Nominierungen

Allianz pro Schiene sucht „Eisenbahner mit Herz“

Das Image der Bahn ist nicht gerade rosig. Zu Unrecht, findet die Allianz pro Schiene - und sucht nach dem freundlichsten Mitarbeiter. Hinter den Nominierungen stecken dutzende kleiner Geschichten.

Foto: Amin Akhtar

Sie sind unfreundlich, stur und bürokratisch. Sie lassen kleine Kinder an einsamen Pampa-Bahnhöfen stehen, und wenn man sie braucht, sind sie nie da. So in etwa lautet – überspitzt formuliert – das Image der deutschen Eisenbahner. Fast jeder, der gelegentlich im Zug unterwegs ist, hat Horrorgeschichten von Verspätungen, überfüllten Zügen, überfordertem und pampigem Personal zu erzählen.

Lacher oder zustimmendes Kopfnicken sind garantiert. Wer in fidelen Runden hingegen erzählt, dass die allermeisten Züge pünktlich sind (was stimmt) oder die allermeisten Eisenbahner humorvoll und hilfsbereit (was teilweise stimmt, zumindest, wenn man den lokaltypischen Berliner Charme nicht als Patzigkeit missversteht), wird bestenfalls ein Gähnen ernten.

„Keiner ist perfekt“, sagt Mathias Goerlich. Er ist Zugchef im Fernverkehr der Deutschen Bahn (DB) und weiß um den schlechten Ruf, den er und seine Kollegen bei vielen genießen. Mit gerade einmal 40 Jahren feiert er bald sein 25-jähriges Dienstjubiläum. Gleich nach der Lehre, zu Wendezeiten bei der Deutschen Reichsbahn, ist er zum ersten Mal auf die langen Strecken gegangen. Inzwischen kennt er, Garmisch-Partenkirchen ausgenommen, jeden Fernbahnhof Deutschlands.

Nominierung von dankbaren Fahrgästen

Goerlich ist Eisenbahner aus Leidenschaft, schon sein Vater war Lokführer. Und Goerlich ist ein „Eisenbahner mit Herz“, so sieht es die Allianz pro Schiene. Zum dritten Mal hat der Interessenverband den gleichnamigen Wettbewerb ausgerufen. Am 15. April steht die Preisverleihung an. Der Berliner Zugchef ist einer von etwa 100 Mitarbeitern der DB und einiger Privatbahnen, die von dankbaren Fahrgästen für den Preis nominiert wurden.

Hinter den Nominierungen stecken Dutzende kleiner Geschichten: von Hilfe in Not, von Besonnenheit in Krisen, von Freundlichkeit im Chaos. Drei Berliner und zwei Brandenburger Eisenbahner sind dabei.

1.-Klasse-Steward Enrico Gottwald, der im dicksten Pfingstreiseverkehr massenhaft Currywürste serviert, Zugchef Frank-Michael Krauß, der einem Fahrgast zu seiner verlorenen Bahncard verhilft, Lokführer Sven Adamek, der Reisende, die nach einem technischen Schaden im deutsch-polnischen Grenzland gestrandet sind, informiert und bei Laune hält und Zugbegleiter Heiko Schmidt-Dworschak, der gestresste Pendler im Regionalexpress mit Ruhe und Freundlichkeit in den Feierabend begleitet.

Außerplanmäßiger Halt für den Hund im Auto

Mathias Goerlichs Geschichte spielt im Herbst vergangenen Jahres: In Hannover will Sylvia Hooss ihren Sohn zum Zug nach Berlin bringen. Der Vater wird ihn dort abholen. Doch der Kleine hat Angst. Also steigt die Mutter mit in den ICE, will ihn zum Platz bringen.

Bevor sie es merkt, schließen sich die Türen und der Zug rollt an. Nächster Halt: Berlin-Spandau. Sylvia Mooss gerät in Panik. Auf dem Parkplatz sitzt ihr Hund im Auto. Zugchef Goerlich reagiert sofort, ruft die Transportleitung an und hat Glück. Die Planer erlauben einen außerplanmäßigen Stopp am Kleinstadtbahnhof in Lehrte, der ICE-Hochgeschwindigkeitszüge nur vom Durchrauschen kennt. Mit dem Regionalzug ist Sylvia Hooss kurz darauf wieder in Hannover.

Goerlichs Arbeitgeber sieht solche Geschichten mit gemischten Gefühlen, wie ein Unternehmenssprecher zugibt. Schließlich gibt es Vorschriften und Fahrpläne. Andererseits weiß der ungeliebte Konzern durchaus, dass Fälle wie der von Sylvia Hooss mehr fürs Image tun als teure Werbekampagnen. Im Notfall komme es eben darauf an, sagt Goerlich, die Regeln „im Rahmen der Möglichkeiten zugunsten der Reisenden umzubiegen“.

„Prima, da kommen die Berliner“

„Nüscht Besonderes“ sei der Vorfall in Niedersachsen gewesen, berlinert Goerlich ein halbes Jahr nach seiner Hilfeleistung. Am Ostbahnhof wartet er auf seinen ICE. „Heute nur die kleine Runde“, sagt er. Berlin-Hannover, Hannover-Hamburg, Hamburg-Berlin. Neun Stunden wird er unterwegs sein. An Wochenenden können es bis zu 14 werden.

Nur ein paar Reisende steigen am Startbahnhof ein, erst am Hauptbahnhof wird es voller. Genug Zeit für Scherze oder einen Plausch. Goerlich geht durch die Sitzreihen – lächelnd. Das sei bei ihm schon immer so gewesen, sagt er. Schon am Anfang seiner Laufbahn, kurz nach der Wende, als er und einige andere damals blutjunge Kollegen ihren Dienst begannen.

„Wenn wir in Fulda oder Frankfurt einen Zug übernommen haben, dann haben die Stammkunden gesagt: ,Prima, da kommen die Berliner.’“ Locker und lustig, das sei eben sein Stil. „So macht auch das Arbeiten viel mehr Spaß.“

Manchmal muss auch die Bundespolizei anrücken

Natürlich scheint auch in der Bahnwelt von Mathias Goerlich nicht jeden Tag die Sonne. Insgesamt sei die Aggressivität größer als früher, der Respekt verschwunden, sagt er. Neulich sei ein Kollege von ihm sogar mit einer Waffe bedroht worden. Wenn Züge große Verspätungen einfahren, auf offener Strecke stehen bleiben oder restlos überfüllt sind, müsse er sich beim Gang durch den Zug immer wieder den Satz anhören: „Was, Sie trauen sich noch, hier durchzugehen.“

In Krisen- oder Notsituationen, wenn eine Horde betrunkener Fußballfans ohne Tickets seinen ICE stürmt, wenn genervte Fahrgäste ihn anschnauzen oder bedrohen, dann reicht lustig manchmal nicht. Dann muss – wenn auch selten – doch die Bundespolizei anrücken und eingreifen.

Meist reichen aber Menschenkenntnis und Besonnenheit und im Zweifel eine kreative Problemlösung. Wie damals in den 90er-Jahren, als die Berliner einen neuen Umgangston in die DB-Züge brachten, gelte dann: „Bloß kein Beamten-Bahnfahren“, so drückt es der Zugchef aus – oder im Bahnjargon ausgedrückt: „Streng nach Tarif ist dann Schwachsinn.“

Freigetränke in überfüllten Zügen serviert

Nach dieser Devise hat er schon in einem heillos verspäteten Zug den 1.-Klasse-Rundumservice kurzerhand auch auf die 2. Klasse ausgeweitet, hat in überfüllten Zügen Freigetränke serviert, den vergessenen Laptop eines Reisenden persönlich wieder in Berlin abgeliefert oder eben für einen ICE-Halt in Lehrte gesorgt.

Wie hat er reagiert, als er von der Nominierung erfahren hat? Sein Schichtleiter habe ihn zu sich beordert: „Ich habe da eine Eingabe.“ Was habe ich denn jetzt falsch gemacht, dachte Goerlich. Statt einer Standpauke gab es aber die Nachricht der Allianz pro Schiene. „Natürlich war ich da freudig überrascht, dass Reisende so etwas auch wertschätzen“, sagt er.

Doch selbst Goerlichs Verhältnis zu seinen Fahrgästen hat Grenzen. Im vergangenen Jahr hat ein Kollege den Preis „Eisenbahner mit Herz“ erhalten, der zwei verloren gegangene Teenager in seinem privaten Wohnzimmer übernachten ließ. „Das führt dann doch ein bisschen weit“, sagt Goerlich.