Reformen

IHK kritisiert Alleingang des Senats bei Berufsschulen

Betriebe mahnen einen schlechten Zustand der Oberstufenzentren und einen eklatanten Lehrermangel an. Zusammenarbeit funktioniere oft nicht.

Foto: Sergej Glanze

Berlin plant ein neues Konzept für den Bereich der beruflichen Bildung. Bildungsstaatssekretär Mark Rackles (SPD) hatte alle Beteiligten am Montag dazu eingeladen, über die Zukunft der Oberstufenzentren (OSZ) zu sprechen. Die Diskussion sollte in den Räumen der Berliner Handwerkskammer stattfinden.

Die Berliner Industrie- und Handelskammer (IHK) übt indes scharfe Kritik an der vom Senat geplanten Reform der Berufsschulen. Die Senatsbildungsverwaltung treibe die Neuorganisation der Oberstufenzentren voran, ohne die Belange der Wirtschaft einzubeziehen, sagte der für Aus- und Weiterbildung zuständige IHK-Geschäftsführer Thilo Pahl der Berliner Morgenpost. Dabei sei die IHK der Initiator für eine Berufsschulreform in Berlin gewesen.

Mark Rackles betonte aber, dass es sich lediglich um einen Entwurf handele. Eine Arbeitsgemeinschaft, der Experten der Bildungsverwaltung und OSZ-Schulleiter angehören, habe sich mit dem Ausbau der OSZ zu Kompetenzzentren beschäftigt und Vorschläge gemacht, die jetzt von allen Beteiligten diskutiert werden müssten.

„Der Entwurf dient lediglich als Diskussionsgrundlage“, sagte Rackles. Ein fertiges Konzept werde es frühstens für das Schuljahr 2014/15 geben. Es werde um neue Bildungsgänge gehen, um mehr Autonomie für die Oberstufenzentren sowie um eine stärkere Einbindung der Wirtschaft bei der Ausbildung an den OSZ.

IHK wurde immer wieder vertröstet

Man habe mit Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD) verabredet, gemeinsam ein Konzept zu entwickeln, sagte der IHK-Geschäftsführer. Dazu sei es aber nicht gekommen.

In der vergangenen Woche habe dann Bildungs-Staatssekretär Mark Rackles die Wirtschaftsvertreter über die Grundzüge des Vorhabens informiert, das eine Arbeitsgruppe aus Schulleitern und Beamten entwickelt habe. „Wir konnten uns nicht angemessen beteiligen“, kritisierte Pahl.

Auf Nachfragen habe die Bildungsverwaltung die IHK immer wieder vertröstet und gebeten, sich nicht öffentlich zu der Reform zu äußern, heißt es bei der IHK. Deswegen habe die Kammer das Thema noch gar nicht mit den Berliner Unternehmen diskutieren können. Eine Reform der beruflichen Bildung könne jedoch nicht ohne den dualen Partner stattfinden, hieß es.

80.000 Schüler an Berliner Berufsschulen

Hinter dem Ärger, nicht einbezogen worden zu sein, stehen konkrete Differenzen darüber, wie die Oberstufenzentren künftig aufgestellt sein sollen. An diesen Schulen lernen 80.000 junge Menschen.

Aus Sicht der Wirtschaft sollen die Berufsschulen sich vor allem darauf konzentrieren, als Partner der Betriebe die duale Ausbildung sicherzustellen. Dazu sollten die Oberstufenzentren sehr viel eigenständiger agieren dürfen als bisher. Die Senatsbildungsverwaltung plant offenbar, hier auch stärker eigenständige, schulische Ausbildungsgänge anzubieten.

Unternehmen beklagen regelmäßig in den IHK-Umfragen die schlechte Qualität vieler Berliner Berufsschulen. Die Zusammenarbeit mit der Berufsschule sei katastrophal, heißt es. Als Beispiel für die Probleme nannte IHK-Geschäftsführer Pahl die Medienbranche, die Mediengestalter sowie weitere Berufe ausbildet.

Personalmangel und Überalterung der Lehrer spitzen sich zu

Die Unternehmen dürften oft keinen Einblick in die Lehrpläne der Berufsschulen nehmen. In der Folge sei das, was in den Betrieben passiere, sehr viel moderner als das, was die Schulen lehrten.

Zumal die Ausstattung vieler Berufsschulen veraltet sei. Sorgen macht den Kammern auch die Überalterung der Kollegien. Mit 50 Jahren sei ein Lehrer einer der jüngsten an einer Berufsschule.

Auch der Personalmangel spitzt sich zu: Von 2007 bis 2017 sinkt die Zahl der Berufsschullehrer von knapp 4000 auf nur noch 2500, wenn nicht gegengesteuert wird. Um den Bedarf von 3500 Lehrern zu decken, müssten die Schulen ebenfalls mehr Eigenverantwortung erhalten, so die IHK. Sonst sei das erfolgreiche duale Ausbildungssystem in Gefahr.

Vorbild ist Hamburger Modell für berufliche Bildung

Umstritten zwischen Senat und Kammer ist, welchen Einfluss die Wirtschaftsvertreter in einem zu gründenden Landesinstitut Berufliche Bildung Berlin sowie an den Berufsschulen haben sollen. Die IHK wünscht sich Gremien, in denen ihre Repräsentanten gleichberechtigt mitwirken und die dazu beitragen, dass die Schulen stärker den Anforderungen der Betriebe Rechnung tragen.

Vorbild soll das Hamburger Modell sein. In der Hansestadt gibt es ein Kompetenzzentrum für berufliche Bildung, das organisatorisch unabhängig von der Verwaltung agiert und die Berufsschulen steuert.