Suchtmittel

Droge Crystal Meth breitet sich in Berlins Partyszene aus

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Ulla Reinhard

Foto: Arno Burgi / dpa

Das Rauschgift ist gefährlicher als Heroin. Die Einnahme kann zu Gehirnschäden führen, im schlimmsten Fall endet sie tödlich. Die Behörden sind gegen die Verbreitung machtlos.

Der Stoff sieht so harmlos wie Schneekristall aus, wird aber von Ermittlern „das Teufelszeug“ genannt. Wer Crystal Meth einnimmt, kann schon beim ersten Mal süchtig werden. Extremer körperlicher Verfall und Psychosen sind die Folgen. Doch ungeachtet aller Warnungen konsumieren vor allem im Süden und Osten Deutschlands immer mehr Menschen die gefährliche Droge. Jetzt hat Crystal Meth nach Aussagen von Experten auch die Hauptstadt erreicht.

Unter jungen Berlinern ist Crystal Meth nach Amphetaminen und Ecstasy inzwischen die beliebteste Partydroge. Das ergibt eine Befragung der Fachstelle für Suchtprävention aus dem vergangenen Herbst. Auch bei der Polizei verzeichnet man eine Zunahme: Die Menge von sichergestelltem Crystal Meth stieg im vergangenen Jahr von zehn Gramm auf 1,3 Kilogramm an. Im Vergleich zu Heroin und Kokain ist das wenig, andererseits kann man mit entsprechenden Streckmitteln bereits aus 0,4 Gramm Crystal Meth 40 Konsumeinheiten gewinnen.

Die Polizei beobachtet die Situation mit Sorge. „Wir müssen sehr aufmerksam sein, schließlich ist Berlin eine Partyhochburg“, sagt Polizeidirektor Olaf Schremm vom Rauschgiftdezernat beim Landeskriminalamt. „Die Welle macht nicht an irgendeiner Grenze halt“, sagt Norbert Scheithauer vom Zollfahndungsamt. „Man kann beobachten, wie sie gerade nach Berlin schwappt.“

Die Droge wird geschnupft oder geraucht

Die Droge Crystal Meth, abgeleitet vom chemischen Namen N-Methylamphetamin, hat Heroin inzwischen in den Schatten gestellt und gilt zurzeit als gefährlichster Stoff. „Der erste Kick ist offenbar so beeindruckend, dass man ihm ein Leben lang hinterherrennt“, sagt Dezernatsleiter Schremm. Crystal Meth wird geschnupft oder geraucht.

Die vermeintlich positiven Wirkungen treten schon nach 30 Minuten ein: Die Konsumenten werden extrem euphorisch, leistungsfähig und enthemmt. Auch der Sexualtrieb wird gesteigert. Dass Crystal Meth den dritten Platz der Partydrogen eingenommen hat, verwundert nicht: Frei von Ermüdungserscheinungen, können die Konsumenten die Nächte durchfeiern. Genau darin sieht Kerstin Jüngling den verheerenden Anreiz der Droge: „Der Stoff passt zum Mainstream, wonach es um Leistung um jeden Preis geht“, sagt die Leiterin der Fachstelle für Suchtprävention.

Der erste Schritt zum Tod

Ist der Rausch zu Ende, beginnt der Fall. „Die Leute werden depressiv und suchen dann wieder den nächsten Kick“, sagt Schremm. Wer weiter regelmäßig zu der Droge greift, muss schon bald mit ernsthaften Folgen rechnen, die am Ende tödlich sein können. Nach drei Monaten fallen die Zähne aus. Hautentzündungen, Magenschmerzen, Herz-Rhythmus-Störungen, Organblutungen und Gehirnschäden gehören auch dazu. Auf psychischer Seite lassen sich Aggressionen, schwere Depressionen und paranoide Wahnvorstellungen feststellen. Schremm: „Wer in die Droge einsteigt, hat den ersten Schritt für sein Lebensende gesetzt.“

Auf Vorher-nachher-Fotos von Abhängigen sind die fatalen Folgen zu sehen. Menschen mit eingefallenen Gesichtern und dunklen Augenringen. „Sie sehen aus wie Zombies“, sagt Schremm. „Das sind todkranke Menschen.“

Verhältnismäßig einfache Produktion

Den Ursprung hat der Handel mit der gefährlichen Droge in Tschechien und dort auf den nahe der Grenze stattfindenden Asia-Märkten. Deshalb haben vor allem Bayern und Sachsen mit der Bekämpfung von Crystal Meth zu tun. Polizei und Zoll stellten im vergangenen Jahr in Tschechien 35 und in Deutschland 46 Kilo der Droge sicher. Das Bundeskriminalamt verzeichnete bereits 2011 bei den Erstkonsumenten und Sicherstellungen von Crystal Meth einen Anstieg von jeweils mehr als 160 Prozent. Auch nach den vorläufigen Zahlen für 2012 ist nach Angaben einer Sprecherin erneut mit deutlichen Steigerungsraten zu rechnen.

Die Behörden scheinen gegen die schnelle Verbreitung von Crystal Meth machtlos zu sein. Und die Produktion macht nicht an der Grenze halt. In Berlin hat die Polizei im vergangenen Jahr drei Männer festgenommen, die den Stoff in ihrer Küche hergestellt hatten. Die verhältnismäßig einfache Produktion macht Crystal Meth nach Angaben von Olaf Schremm noch gefährlicher. Der Grundstoff heißt Pseudoephedrin und kann aus Erkältungsmitteln extrahiert werden. Aus sechs Tabletten können bis zu vier Gramm Crystal Meth gewonnen werden. Im Straßenverkauf zählt die Droge eher zu den teureren: Ein Gramm kostet zwischen 70 und 80 Euro – Preise für Kokain und Heroin liegen bei weniger als der Hälfte.