Brandenburg

Ex-Grüner Christian Goetjes soll ein Zuhälter sein

Es gibt einen neuen Verdacht. Deswegen will Richter Tiemann bulgarische Prostituierte hören. 274.000 Euro aus der Parteikasse entwendet.

Foto: Klaus-Dietmar Gabbert / dapd

Paukenschlag im Prozess um den früheren Schatzmeister der Brandenburger Bündnisgrünen: Christian Goetjes soll in Berlin einen Escort-Service mit bulgarischen Prostituierten betreiben. Diesen Verdacht teilte der Vorsitzende Richter Jörg Tiemann kurz nach Beginn des zweiten Verhandlungstages im Untreue-Prozess mit. Die Staatsanwaltschaft wirft dem 34-jährigen Goetjes bereits vor, zwischen Januar 2010 und Februar 2011 als Schatzmeister knapp 274.000 Euro aus der Parteikasse der Grünen abgezweigt zu haben. Goetjes hat die Vorwürfe weitgehend eingestanden. Er habe das Geld genommen – aber nicht für sich, sondern um zwei Prostituierten aus Berlin zu helfen. So wie er es zum Prozessauftakt vorige Woche schilderte, war er dabei selbst Opfer eines Betrugs geworden – abgezockt im Rotlicht-Milieu, weil er zu gutmütig war. Nun aber geraten Goetjes Aussagen in Zweifel: „Es gibt Anhaltspunkte“, sagte der Richter am Donnerstag, „dass der Angeklagte Huren für Haus- und Hotelbesuche vermittelt.“

Hinweise vom LKA Berlin

Die Staatsanwaltschaft hatte entsprechende Hinweise vom Landeskriminalamt (LKA) Berlin erhalten. Die Potsdamer Behörde war nach Aussage ihres Sprechers Helmut Lange selbst davon überrascht worden. Am Mittwoch übergab die Staatsanwaltschaft die Akten dem Gericht. „Ich konnte sie erst in der Nacht lesen“, sagte der Vorsitzende Richter. „Deshalb konnten wir die für heute geladenen Zeugen nicht mehr verständigen.“ Die beiden Grünen-Vorsitzenden Annalena Baerwald und Benjamin Raschke waren bereits auf dem Weg zum Gericht. Sie sollen nächstes Mal gehört werden.

Das war eigentlich nicht vorgesehen. Da Goetjes den wiederholten Griff in die Parteikasse gestanden hatte, war für den zweiten Prozesstag mit einem Urteil gerechnet worden. Nun wird der Prozess am 26. und 27. November fortgesetzt.

Das Gericht wird für den Montag eine bulgarische Prostituierte laden. Sie soll sich laut einem Fahnder des Berliner LKA an die Abteilung Organisierte Kriminalität gewandt haben. Demnach gibt es Anhaltspunkte dafür, dass Ex-Schatzmeister Goetjes als Zuhälter seit Monaten bulgarische Prostituierte über zwei Internetadressen vermittele. Termine soll er über ein Handy ausgemacht haben, das auf den Namen seiner Mutter angemeldet ist. Zudem soll er die Frauen selbst zu den Freiern gefahren, die Höhe des Dirnenlohns festgelegt und sich die Hälfte auszahlen lassen haben. Das berichtete der Vorsitzende Richter aus den Unterlagen. Sogar nach Beginn des Prozesses soll Goetjes noch als Zuhälter tätig gewesen sein.

Taschengeld von den Eltern

Am ersten Prozesstag hatte der frühere Schatzmeister hingegen erklärt, er beziehe derzeit nur Arbeitslosengeld 2. Auch vorher lebte Christian Goetjes nach eigenen Angaben nur von wenig Geld. Das Abitur hatte er selbst im dritten Anlauf nicht geschafft, ebenso wenig konnte er sein Studium an einer privaten Wirtschaftshochschule abschließen. Mit über 30 Jahren verfügte er im Monat über 300 Euro Taschengeld von den Eltern und eine Aufwandspauschale von 350 Euro für seine Ämter bei den Bündnisgrünen. Von den Summen, die er von den Parteikonten genommen hatte, sei nichts mehr übrig.

Goetjes hatte auf dem Straßenstrich eine Prostituierte kennengelernt, der er später den Heroin-Entzug für 20.000 Euro bezahlt haben will. Als die Beziehung endete, ließ er sich erneut mit einer Prostituierten ein. Auch ihr gab er Geld – um ihr zu helfen, wie er sagte. Denn die Frau hatte Schulden in Bulgarien und wurde von den Gläubigern bedroht und geschlagen. 200.000 Euro will er ihr nach und nach zugesteckt haben. Alles aus der Parteikasse des kleinen Landesverbandes der Bündnisgrünen. Aus Sympathie und Hilfsbereitschaft. Doch nun, so der Richter, gebe es Hinweise, dass der Angeklagte doch nicht nur aus rein menschlichen Gründen an der Frau interessiert war. „Sie haben immer wieder ihre Nähe gesucht, bedrängten sie, stellten ihr sogar nach.“ Zumindest gehe dies aus den neuen Akten hervor.

Geständnis abgelegt

Während der Richter die neuen Vorwürfe vortrug, verzog Christian Goetjes keine Miene. Auch sein Verteidiger äußerte sich nicht. Die Anschuldigungen könnten in ein weiteres Verfahren gegen ihn münden – in Berlin. Goetjes Haftbefehl war nach seiner Festnahme im März 2011 gegen Auflagen außer Vollzug gesetzt worden. Nun bleibt er zwar auf freiem Fuß, darf aber keinerlei Kontakt zu der neuen Zeugin aufnehmen. Die Staatsanwaltschaft sieht vorerst keinen Anlass, gegen die Entscheidung vorzugehen. Goetjes stelle sich dem Prozess und habe ein Geständnis abgelegt.

Allein zwischen Januar und Dezember 2009 transferierte Christian Goetjes vom Konto des Landesverbandes der Grünen in 36 Einzelüberweisungen 55.110,14 Euro auf sein Privatgirokonto. Er manipulierte Sammelüberweisungsbelege. Den Grünen fiel der Schaden angeblich erst im Februar 2011 auf, nachdem der Kassier nicht zur Sitzung kam und die Eltern den Sohn als vermisst gemeldet hatten. Goetjes war damals nach Bulgarien gefahren, angeblich um seiner Geliebten Geld für Gläubiger zu geben.

Haftstrafe droht

Die Verteidigung hatte auf eine Verurteilung auf Bewährung gehofft. Bestätigen sich jedoch die neuen Erkenntnisse, ist der Fall in einem anderen Licht zu bewerten. Wegen besonders schwerer Untreue droht Christian Goetjes eine Haftstrafe von sechs Monaten bis zehn Jahren. 267 Untreue-Fälle listete Staatsanwalt Günter Handke mit der Anklage auf.

Goetjes hat sich mit den Grünen auf 65.000 Euro Schadenersatz geeinigt. Davon hat er bisher 35.000 Euro überwiesen. Monatlich will er 1000 Euro abstottern. Das Geld sei ein Darlehen der Eltern.

Die Brandenburger Grünen wollten die neuesten Enthüllungen zunächst nicht kommentieren. Die Berliner Grünen reagierten fassungslos. „Diese Geschichte ist unglaublich“, sagte der Berliner Grünen-Abgeordnete Jochen Esser.