Unterrichtsausfall

1313 kranke Lehrer gefährden den Unterricht in Berlin

Zurzeit ist eine alamierend hohe Zahl von Lehrern dauerkrank. Eine Bezirksberechnung liegt erstmals vor. Experten fordern Stundenermäßigung.

Foto: Franziska Kraufmann / dpa

Dauerkranke Lehrer sind in Berlin ein schon seit Langem aktuelles Thema. Derzeit gelten 1313 Pädagogen als langzeiterkrankt, weil sie mehr als drei Monate hintereinander nicht im Dienst gewesen sind. Das geht aus der Antwort auf eine kleine Anfrage des Bildungsexperten Özcan Mutlu (Grüne) hervor. Spitzenreiter ist der Bezirk Tempelhof-Schöneberg mit 143 dauerkrank gemeldeten Lehrern, gefolgt von Reinickendorf (140 Dauerkranke), Mitte (135 Dauerkranke) und Neukölln (131 Dauerkranke). Laut Bildungsverwaltung kosten die langzeiterkrankten Lehrer Berlin jährlich etwa 65 Millionen Euro.

An den Grundschulen sind am meisten Lehrer dauerkrank (540). Aber auch an den Integrierten Sekundarschulen gibt es viele langzeiterkrankte Pädagogen (370). Gering ist deren Zahl nur an den Volkshochschulen (4).

Özcan Mutlu kritisiert den Senat. „Den Verantwortlichen gelingt es nicht, die Gesundheitsprävention nachhaltig zu verbessern“, sagt er. Stattdessen würden den Lehrern immer neue Reformen aufgebürdet, ohne für zusätzliche Ressourcen an den Schulen zu sorgen. „Es muss Entlastungsmöglichkeiten für ältere Pädagogen und Berufseinsteiger geben“, fordert der Bildungspolitiker.

GEW will Altersermäßigung

Reinickendorfs Bildungsstadträtin Katrin Schultze-Berndt (CDU) macht „massiv gestiegene Anforderungen“ für die hohe Zahl dauerkranker Lehrer verantwortlich. „Wir registrieren, dass nicht nur ältere Kollegen, sondern auch immer mehr jüngere Pädagogen ernsthaft krank werden“, sagt sie. Die Lehrer seien über den Unterricht hinaus stark gefordert. Sie müssten nicht nur Wissen vermitteln, sondern mehr und mehr erzieherische Aufgaben übernehmen. Trotz steigender Arbeitszeit gebe es aber weder eine Altersermäßigung noch Unterstützung durch ausreichend Erzieher.

Laut Schultze-Berndt ist besonders die Situation an vielen Sekundarschulen schwierig. „Die Schülerschaft ist sehr heterogen. Für die Lehrer bedeutet das einen wesentlich größeren konzeptionellen Aufwand und deutlich mehr Arbeit.“

Auch Dieter Haase vom Gesamtpersonalrat der Lehrer fordert die Bildungsverwaltung auf, endlich mehr für die Gesundheitsvorsorge von Lehrern zu tun. „Pädagogen, die älter sind als 55 Jahre, sollten mindestens zwei Stunden weniger arbeiten müssen“, sagt er. Nur so könnte gewährleistet werden, dass möglichst viele Lehrer bis zur Pensionierung im Beruf bleiben. „Angesichts fehlender Pädagogen, vor allem in den Mangelfächern, ist das dringend nötig.“ Haase fordert darüber hinaus von der Bildungsverwaltung genaue Angaben darüber, wie viele langzeiterkrankte Lehrer es an jeder einzelnen Schule sowie in jeder Altersgruppe gibt. Nur mit diesen Angaben könne man genaue Ursachenforschung betreiben.

Protest gegen Abschaffung der Arbeitszeitkonten

Beate Stoffers, Sprecherin von Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD), sagt, Gesundheitsmanagement sei ein großes Thema. Im Rahmen eines Pilotvorhabens sei deshalb ein Fragebogen zum Thema „Arbeit und Gesundheit“ entwickelt und an 20 Schulen im Bezirk Mitte erprobt worden. „Ergebnisse werden Mitte Dezember vorliegen.“ Ziel sei es, künftig alle Lehrer zum Thema Gesundheit und Arbeitsbelastung zu befragen.

Für Protest an den Schulen sorgt das Vorhaben der Koalition, die Arbeitszeitkonten abzuschaffen. Seit 2003 arbeiten alle Lehrer im Schnitt eine Stunde länger, dafür können sie freie Tage ansparen, die sie vor der Rente abbummeln können. Diese Reglung soll nun abgeschafft werden, die längere Arbeitszeit aber bestehen bleiben. Die Lehrergewerkschaft GEW lehnt dieses Vorgehen ab und fordert, dass jüngere Lehrer weiter Stunden ansparen dürfen, die sie sich später auszahlen lassen oder frei nehmen können. Lehrer ab 55 Jahre sollen hingegen eine Stunde weniger unterrichten müssen. Eine entsprechende Online-Petition haben bisher mehr als 1000 Lehrkräfte und viele Eltern unterzeichnet. Bildungssenatorin Scheeres hat bereits eingelenkt. „Ich sehe auch, dass wir eine Entlastung brauchen, wenn wir die Arbeitszeitkonten abschaffen“, sagt sie. Sie stimme sich dazu gerade mit der Finanzverwaltung und der Innenverwaltung ab.

An vielen Schulen ist die Situation dramatisch. Aufgrund fehlender Lehrkräfte fällt viel Unterricht aus. So beispielsweise an der Giesensdorfer Grundschule in Lichterfelde. Elternvertreterin Carmen Junkherr sagt, dass nach den Herbstferien in einer sechsten Klasse zwei Wochen lang weder Deutsch noch Englisch unterricht worden sei, weil viele Lehrer krank waren.