Qualitätscheck

Veraltetes Schienennetz bremst Regionalzüge aus

Wegen des miserablen Verkehrsnetzes kommt es zu vielen Verspätungen in Berlin und Brandenburg. Der Verkehrsverbund ist verärgert.

Foto: Kay Nietfeld / dpa

Bahnreisende in der Region verlieren täglich viel Zeit. Zu diesem Ergebnis kommt der Verkehrsverbund Berlin-Brandenburg (VBB) in seiner „Qualitätsanalyse Netzzustand 2012“, die am Montag vorgestellt wurde. Wegen Mängeln am Schienennetz konnten die Regionalzüge demnach vielerorts nur langsamer als geplant fahren.

Nach VBB-Berechnungen waren im vergangenen Jahr 9,4 Prozent des Regionalnetzes betroffen. Weil Brücken marode sind, Gleise verschlissen, Schranken defekt oder gar nicht vorhanden, hätte ein fiktiver Zug, der an einem Tag alle Strecken in der Region in beiden Richtungen abfahren würde, zwei Stunden und 40 Minuten Verspätung gehabt, knapp 13 Minuten weniger als im Vorjahr. Insgesamt habe sich der Zustand der Anlagen damit zwar etwas verbessert, sagte VBB-Chef Hans-Werner Franz. Trotzdem bestehe noch „erheblicher Handlungsbedarf“.

Verbesserungen gab es auf 20 Streckenabschnitten, etwa zwischen Wittstock (Dosse) und Wittenberge sowie zwischen Berlin-Wannsee und Michendorf. Zugleich verschlechterte sich die Situation aber auf sieben Abschnitten, darunter der Strecke von Eberswalde nach Frankfurt (Oder). Die insgesamt 515 Stellen, an denen Züge ihr Tempo reduzieren mussten, hatten eine Gesamtlänge von 433 Kilometern.

Vollsperrungen wie zuletzt im Grunewald und aktuell auf der Strecke Berlin-Rostock sind dabei nicht eingerechnet. Mehr als die Hälfte der sogenannten Langsamfahrstellen kommt aus Sicht des VBB durch Mängel an der Infrastruktur zustande. Drei Prozent seien auf Baustellen zurückzuführen.

Probleme mit der Technik

Auch bei der Berliner S-Bahn sieht Franz erhebliche Infrastruktur-Probleme. Bei einem großen Teil des Netzes gebe es Investitions-Rückstände, sagte der VBB-Chef. Ein S-Bahnsprecher wies die Kritik zurück.

Seit 1994 habe die Bahn 2,4 Milliarden Euro in die Grunderneuerung des S-Bahnnetzes investiert, weitere 1,4 Milliarden Euro seien in den kommenden Jahren geplant. Zudem sei 2012 ein Sonderprogramm aufgelegt worden, um Probleme mit Weichen und Signalanlagen in den Griff zu bekommen. Bis Ende 2013 sind dafür 7,6 Millionen Euro eingeplant.

Vor allem veraltete Anlagen machen der S-Bahn aber zu schaffen. Nach Unternehmensangaben sind etwa die Hälfte aller Brücken älter als 70 Jahre, 56 Prozent der Stellwerke sind seit mehr als 50 Jahren in Betrieb, gut ein Drittel der Gleise und Weichen wird seit mehr als 20 Jahren befahren. Trotz der anhaltenden Probleme bei der S-Bahn verteidigte VBB-Chef Franz aber die aktuelle Diskussion um eine Anhebung der Ticketpreise im kommenden Sommer.

Zeitverzug bei den Bauarbeiten zwischen Berlin und Rostock

Von den 40 Verkehrsunternehmen im Verbundgebiet böten 39 eine gute Qualität, sagte er und verwies auf die gestiegenen Energie- und Personalkosten. Endgültig beschlossen sei aber noch nichts, betonte Franz. Sollten sich die Verkehrsunternehmen mit ihren Tarifwünschen durchsetzen, könnten sich – wie berichtet – die Fahrpreise zum 1. Juli zum Teil deutlich erhöhen. Der Einzelfahrschein in Berlin würde sich etwa von 2,40 auf 2,60 Euro verteuern.

Im Regionalverkehr und bei der S-Bahn mahnte Franz eine „vorausschauende und nachhaltige Bewirtschaftung der Netze“ an. Wo die Wartung vernachlässigt oder Grunderneuerungen lange aufgeschoben würden, seien langwierige Bauarbeiten mit Vollsperrungen die Folge. „Wir werden solche Vollsperrungen in Zukunft nicht mehr so einfach akzeptieren“, kündigte Franz an.

Hintergrund ist auch der aktuelle Zeitverzug bei den Bauarbeiten zwischen Berlin und Rostock. Besonders ärgerlich ist für den VBB zudem, dass die Bahn theoretisch sogar von Vollsperrungen profitiert. Als Beispiel nannte Franz die im Dezember beendeten Bauarbeiten zwischen Berlin und Potsdam. Ein Jahr lang mussten Regionalzüge über Spandau umgeleitet werden, die Fahrstrecke verlängerte sich um insgesamt mehr als 250.000 Zugkilometer – und das hatte Folgen.

Etwa 4,75 Euro Trassengebühren pro Zugkilometer kassiert die Bahntochter DB Netz. 1,24 Millionen Euro zusätzlich hätte der VBB bezahlen müssen. Nur durch die Streichung von Zügen konnten diese Mehrkosten vermieden werden. Franz sprach von einem „Fehlanreiz“, wenn Vollsperrungen für die Bahn lukrativer als halbseitige Bauarbeiten seien. Er forderte den Bund auf, die Regelungen für die Trassengebühren zu ändern.

Geheimnis um Höhe der Investition

Allein 2013 zahlt der VBB etwa 447,1 Millionen Euro Netz- und Stationsgebühren – das ist mehr als die Hälfte des Geldes, das der Bund für den Nah- und Regionalverkehr in Berlin und Brandenburg bereitstellt. Wie viel DB Netz davon wieder in die Infrastruktur investiert, hält die Bahn geheim. Insgesamt fließen in diesem Jahr 541 Millionen Euro in den Erhalt und den Ausbau der Infrastruktur in der Region.

Da der Bund die großen Ausbauprojekte finanziert, dürfte der Eigenanteil des Konzerns deutlich darunter liegen. Bundesweit fließt jährlich ein dreistelliger Millionenbetrag von DB Netz zum Konzern. VBB-Chef Franz kritisierte die aus seiner Sicht falsche Prioritätensetzung von Bund und Bahn. Die Bahn finanziere lieber milliardenschwere Prestigeprojekte, als mit vergleichsweise kleinen Summen Verbesserungen für Fahrgäste zu erreichen.