Schwaben-Lästerei

Wolfgang Thierse besteht Dialekt-Test in der ARD

Wer oder was ist eine „Gugg“? Der Bundestagsvizepräsident hatte sich bereit erklärt, im „ARD-Buffet“ bei dem Ratespiel mitzumachen.

Foto: Screenshot ARD

Selbstverständlich wird ein schwäbischer Begriff gesucht. Ob er eine „Schrippe oder Wecke“ gefrühstückt habe, fragt „ARD-Buffet“-Moderator Florian Weber seinen Gast beim Dialekträtsel der Sendung. „Stulle“, antwortet Wolfgang Thierse trocken. Ein gelungener Auftakt.

Bundestagsvizepräsident Wolfgang Thierse hatte sich am Donnerstagmorgen dazu bereit erklärt, in der ARD-Sendung bei dem Ratespiel mitzumachen.

Das Konzept des Dialekträtsels ist simpel: Normalerweise rufen Zuschauer in der Sendung an, um die hochdeutsche Bedeutung eines Wortes zu erraten, das durch einen landestypischen Dialekt nicht allseits bekannt ist. Wird zum Beispiel ein sächsischer Begriff gesucht, so stellt ein Sachse diesen vor und gibt einen Tipp.

Am Donnerstagmorgen stellt der Metzgermeister Karl-Heinz Mutschler aus dem baden-württembergischen Zainingen den Begriff vor – mit deutlich hörbarem Südwest-Dialekt. Der gesuchte Begriff umschreibe einen Gegenstand, den er als Metzger täglich und „massenhaft“ an der Fleischtheke benötige. Auf dem Schild, das Mutschler in die Kamera hält, steht in Handschrift „Gugg“ geschrieben. „Fascht jedo Gascht brauche a Gugg“, sagt der Metzger.

Den Schwaben verstanden

Sichtlich amüsiert fragt Moderator Florian Weber seinen Gast, ob er denn der Erklärung vom schwäbischen Karl-Heinz habe folgen können. „Das habe ich alles verstanden“, sagt Wolfgang Thierse. Weniger amüsiert. Immerhin stehen dem SPD-Mann vier Begriffe zur Auswahl, aus denen er den richtigen heraussuchen soll: Korb, Auto, Tüte oder Plastikfolie. Der Bundestagsvizepräsident entscheidet sich nach kurzem Überlegen für „Tüte“ – und liegt damit richtig. „Da habe ich aber Glück gehabt“, sagt Thierse.

Statt des üblichen Gewinns von 250 Euro gibt es für Wolfgang Thierse allerdings nur zwei Kaffeetassen. Und – wohl die wertvollere Vergütung – ein paar Minuten Sendezeit im öffentlich-rechtlichen Fernsehen, um sich zu erklären.

In einem Interview mit der Berliner Morgenpost hatte sich der 69-Jährige zum Jahresende genervt von der Dominanz der Schwaben in seinem Stadtteil Prenzlauer Berg gezeigt. Er müsse dort langsam unter „Artenschutz“ gestellt werden. Auch die Schwaben könnten sich beim Bäcker rund um den Kollwitzplatz an die ortsübliche Mundart halten. „In Berlin sagt man Schrippen – daran könnten sich selbst Schwaben gewöhnen“, erklärte Wolfgang Thierse im Interview. Ähnlich sei es, wenn der „Pflaumenkuchen“ neuerdings „Pflaumendatschi“ heiße.

In der ARD-Sendung am Donnerstagmorgen hingegen milderte der SPD-Politiker seine Äußerungen ab. Was er über die Schwaben gesagt habe, sei „nicht ganz ernst gemeint“ gewesen. Er habe lediglich das Berlinerische verteidigen wollen. „Mir ging es darum, dass das Berlinerisch in Berlin wieder eine Chance hat“, so Thierse.

Sein „Schwaben-Bashing“ löste eine Debatte über die Berliner Stadtteilkultur und die Assimilation Zugezogener aus. Thierse erntete dafür Kritik. Grünen-Chef Cem Özdemir meldete sich in der „Bild“-Zeitung zu Wort und verteidigte die Berliner Exilschwaben. Viele von denen kämen schließlich zum Arbeiten nach Berlin. „Die Berliner sollen uns Schwaben dankbar sein und nicht über uns lästern wie Herr Thierse“, sagte Cem Özdemir. Auch EU-Energiekommissar Günther Oettinger (CDU) verurteilte Thierse: „Ohne die Schwaben wäre die Lebensqualität in Berlin nur schwer möglich. Denn wir zahlen da ja jedes Jahr viel Geld über den Länderfinanzausgleich ein.“

Wolfgang Thierse reagierte und sagte bereits vor seinem ARD-Auftritt in einem Interview mit dem Südwest-Rundfunk: „Ich habe überhaupt kein Problem mit Schwaben.“ Er habe lediglich ein paar „heitere Beobachtungen mitgeteilt“.

Der Kurzauftritt am Donnerstag ist also in erster Linie als ein Friedensangebot zu verstehen, auch wenn eine eindeutige Entschuldigung ausblieb.

Zuspruch erhält der 69-jährige Thierse von der Vereinigung Schwäbisch-Alemannischer Narrenzünfte (VSAN). Sie wollen dem Bundestagsvizepräsidenten für seine „Verdienste im Schwaben-Bashing“ die Goldene Narrenschelle 2013 verleihen. Wie die nach eigenen Angaben älteste Narrenvereinigung Deutschlands am Mittwoch mitteilte, soll Thierse seine Ehrung „für Narreteien im Alltag“ am 23. Januar 2013 im Europa-Park Rust entgegennehmen.

Thierses Parteifreund aus Baden-Württemberg, der Minister für Bundesrat, Europa und Internationale Angelegenheiten, Peter Friedrich, wird die Laudatio halten.

Für Narrenschelle nominiert

Zur Begründung hieß es, Thierse habe bereits im Jahr 2000 den Narren den Einzug in den Bundestag zum Ausüben des Rügerechts verweigert. Im Sommer 2008 habe er zudem erklärt, dass der frühsommerliche Karneval der Kulturen, fernab jeglicher historisch-karnevalistischer Wurzeln, das schönste Fest in Berlin sei.

VSAN-Präsident Roland Wehrle zählte weiter auf: „Als er nun jedoch öffentlich eine mangelnde Integrationsbereitschaft von Exilschwaben in Berlin beklagte, zeigte bereits das enorme Medienecho, dass dies eine Narretei war, die ihn als Träger der Goldenen Narrenschelle 2013 geradezu prädestiniert und uns zur Verleihung gedrängt hat.“ Wolfgang Thierse wäre der achte Träger der Narrenschelle. In den vergangenen Jahren wurden unter anderem EU-Kommissar Günther Oettinger, Moderator Frank Elstner und Baden-Württembergs Landtagspräsident Guido Wolf (CDU) geehrt.

Wolfgang Thierse wurde in Breslau geboren. Er kam 1964 zum Studium nach Berlin. Ende August 2012 kündigte Thierse an, bei der kommenden Bundestagswahl nicht mehr zu kandidieren.