Blitzermarathon

Porschefahrer in Berlin mit Tempo 87 gestoppt

2012 gab es 15 Prozent mehr Unfälle in Berlin als im Vorjahr. Vor allem, weil viele Autofahrer rasten. Die Polizei startete nun eine Blitzer-Offensive mit 200 zusätzlichen Messgeräten und 1200 Beamten.

Foto: Sergej Glanze

Es gibt es, das sprichwörtliche Berliner Tempo: Viele Autofahrer sind offenbar der Meinung, auf den Straßen einmal so richtig Gas geben zu können, fahren bei Rot über die Ampel und riskieren gefährliche Überholmanöver. Um diesem Phänomen ein Ende zu setzen, hat die Berliner Polizei einen Marathon der besonderen Art organisiert.

24 Stunden lang haben 1200 Beamte am Dienstag ununterbrochen aus am Straßenrand parkenden Autos heraus geblitzt und haben Geschwindigkeitssünder zum Zwischenstopp gezwungen. Dafür sind an diesem einen Tag zusätzlich 200 mobile Blitzer, darunter 100 Beamte mit Handlasergeräten, und 21 Videowagen in der Stadt zum Einsatz gekommen.

Dabei wollte die Polizei nicht etwa die Autofahrer ärgern, sondern sie vielmehr dafür sensibilisieren, dass sie mit der temporeichen Fahrt andere und letztlich auch sich selbst in große Gefahr bringen. „Geschwindigkeitsüberschreitung ist kein Kavaliersdelikt“, sagte Andreas Tschisch, Referent für Verkehrssicherheit der Berliner Polizei. Es bedeute einen längeren Bremsweg, erhöhten Aufpralldruck und entscheidet schließlich auch über „nur“ schwer verletzt und Tod. „Vor allem soll wieder an die Folgen gedacht werden“, sagte Tschisch weiter.

Schwere Unfälle durch Raserei

Denn immer häufiger ist überhöhte Geschwindigkeit ein Grund, der letztlich zu schweren Verkehrsunfällen führt. So ist 2012 die Verkehrsunfallquote gegenüber dem Vorjahr wegen Geschwindigkeitsüberschreitungen um 15 Prozent angestiegen. In der Statistik schlägt dies in absoluten Zahlen mit 3500 Unfällen zu Buche, bei denen insgesamt 1250 Personen verunglückten. Sechs von ihnen starben.

Die Berliner Polizei hat mit ihrer stadtweiten Aktion auf die Zahlen reagiert: Mit einem Blitzermarathon, einer 24 Stunden langen Verkehrskontrolle. Normalerweise sind es in Berlin nur rund 50 Kontrollen, die pro Tag auf den Straßen stattfinden – das sind insgesamt 18.600 im Jahr. In anderen Bundesländern wie Niedersachsen oder Nordrhein-Westfalen hat sich das Prinzip der groß angelegten ganztägigen Geschwindigkeitskontrollen bereits etabliert.

In Berlin und Brandenburg gab es bislang nur Schwerpunktkontrollen zu verschiedenen Themen über ein ganzes Jahr verteilt. Zuletzt wurden in der vergangenen Woche ganz gezielt Motorradfahrer kontrolliert – pünktlich zum Beginn der Motorradsaison. Dabei hielten die Polizisten auch rund 20 Fahrer an, die ohne Helm unterwegs waren. Andere hatten unerlaubte Änderungen an ihrem Fahrzeug vorgenommen, es etwa „frisiert“.

Autofahrer übten sich in Zurückhaltung

Der berlinweite „Blitzermarathon“ war die erste Großkontrolle dieser Art. Damit möchte die Berliner Polizei ein Zeichen setzen und den Verkehrssündern einen Denkzettel verpassen. „Was heute gezwungenermaßen passiert, soll in den Köpfen der Autofahrer bleiben“, sagt der Verkehrsspezialist. Autofahrer sollen nicht abgezockt werden, daher habe man auch diese Aktion sehr öffentlich gemacht und die Berliner rechtzeitig darüber informiert.

Und das hat prompt Wirkung gezeigt. Wohl selten zuvor sind Berliner Autofahrer an einem Dienstag so langsam unterwegs gewesen, haben sich so rücksichtsvoll im Straßenverkehr bewegt. Es sind wohl doch die Warnungen, die zur Geschwindigkeitsminderung beigetragen haben. Selbst auf der Stadtautobahn, wo es nicht unüblich ist, mit Tempo 90 und mehr zu fahren, übten sich die Autofahrer in Zurückhaltung.

Niemand fuhr schneller als 87 Stundenkilometer – ein durchaus ungewohntes Bild. „Die linke Spur war sogar ganz frei“, sagte Tschisch. Unterdessen zeigt sich beispielsweise an der Boelckestraße in Tempelhof vor einer Schule ein anders Bild. In einem Abschnitt, in dem lediglich Tempo 30 zwischen sieben und 17 Uhr erlaubt ist, sollte man meinen, dass an diesem Dienstag alle automatisch abbremsen. Doch die Polizisten wurden dort eines Besseren belehrt: Statt der erlaubten 30 km/h wurde ein Autofahrer mit 58 km/h gestoppt. „So lange die Autofahrer keine Kinder am Straßenrand stehen sehen, gehen sie auch nicht auf die Bremse“, sagte ein Beamter. Die übliche Ausrede der Fahrer: „Das Schild habe ich übersehen oder gerade nicht daran gedacht, dass hier eine Schule ist.“

Doch unterm Strich haben die Polizisten an diesem Vormittag wenig zu tun. In zwei Stunden wurden nur sechs Autofahrer aus dem Verkehr gezogen. Bei zweien wurde defektes Licht am Fahrzeug moniert. Bei den anderen gab es minimale Abweichungen zwischen zehn und 15 Stundenkilometer. Auf der Straße des 17. Juni nahm ein Autofahrer das Tempolimit eher sportlich. Statt mit 50 war ein Porschefahrer mit 87 km/h unterwegs.

Bilanz wird am Mittwoch vorgelegt

Am Dienstag gab es von der Polizei noch keine Angaben über die Zahl der kontrollierten Verkehrssünder und ihre Vergehen. Das Ergebnis des ersten Berliner Blitzer-Marathons soll erst am Mittwoch bekannt gegeben werden. „Ich hoffe, dass die Autofahrer einsehen, dass Geschwindigkeit gefährlich ist“, sagte der Verkehrsexperte Tschisch.