K.O.-Tropfen-Prozess

Wie ein Taschendieb zum Serienmörder wurde

Dirk P. steht in Berlin vor Gericht, weil ihm vorgeworfen wird, drei Männer mit einer Überdosis Liquid Ecstasy getötet zu haben. Jetzt äußerte er sich zum ersten Mal ausführlich zu einer seiner Taten.

Foto: Emily Wabitsch / dpa

Dirk P. sitzt in einem Zug nach Mannheim. Gegenüber sitzt ein Mann, der plötzlich auf die Toilette muss. Als der draußen ist, durchsucht Dirk P. seine Taschen und findet zwei Kugelschreiber. Er steckt einen davon ein.

Der Mann muss in Mannheim aussteigen. Dirk P. sagt: „Es war ein euphorisches Gefühl, wie nach dem Sport, dieses Gefühl, etwas getan zu haben und nicht erwischt worden zu sein.“ Später habe er den Stift im Abteil liegen lassen.

Doch der Fall, der im Landgericht Moabit am Dienstag über Stunden verhandelt wird, hat zunächst nichts mit dem Vorfall vor rund zwei Jahren zu tun. Dirk P. ist angeklagt, drei Männer mit einer Überdosis Liquid Ecstasy getötet zu haben und es bei zwei weiteren versucht zu haben.

Eines der Beinahe-Opfer ist extra aus Karlsruhe angereist, um diesen dritten Prozesstag im Saal 701 des Berliner Landgerichts zu verfolgen. Aber es wird erst Nachmittag werden, bis sein Fall zumindest besprochen wird. Dirk P. erzählt an diesem Tag vor allem über den Tathergang des ersten Getöteten aus: Alexander M. (34), Zollinspektor-Anwärter, homosexuell.

„Nehmen , einstecken, rausgehen“

Dirk P. habe ihn am Abend des 26. April 2012 aufgesucht. Er wollte nur reden, sie kannten sich seit neun Jahren. Danach wollte er noch in einen Park und nach anonymen Sex suchen. Aber Alexander habe ihm angeboten, doch bei ihm zu bleiben. Dirk P., der seit Jahren einen festen Partner hat, der mit Alexander befreundet war, hatte Skrupel, aber blieb dann doch.

Als Alexander M. kurzzeitig den Raum verließ, goss Dirk P. ihm das Liquid Ecstasy in ein Wasserglas. Rund 10 Milliliter, eine tödliche Dosis. Alexander habe das Glas sofort leer getrunken und sei ins Bett gegangen.

Dirk P. sagt, er sei gegen 22.30 Uhr zu Fuß nach Hause gelaufen. „Die Lust war weg. Ich wollte frische Luft.“ Beim Hinausgehen nimmt er Alexanders Rucksack mit, das Iphone, das Portemonnaie und eine Jacke.

Droge bestellte er im Internet

Da ist die Verbindung zum fremden Mann im Zug. Denn diesem kleinen Kugelschreiber-Diebstahl folgten Ladendiebstähle, Zigaretten, Radiergummis, mal ein Taschenkalender in der Straßenbahn. „Nehmen, einstecken, rausgehen, sich freuen“, sagt der 38-Jährige vor Gericht.

Auch die Sachen von Alexander M. habe er später weggeworfen, die Jacke habe gepasst, sei irgendwann kaputtgegangen. Er habe sich dann gewundert, dass von Alexander M. kein wütender Anruf kam. „Dann hätte ich alles erzählen müssen“, sagt er, auch seinem Freund. „Ich wollte, dass von außen jemand Einfluss auf mich nimmt.“

Doch das passierte nicht. Und so kam es offenbar zu weiteren Taten mit Liquid Ecstasy. Einer Droge, die er im Internet bestellt hatte und von der er, so sagt er, zu wenig wusste – obwohl er als Krankenpfleger gearbeitet hatte. In ersten Vernehmungen hatte er ausgesagt, dass schon ein Milliliter für einen Rausch ausreiche. Später hatte er diese Zahl auf acht Milliliter korrigiert. Am Dienstag sagt er häufig: „Ich weiß es nicht genau.“

Es gab diesen einen Moment, am Morgen nach dem Besuch bei Alexander M. Die Eltern und Angehörigen von Opfern hören im Saal, als Dirk P. davon erzählt, wie er sich am 27. April vor den Ostbahnhof auf eine Bank gesetzt hat, um einmal nachzudenken. „Was mache ich da eigentlich?“, soll er sich gefragt haben. Er hat sich dann doch das Ticket gekauft und sei nach Hause gefahren. „Mir war richtig schlecht“, sagt er.

Der Prozess wird fortgesetzt.