 27. April starb Roland Krüger. Ganz Berlin nahm Anteil an dem Schicksal des Elite-Polizisten. 36.000 Euro wurden beim Verein „Berliner helfen“ der Berliner Morgenpost für die Familie gespendet. Für die Familie des Mannes, der kurz zuvor an dem Sturm auf den von einem Ex-Sträfling gekaperten BVG-Busses am Sachsendamm beteiligt war und eine der Geiseln rettete. Der Pläne hatte für die Zeit nach dem SEK. Bei der Mordkommission, wo ihn alle mochten und gern in ihrem Team gehabt hätten. Bis das Blei ihn traf, abgefeuert von dem 33-jährigen Libanesen, der später vor Gericht sagte, dass er davon ausgegangen sei, dass Angehörige eines verfeindeten Clans in die Wohnung stürmen würden, mit denen es zuvor die Messerstecherei gegeben hatte, in deren Folge der Haftbefehl ausgestellt worden war. Der Mann bekam eine lebenslange Haftstrafe wegen Mordes.

Kurz vor dem Einsatz, das weiß Fischi noch ganz genau, saß Boulette auf der Couch in der Wache des SEK in Lichterfelde. „Hey, Fischi, lass uns mal über meinen Urlaub reden. Ich möchte nach Südfrankreich.“ Und Fischi sagte, dass jetzt ein Einsatz anstünde und sie später darüber reden würden. Wenig später sagte er die vier Worte: „Mach Du mal, Dicker!“ Und alles war anders. *Die SEK-Beamten „Fischi“ und „Höppi“ werden zum Schutz ihrer Identität nur mit ihren Spitznamen bezeichnet.

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