Mord an Pferdewirtin

Kronzeugin belastet andere Angeklagte im Lübars-Prozess

Tanja L. hat im Mordfall Christin R. ein umfassendes Geständnis vor Gericht abgelegt. Die 27-Jährige enthüllte grausige Details der insgesamt drei Mordanschläge auf die junge Pferdewirtin.

Foto: Stephanie Pilick / dpa

Der Prozess um den Mord an der Pferdewirtin Christin R. aus Lübars ist in die entscheidende Phase getreten. Am Montag hat Tanja L., eine der fünf Angeklagten, vor dem Landgericht Moabit ein umfassendes Geständnis abgelegt.

Die 27-Jährige hat nach Überzeugung der Staatsanwaltschaft zunächst den zweiten von insgesamt drei Mordanschlägen auf Christin R. verübt und anschließend über ihren Bruder den Kontakt zu dem Auftragsmörder hergestellt, der dann den dritten, diesmal erfolgreichen Anschlag ausgeführt haben soll.

Tanja L. hat nach dem Mord im Juni 2012 schon bei der Polizei umfassend ausgesagt, auf ihren Angaben beruht zu einem wesentlichen Teil die Anklage der Berliner Staatsanwaltschaft.

Moralische Unterstützung für die Familie von Christin R.

Im großen Schwurgerichtssaal des Landgerichts herrschte am zweiten Verhandlungstag erwartungsvolle Spannung, denn Tanja L. hatte bereits zum Prozessauftakt vor zwei Wochen eine umfassende Aussage angekündigt. Wieder war der Zuhörerbereich bis auf den letzten Platz gefüllt, und wieder saßen dort überwiegend Freunde, Nachbarn und Bekannte der Familie R.

Die Eltern und die beiden Brüder des Opfers verfolgen den Prozess als Nebenkläger, immer wieder gab es aus den Zuhörerreihen aufmunternde Gesten an die Adresse der Familie. Die konnte die moralische Unterstützung ohne Zweifel gut gebrauchen, musste sie doch über mehrere Stunden hinweg der Aussage von Tanja L. zuhören, einschließlich der Schilderungen über die kaltblütige Ausführung des Mordkomplotts und die letzten Stunden ihrer Tochter.

Das Komplott beschäftigte die Justiz und die Öffentlichkeit weit über die Region hinaus wie kaum ein anderes Kapitalverbrechen der vergangenen Jahre. Weil der große Traum des Hauptangeklagten Robin H. vom eigenen Reiterhof im Berliner Umland zu scheitern drohte, sollen der 24-Jährige und seine Mutter Cornelia H. beschlossen haben, hohe Lebensversicherungen auf Robin H.s damalige Freundin Christin R. abzuschließen und die 21-Jährige anschließend zu töten, um an das Geld aus den Versicherungen, insgesamt 2,4 Millionen Euro, zu gelangen.

Gemeinsame Leidenschaft für Pferde verband Opfer und Täter

Nach einem laut Staatsanwaltschaft ersten fehlgeschlagenen Mordversuch im April 2012 fanden Mutter und Sohn in Tanja L. eine willfährige Helferin. Die 27 Jahre alte Verkäuferin aus Westfalen lernte Robin H. kurz nach dem ersten Mordanschlag in ihrer Heimat kennen. Dort hatte Robin H. eine Ausbildung absolviert, dort hielt er sich auch nach seinem Umzug nach Brandenburg häufig auf. Wie schon zwischen dem Hauptangeklagten und dem späteren Opfer, war es auch bei Robin H. und Tanja L. die gemeinsame Leidenschaft für Pferde, die sie einander näherbrachte.

„Ich war in Robin verliebt und hatte gehofft, dass aus unserer Freundschaft mehr wird“, sagte Tanja L. am Montag dem Gericht. Dafür, so die 27-Jährige, habe sie alles tun wollen. Was die Angeklagte unter „alles“ versteht, machte sie in Ausführungen deutlich, die nicht nur bei Zuhörern im Gerichtssaal Fassungslosigkeit erzeugten, sondern auch unter den beteiligten Juristen mitunter Kopfschütteln auslöste.

Tanja L. zeichnete von sich selbst das Bild einer schlichten, überaus leicht beeinflussbaren Frau. Und wenn ihre Darstellung von Robin H. zutreffen sollte, lässt sich der Hauptangeklagte nur als ein Mann beschreiben, dem offenbar jede menschliche Regung und jede Hemmschwelle abhandengekommen ist.

Zweiter Mordanschlag Anfang Juni misslang

„Du musst etwas für mich tun“, habe H. ihr gesagt, berichtete die Angeklagte. Ihr Auftrag: Nach Berlin fahren, sich unter einem Vorwand mit Christin R. treffen, sie zu einem gemeinsamen Getränk überreden und den Inhalt einer Flasche, die ihr H. mitgab, heimlich in das Getränk des Opfers mischen.

Ob sie nicht über den Inhalt nachgedacht habe, wollte der Vorsitzende wissen. Antwort: „Robin hat gesagt, die Flasche sei aus einer Apotheke, und ich dachte, was aus einer Apotheke kommt, kann ja nichts Schlechtes sein.“

Während der Fahrt nach Berlin und beim Treffen habe sie ständig Handy-Kontakt zu H. gehabt, schilderte Tanja L. weiter. „Robin drängte mich, nun mach schon“ und „Robin wollte wissen, ob Christin ihr ganzes Glas ausgetrunken hat“, sagte sie vor Gericht. Auch dieser zweite Anschlag Anfang Juni 2012 misslang. Christin R. überlebte, danach trennte sie sich von H. „Robin war sauer, dass es nicht geklappt hat, und ich konnte nicht fassen, was ich getan hatte“, erklärte Tanja L. im Prozess.

Die Fassunglosigkeit hielt die 27-Jährige allerdings nicht davon ab, auch beim dritten Anschlag mitzuwirken. Auf Drängen von Robin H. erklärte sie sich bereit, über ihren Bruder Sven nach einem geeigneten Auftragmörder zu suchen. „Sven hatte jemanden und wollte 1000 Euro für die Vermittlung“, sagte Tanja L.

Den mutmaßlichen Auftragsmörder Steven Mc A. trafen Tanja L. und ihr Bruder Sven am Hauptbahnhof Dortmund und zeigten ihm ein Bild von Christin R. „Kein Problem, die bringe ich um, die sieht aus wie meine Ex“, soll der gesagt haben.

„Ja, ich habe sie totgemacht“, sagte Steven Mc A.

Am 20. Juni 2012 bat Tanja L. Christin R. erneut unter einem Vorwand um ein Treffen. Diesmal auf einem Parkplatz vor dem Freibad Lübars. Auch Robin H. war nach Aussage von Tanja L. dabei. Und in einem nahen Gebüsch wartete Steven Mc A. Diesmal müsse es klappen, habe Robin H. vorher gesagt und zudem darauf verwiesen, dass es wie ein Raubmord aussehen müsse, da ansonsten die Versicherung nicht zahle, sagte Tanja L. aus.

Der dritte Versuch gelang. In Gegenwart der Eltern und Brüder des Opfers schilderte Tanja L., wie Christin R. starb. „Steven hockte über ihr, mit seinen Händen an ihrem Hals“, so die Aussage der Angeklagten. „Ja, ich habe sie totgemacht“, diesen Satz von Mc A. habe sie nur noch halb benommen mitbekommen, ebenso wie die Worte von Robin H., es sei doch alles gar nicht schlimm gewesen.

Wenige Tage nach dem Mord wurde Tanja L. ebenso wie die anderen Verdächtigen festgenommen. Und sie legte ein Geständnis ab. Ihre Begründung dafür: „Ich wollte die Bilder aus dem Kopf bekommen.“

© Berliner Morgenpost 2018 – Alle Rechte vorbehalten.