Prostituiertenmilieu

Prozess um Ex-Grünen Goetjes zeigt Berlins dunkle Seiten

Im Fall des Ex-Schatzmeisters der Brandenburger Grünen spielt auch die Prostituiertenszene eine Rolle. Ein Report von der Kurfürstenstraße.

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Die junge Frau kramt in ihrer knallroten Handtasche, fischt einen Lippenstift heraus und beugt sich nah heran an den Seitenspiegel des Mercedes-Sprinters, der an der Kurfürstenstraße parkt. Sie zieht routiniert die Farbe auf ihren Lippen nach und wendet sich dann wieder den vorbeifahrenden Autos zu.

Ihr Stammplatz, sagt die Mittzwanzigerin, die eine hautenge verwaschene Jeans und einen ebenso engen Minirock darüber trägt, ist der Zebrastreifen direkt vor der U-Bahn-Station Kurfürstenstraße. Eine gute Position, um Freier auf sich aufmerksam zu machen. Sie steht hier oft stundenlang. Bis die Beine schmerzen. Die Konkurrenz ist groß unter den etwa 220 zumeist aus Bulgarien und Rumänien stammenden Prostituierten, die hier ihrem Gewerbe nachgehen.

Die Region rund um die Kurfürstenstraße mit ihrem Rotlichtmilieu und dem florierenden Drogenhandel stuft die Berliner Polizei seit vielen Jahren als kriminalitätsbelasteten Ort ein. Die Gegend war und ist immer für Schlagzeilen gut. Aktuell steht die Szene wieder im Blickfeld wegen eines Prozesses am Landgericht Potsdam. Dort muss sich Christian Goetjes, lange Zeit Schatzmeister der Grünen in Brandenburg, verantworten, weil er die Kasse seines Landesverbandes um 274.000 Euro erleichtert haben soll.

Spannend wurde es in dem Verfahren Ende November, als eine ehemalige bulgarische Prostituierte gegen ihn aussagte. Goetjes, so die Vorwürfe der Frau, soll über einen Escortservice selbst Prostituierte an der Kurfürstenstraße an Freier vermittelt haben. Am heutigen Montag geht in Potsdam der Prozess weiter, möglicherweise erfolgt bereits das Urteil. Zu den Vorwürfen aus dem Rotlichtmilieu ermittelt inzwischen die Berliner Staatsanwaltschaft.

70 Prozent der Frauen sprechen nur bulgarisch

Zurück in die Kurfürstenstraße. Eine Kulisse, wie sie trister nicht sein kann. An der Ecke verkauft ein Gebrauchtwagenhändler große Autos angeblich zu Dumpingpreisen, ein paar Schritte entfernt, an der Kreuzung mit der Potsdamer Straße, liegt ein 24 Stunden geöffneter Sex-Shop. Er wirbt mit Billig-Angeboten. Auch die Preise, zu denen sich die Mädchen verkaufen, heißt es im Kiez, sind auf diesem Niveau. Viele Mädchen treibt die Sucht auf die Straße, sie brauchen Geld für Drogen und Alkohol.

Wie gehen die Anwohner, wie die Familien, die hier im Kiez leben mit dem Geschäft auf der Straße um? Wie steuern ansässige Initiativen gegen die Probleme und Schwierigkeiten, die die Szene aufwirft, gegen?

„Olga“ steht in großen Buchstaben auf der grünen Tür geschrieben, die sich im Gebäude direkt am Zebrastreifen Kurfürstenstraße befindet. Die Sozialarbeiterin Michaela Klose und ihr Team, das vom Notdienst Berlin e.V. getragen wird, bieten den Prostituierten einen Rückzugsort, Essen, medizinische Versorgung.

„Die Stimmung auf der Straße hat sich geändert. Problematisch ist die Kommunikation, weil rund 70 Prozent der Frauen nur Bulgarisch sprechen“, sagt die Leiterin des Frauentreffs mit seinen sechs ehrenamtlichen Mitarbeitern und drei Sozialarbeitern in Teilzeitstellen.

Männer werden nur noch als Freier wahrgenommen

Michaela Klose betritt den Ruheraum des Frauentreffs. In dem Raum steht ein frisch bezogenes Bett. An der Wand darüber hängt eine neun Quadratmeter große Leinwand. Ein paar Dutzend Frauen des Straßenstrichs haben mit Fingerfarben ihre Handflächen darauf gedrückt. „Das ist eine Erinnerung an unser Weihnachtsfest, bei dem rund 70 Frauen zusammen gefeiert haben“, sagt Klose. So viele Frauen kommen täglich zu Olga, die Sprechzeiten beginnen meist um 16 Uhr und gehen bis in die Abendstunden.

„Wir versorgen die Frauen mit dem Nötigsten“, sagt Klose. Für einen Euro bekommen sie eine warme Mahlzeit, kostenlos können die Frauen ihre Kleidung waschen und trocknen lassen. Auf der Riesenleinwand, die über dem Bett hängt, haben die Frauen ihre Wünsche für das nächste Jahr aufgeschrieben. „Zufriedenheit“, steht dort. „Glück fürs Kind“ oder schlicht: „Besseres neues Jahr“. Doch vom Strich loszukommen, das schaffen nur die wenigsten, sagt Michaela Klose.

Vor allem psychische Schäden richte das Leben auf dem Straßenstrich an. „Wir haben es mit sehr vielen Suchtkranken zu tun, die unter mehreren psychiatrischen Problemen gleichzeitig leiden“, sagt die 46-Jährige. Verunsicherung, Paranoia, tiefe seelische Zerrüttungen. „Der ganze Treff hier ist männerfreie Zone. Denn im Kopf von vielen der Mädchen sind Männer gleich automatisch potenzielle Freier.“

Draußen stehen die jungen Frauen meist zu zweit, unterhalten sich, stoßen Zigarettenrauch in die Kälte, lachen grell. Christiane F. schrieb ihre erschütternde Biografie, in der sie den Kinderstrich an der Kurfürstenstraße beschreibt, vor bald 35 Jahren. Viele Mädchen sehen auch heute noch minderjährig aus. Unweit von einem Einrichtungshaus trinkt ein Mann einen Schluck aus seiner Bierflasche – im hellblauen Kapuzenpullover, mit kurz rasierten Haaren. Er drängt ein junges Mädchen auf die Straße, das schüchtern auf den Asphalt blickt.

Keine Heroinspritzen mehr auf dem Kinderspielplatz

Um die Kinder vor dem Anblick solcher oder härterer Szenen zu schützen, hat die angrenzende Kindertagesstätte „Haus der Kinder“ einen Sichtschutz an dem hohen Zaun angebracht, der den Straßenstrich vom Spielplatz trennt. Erzieherin Monika Fuhrmann sitzt auf einem kleinen Stuhl im Gruppenraum der Vorschulkinder, die um sie herumtoben.

„Es gab Zeiten, so vor zwei Jahren, da mussten wir um unsere Existenz bangen, weil immer mehr Eltern die Umgebung hier gemieden haben“, sagt die Erzieherin. Eine Kollegin von Monika Fuhrmann sagt, dass sich die Situation draußen wieder zuspitze. „Die Frauen aus Osteuropa, die immer mehr werden, sprechen die Männer direkter an und werben sehr viel aggressiver als es früher der Fall war“, sagt die Erzieherin.

Zumindest habe es aber aufgehört, dass die drogenabhängigen Prostituierten ihre Heroinspritzen auf den Kinderspielplatz werfen. „Seit der Zaun höher ist, kommt das nicht mehr vor“, sagt Fuhrmann.

Verantwortlich dafür ist aber auch der Frauentreff Olga, in dem heroinsüchtige Frauen ihre Spritzen tauschen können. Alle Initiativen im Kiez ziehen an einem Strang, das betonen nicht nur die Sozialarbeiter im Frauentreff Olga. Gegenüber von der Kita „Haus der Kinder“ liegt der Familientreff des Kiezes.

Die Leiterin des Hauses, Jutta Husemann, kennt die Probleme und Schwierigkeiten, die Anwohner und Familien mit dem Straßenstrich vor ihrer Haustür haben. „Manche der Eltern vermeiden es, dass ihre Kinder alleine über die Kurfürstenstraße gehen“, sagt die Sozialarbeiterin, die den Treffpunkt seit einem Jahr leitet. Im Kreise der Anwohner seien einige sehr negativ gegenüber den Prostituierten eingestellt.

„Andrang auf dem Strich“

„Die Leute sind teilweise genervt, weil es immer wieder Auseinandersetzungen und Streitereien zwischen den Frauen auf dem Strich mit den Zuhältern oder auch den Freiern gibt“, sagt die 46-Jährige. Immer wieder sieht sie und berichten ihr Familien sowie Kollegen, dass die Stimmung auf der Straße zusehends aggressiver werde. „Das alles ist zu aufdringlich und ist uns einfach zu nah“, sagt Husemann. Auch im Winter herrsche ein enormer Andrang auf dem Strich. „Zum Glück ist das Klima im Kiez, auch wenn es immer mal wieder schwierige Situationen gibt, noch im Ganzen verhältnismäßig tolerant.“

Das dürfte nicht zuletzt der Verdienst von Pfarrer Andreas Fuhr sein. Seit 22 Jahren lebt und arbeitet er in der Gemeinde. Der 63-Jährige sitzt mit verschränkten Armen in seinem Büro. Im Eingangsbereich seines Gemeindehauses bereiten ehrenamtliche Mitarbeiter die sogenannte Apostelstube vor: Jeden Donnerstag bekommen hier die Bedürftigen ein kleines Drei-Gänge-Menü.

Das ist nur eines von vielen Projekten, die Pfarrer Fuhr im Laufe seiner Dienstzeit hier angestoßen hat. Man brauche aber mehr Sprachmittler, denn der Kern vieler Konflikte liege in Missverständnissen. „Vor allem zwischen den einzelnen Gruppen auf der Straße gibt es viel Streit. Der gefährdet aber keinesfalls Passanten“, so der Pfarrer.

Auf Unverständnis stoße das Gewerbe auf der Straße gerade bei den Muslimen im Kiez. „Wir haben ja direkt um die Ecke auch eine Moschee. Eine besondere Herausforderung ist die Situation natürlich für die türkischen und muslimischen Familien, die hier leben.“ Seine Gemeinde habe gelernt mit der Prostitution zu leben. „Die Arbeit hier ist ein ständiges balancieren zwischen den Belangen der Anwohner und denen der Frauen, die auf der Straße stehen“, so Fuhr.

Draußen auf der Straße wird es dunkel. Im Dämmerlicht wartet noch immer die junge Frau, die ihren Lippenstift am Spiegel des Mercedes-Sprinters nachgezogen hat. Sie wird vermutlich noch lange warten und werben. Die Scheinwerfer der Autos setzen sie für Augenblicke in grelles Licht. Dann steht sie wieder im Dunkeln.