Prenzlauer Berg

Pankower Seniorentreff „Herbstlaube“ kämpft ums Überleben

Weil der Bezirk das Geld gestrichen hat, haben die Rentner bereits Bilder und Klaviere verkauft. Das Geld reicht aber nur noch bis April. Für eine Besetzung wie in Niederschönhausen fehlt die Kraft.

Foto: Sven Lambert

Keine alten Leute mehr in Prenzlauer Berg? Das stimmt nicht. Zumindest nicht im Umfeld der Dunckerstraße. Ingrid Gafron ist 73 Jahre alt. Sie führt seit 2007 regelmäßig Besucher durch das kleine Museum im Haus Nummer 77. Zimmermeister Heinrich Brunzel hatte es um 1895 erbaut. Seit zehn Jahren ist eine Arbeiterwohnung im ersten Stockwerk eingerichtet, mit Kachelofen, Sitzbadewanne und Nachttopf, mit gusseisernem Herd und alten Töpfen.

Verein kann Miete nur noch bis April bezahlen

Zwei Hauseingänge weiter schiebt Margit Steiner ihren Rollator durch die Tür des Seniorentreffs „Herbstlaube“. Die 62-Jährige, die an der Lettestraße wohnt, ist nicht mehr gut zu Fuß, aber geistig fit. Seit 1990 gibt es den Treff. An einem Tisch in der „Herbstlaube“ sitzt Christa Seeger. Sie strickt. Die 69-Jährige gehört zum Vorstand des Vereins „Miteinander – Füreinander“, der den Seniorentreff und das kleine Museum betreut. Fast 68 Jahre alt ist Karin Ehrlich, Gründerin des Vereins. Nun kämpft sie für das Überleben der „Herbstlaube“ und des Museums. Beides ist in akuter Gefahr.

„Wir können nur noch die Miete für April bezahlen“, sagt sie. „Mehr Geld haben wir nicht.“ Es ist eine Notlage, die in Pankow viele soziokulturelle Projekte ereilt hat. Im Sommer 2012 sollte der Seniorentreff Stille Straße in Niederschönhausen schließen. Rentner besetzten das Haus und retteten dadurch ihren Klub. „Dafür fehlt uns die Kraft“, sagt Karin Ehrlich.

Finanzielle Unterstützung vom Bezirk Pankow gestrichen

Der Verein „Miteinander – Füreinander“ bekam bis April 2012 Mittel vom Bezirksamt. Dann seien sie gestrichen worden, wegen der schwierigen Haushaltslage, sagt Sozialstadträtin Lioba Zürn-Kasztantowicz (SPD). Das Jahr ohne öffentliche Förderung haben die Senioren von der Dunckerstraße überbrückt. Sie haben verkauft, was sie hatten: Bilder der kleinen Galerie, zwei behindertengerechte Fahrzeuge und zwei Klaviere.

„Jetzt sind die Reserven aufgebraucht“, sagt Karin Ehrlich. Nicht aufgebraucht sind ihr Elan und ihre Einsatzbereitschaft. „Ich fühle mich verantwortlich“, sagt sie. Das Durchschnittsalter der Senioren, die den Treff besuchen, liegt bei 84 Jahren. Sie kommen von Montag bis Freitag zum gemeinsamen Mittagessen, zu Gesprächen, Spielen und Gedächtnistraining. Rund 1400 Euro braucht der Verein im Monat, um weiterhin den Treff und das Museum betreiben zu können. Eine andere Freizeitstätte aufzusuchen, das kommt für die meisten Besucher der „Herbstlaube“ nicht in Frage. „Wir können nicht mehr weit laufen“, sagt Christa Seeger.

Kiezladen und Seniorentreff kämpfen gemeinsam ums Überleben

Viele Senioren sind ehrenamtlich im Museum tätig. Sie berichten als Zeitzeugen und führen Schulklassen, Kita-Gruppen, Touristen und Einzelbesucher durch die Räume. Eng vernetzt sind die Rentner mit dem „Kiezladen“ gegenüber, Dunckerstraße 14. Auch er existiert seit mehr als 20 Jahren. Er ist Sitz der Betroffenen-Vertretung des Sanierungsgebietes Helmholtzplatz, außerdem ein Treff, in dem Anwohner beraten werden, Kurse stattfinden und in dem sich Bedürftige etwas aus der Kleiderkammer holen.

Der Kiezladen sei wichtig für die Umgebung, für den Austausch und die Identifikation, sagt Mitbegründer Jens Oliva. Doch nur noch bis Jahresende finanziert das Bezirksamt die Miete. Nun kämpfen Kiezladen und Seniorentreff gemeinsam um ihr Überleben. Sie sammeln Unterschriften und laden am Sonnabend, 16. März, zu einem Straßenfest ein. „Um fünf vor 12“, sagt Karin Ehrlich. Politiker werden erwartet, darunter Pankows Kulturstadtrat Torsten Kühne (CDU).

Er hält das kleine Museum für etwas ganz Besonderes. Es gebe das Museum Pankow an der Heynstraße, das eine Fabrikantenwohnung zeigt, sagt der Dezernent. Die Arbeiterwohnung an der Dunckerstraße sei das Pendant dazu. „Aber Geld dafür habe ich in meinem Etat nicht.“