Haftbefehl

Berliner Mutter und ihr Freund ließen Baby verdursten

Sechs Tage nach dem Fund einer Babyleiche in Hellersdorf kommen immer mehr Details ans Licht. Das Neugeborene soll an Unterversorgung gestorben sein. Gegen die Mutter wurde Haftbefehl erlassen.

Foto: Paul Zinken / dpa

Erschütternde Fakten sind sechs Tage nach der Entdeckung eines toten Neugeborenen in Hellersdorf ans Licht gekommen. Das Baby wurde nicht versorgt und ist verdurstet. Zunächst war angenommen worden, der Säugling sei durch Gewalteinwirkung ums Leben gekommen. Am Montag sind gegen die Mutter des Kindes und ihren Lebensgefährten Haftbefehle erlassen worden.

„Das Kind wurde nach der Geburt nicht versorgt. Der Tatvorwurf lautet Totschlag durch Unterlassen. Im Zuge der Ermittlungen werden aber weiter mögliche Mordmerkmale geprüft“, sagte Martin Steltner, Sprecher der Staatsanwaltschaft. Ob das Baby in der Folge verdurstete oder verhungert ist, könne er nicht sagen. In Vernehmungen hätten sich die Beschuldigten „weitgehend geständig“ gezeigt, so Steltner. Das Paar befindet sich in Untersuchungshaft, am Nachmittag hatte ein Richter den Haftbefehl verkündet.

Nach Informationen der Berliner Morgenpost handelt es sich bei den Beschuldigten um Nadine K., 20, die aus Schwedt/Oder stammt, und den ein Jahr älteren Berliner RonnyB. Wie diese Zeitung erfuhr, lebte die 20-Jährige schon seit geraumer Zeit mit RonnyB. zusammen. Der 21-Jährige arbeitete als Busfahrer bei einer Tochterfirma der BVG, ist mit Nadine liiert, aber nicht der Vater des gestorbenen Kindes. Bis 2007 besuchte er die Heinrich-Ferdinand-Eckert-Oberschule in Friedrichshain. NadineK. hat bereits zwei Söhne, Fabio und Jermaine Taylor, zur Welt gebracht. Beide Jungen leben aber nicht bei ihrer Mutter.

Mutter war nicht krankenversichert

Der Säugling ist nach Ansicht eines Experten eher verdurstet als verhungert. „Wenn ein Kind ein oder zwei Tage nichts zu Trinken kriegt, ist es schnell in einem lebensbedrohlichen Zustand“, sagte der stellvertretende Direktor der Klinik für Pädiatrie der Berliner Charité, Stephan Henning, der Nachrichtenagentur dpa. Es sei nicht der Mangel an Kalorien, der das Kind schwächt. Ein Säugling brauche täglich eine Flüssigkeitsmenge, die einem Sechstel seines Körpergewichts entspreche. Bleibt diese aus, entgleist laut Henning der Stoffwechsel des Neugeborenen. Schließlich werde der Säugling komatös und könne nicht mehr richtig schreien.

NadineK. war nicht krankenversichert und habe während der Schwangerschaft auch keinen Arzt aufgesucht, hieß es in Ermittlerkreisen. Außerdem soll die 20-Jährige in „sozial schwierigen Verhältnissen“ gelebt haben. Offenbar hatte die zweifache Mutter die Schwangerschaft bis zuletzt ignoriert, was nach Ansicht von Psychologen häufiger vorkommen soll.

Marzahn-Hellersdorfs Jugendstadträtin Juliane Witt (Die Linke) erklärte, sowohl die Mutter als auch ihr Freund seien dem Jugendamt des Bezirks nicht bekannt. NadineK. ist noch in Schwedt gemeldet. Und eine Rücksprache mit dem Gesundheitsamt habe ergeben, dass keine Geburtenmeldung unter der Adresse vorlag. „Es gab keine Unterstützungs- oder Hilferufe an das Amt oder andere Träger im Bezirk, und das Baby war nicht beim Kinder- und Gesundheitsdienst bekannt“, teilte die Dezernentin mit. Das tragische Ereignis beschäftige die im Bezirk Tätigen in allen Ebenen – von der Arche bis zum Jugendamt, vom Bunten Haus bis zum SOS-Familienzentrum.