Protest

Eine Nacht mit den Flüchtlingen am Brandenburger Tor

Seit Tagen harren Flüchtlinge vor dem Brandenburger Tor aus. Morgenpost Online hat viele Stunden dort mit ihnen verbracht. Ein Bericht.

Foto: JOERG KRAUTHOEFER

Knapp eine Woche nach Beginn der Mahnwache mit Hungerstreik auf dem Pariser Platz verschärft sich die Situation der Flüchtlinge. Rund ein Dutzend von ihnen protestierte auch am Dienstag weiter gegen die Asylpolitik Deutschlands, trotz Kälte und Regens.

„Die gesundheitliche Situation vieler am Brandenburger Tor demonstrierender Flüchtlinge ist kritisch“, sagte der Bezirksstadtrat für Soziales und Bürgerdienste in Mitte, Stephan von Dassel (Grüne). Er warb für das Angebot an die Flüchtlinge, die Nacht im Gästehaus der Stadtmission zu verbringen. Im Anschluss daran sei eine Fortsetzung der genehmigten Kundgebung möglich, betonte Dassel.

Auch Gesundheitssenator Mario Czaja (CDU) bekräftigte das Angebot kostenloser Übernachtungsplätze. Bereits am Montag hatte er den Demonstranten die Möglichkeit gegeben, sich zu erholen. „Wir haben den Protestierenden das Angebot gemacht, dass sie ihre Gesundheit nicht gefährden müssen“, sagte eine Sprecherin von Czaja am Dienstagmorgen. Die Demonstranten hätten sich für das Angebot bedankt, es aber abgelehnt.

Am vergangenen Mittwoch hatten etwa 20 Flüchtlinge vor dem Brandenburger Tor ein Zelt aufgebaut und waren in den Hungerstreik getreten. Die Polizei baute das Zelt ab, genehmigte die Versammlung jedoch unter strengen Auflagen.

Der Piratenpolitiker Oliver Höfinghoff berichtete, Polizisten hätten Aktivisten mit Styroporplatten den Zugang zu den Hungerstreikenden verwehrt. Die Polizisten hätten die Habseligkeiten der Flüchtlinge durchsucht, Rettungsdecken beschlagnahmt und Regenschirme zertreten. „Das war die reinste Fledderei“, sagte Höfinghoff. Eine Menschenkette aus Aktivisten habe sich dann vor die Flüchtlinge und ihr Eigentum gestellt und so ein weiteres Eingreifen der Polizei verhindert. Diese verweist auf das Versammlungsrecht. Nach Ansicht Höfinghoffs ist eine langfristige Mahnwache unter diesen Auflagen der Polizei nicht möglich.

Unterstützer der Flüchtlinge haben unterdessen Anzeige gegen Innensenator Frank Henkel (CDU) wegen des Auftretens der Polizei gestellt. Die Flüchtlinge harren weiter in der Kälte aus. Morgenpost-Reporterin Katja Heise hat eine Nacht bei den Flüchtlingen am Brandenburger Tor verbracht.

Ein ehrgeiziges Vorhaben

Mein Auftrag ist klar: Ich werde dabei sein und möchte selbst erleben, wie es ist, wenn man friert und Hunger hat, die Nacht in der Kälte unter freiem Himmel verbringt. Natürlich kann ich nicht tatsächlich nachfühlen, was die Flüchtlinge hier körperlich aushalten. Aber ich will es zumindest für eine Nacht einmal versuchen. Seit Montag, 13 Uhr, habe ich nichts mehr gegessen. Ich möchte das Hungergefühl bekommen, wenigstens für diese Nacht. Ich habe mich gerüstet: Mein Abend beginnt mit dem Anziehen der richtigen Kleidung, ich ziehe mich richtig warm an. Die Pumps tausche ich gegen flache Boots. Anstatt meines Rocks, ziehe ich eine weite Jeans an, darunter trage ich zwei Paar dicke Strumpfhosen und Kniestrümpfe noch darüber. Auch den Oberkörper habe ich mit dieser Zwiebeltechnik gut eingepackt: Unterhemd, langarmiges Unterhemd, zwei Pullover, zwei Schals. Darüber kommt mein wärmster Wintermantel, Skihandschuhe. Zur Abendessenszeit bekomme ich das erste Mal Hunger. Ich ignoriere das – und fahre zum Pariser Platz, zu den Flüchtlingen. Es ist 20.30 Uhr, dunkel und nasskalt. 13 Demonstranten liegen dicht an dicht auf dem Boden, eingepackt in dicke Jacken. Sie sind erschöpft von ihrem Hungerstreik, sprechen kaum, versuchen, ein wenig zu schlafen. Eigentlich ist es ihnen verboten, auf dem Boden zu liegen, zu schlafen ebenfalls. Decken und Isomatten sind nicht erlaubt, Zelte schon gar nicht. All das nämlich mache aus der angemeldeten Versammlung der Flüchtlinge ein Camp. Und das Campieren auf dem Pariser Platz ist nicht erlaubt. Gero Preuhs aus Mitte hat miterlebt, wie die Polizei das in den vergangenen Tagen durchgesetzt hat, erzählt er. Er verfolgt das Geschehen, kommt auch in den Nächten hier her. Er ist Sympathisant der Flüchtlinge, die hier demonstrieren. Wie die anderen rund 30 Menschen, die sich schützend um die am Boden liegenden Flüchtlinge stellen.

Jede Nacht, erzählt Preuhs, seien Polizisten gekommen, hätten mit Taschenlampen in die Gesichter geleuchtet, die Männer geweckt, ihnen sogar Jacken weggenommen. Schikane sei das. Heute lassen die Polizisten sie gewähren. Aber die Stimmung ist gespannt. „Jede Minute können sie kommen und uns hier vertreiben“, sagt Gero. Wir setzen uns nicht zu den Flüchtlingen auf den Boden. Ich habe auch keine wärmende Unterlage oder Decke mitgebracht, das ist schließlich verboten. Der harte Steinboden wäre aber auch viel zu kalt, um sich hier hinzusetzen, viel zu schnell würde ich auskühlen. Nur hinknien ginge, obwohl dann schnell die Füße einschlafen. Ich bleibe also stehen, verschaffe mir einen Überblick.

In einem Halbkreis um die Flüchtlinge liegen aufgespannte Regenschirme auf dem Boden. Darauf stehen Sätze geschrieben wie: „Kein Mensch ist illegal“. Durch diese Beschriftung werden die Regenschirme zu Plakaten mit politischen Meinungsäußerungen, weshalb die Polizisten sie nicht entfernen dürfen, erklärt Gero. Außerdem haben die Demonstranten Löcher in Decken geschnitten und diese über den Kopf gezogen. So wird aus einem Campingutensil ein Poncho. Die Umstehenden lachen über diesen simplen Trick, das Campier-Verbot zu umgehen. Sie scheinen sich alle zu kennen. „Die allermeisten von uns sind von der Piratenpartei“, verrät mir einer. Das soll aber eigentlich keiner wissen, weil es keinen Parteibeschluss zum Thema gebe. „Wir sind hier als Menschen, nicht als Piraten“, höre ich dazu von mehreren Leuten. Es seien so viele von ihnen hier, weil die Diskussion über die Asylanten vor allem über Twitter laufe – und die Berliner Piraten da eben sehr aktiv seien. Ich höre mir das alles an, werde freundlich aufgenommen. Keiner fragt, wer ich eigentlich bin – obwohl ich so viele Fragen stelle. Ein Sympathisant bietet mir heißen Tee an. Doch ich lehne ab. Noch ist mir warm genug. Das wird nicht mehr lange so bleiben.

Es ist 22 Uhr, ich friere. Plötzlich fahren zwei Polizeibusse heran, viele Polizisten darin. Unruhe kommt auf. Was passiert jetzt? Gero rät mir, die anderen Beamten zu beobachten. Würden sie unruhig, könnten sie vielleicht versuchen, das Camp zu räumen. Bleiben sie ruhig, sei es wohl nur die Wachablöse. Und wirklich: Es ist nur der Schichtwechsel.

Die anderen Unterstützer stehen weiter im Kreis um die Flüchtlinge herum und warten. Um sich die Zeit irgendwie zu vertreiben, erzählt einer Rätsel, die anderen versuchen die Lösung zu erraten. Ein anderer spielt auf der Gitarre Beethovens Ode an die Freude. Dann sagt einer: „Wie heißt ihr eigentlich alle?“ „Jan“, „Peter“, „Stephanie“. Letztere spricht weiter: „Eigentlich wollte ich nie Stephanie heißen, sondern Maximiliana.“ Die anderen nicken. So vertreibt man sich hier die Zeit. Die Flüchtlinge, um die es hier eigentlich geht, bekommen davon nichts mit. Sie liegen, wälzen sich, ziehen ihre Kleidung zurecht, um sich besser gegen die Kälte zu schützen. Immerhin: Sie haben sich Overall-artige Schutzkleidung gebastelt gegen die Kälte. Aber ihre Körper sind ausgezehrt. Sie haben, heißt es, seit sechs Tagen keine feste Nahrung zu sich genommen. Sie trinken Tee mit Honig darin, um wenigstens ein bisschen warm zu bleiben. Die Umstehenden schauen zu. Nicht nur linke Aktivisten, sondern auch Studenten und ganz normale Berliner, zwischen Anfang 20 und Mitte 30. Einige von ihnen diskutieren jetzt die Frage, ob es eine Wissenschaft ohne Ideologie gibt. Dann kritisieren sie den Kapitalismus und die USA. Ich halte das für linke Floskeln, die hier keinem helfen, auch nicht mir gegen die Kälte.

Die Zwiebeltechnik versagt

Ich laufe ein paar Schritte auf und ab, zum Aufwärmen. Lust zu reden habe ich keine mehr, es wird immer kälter, die Luft wird feuchter. Im Wetterbericht hieß es, die Regenwahrscheinlichkeit liege bei 70 Prozent, Schneeregen werde folgen. Tatsächlich schieben sich Wolken vor den Vollmond. Es ist inzwischen ein Uhr nachts. Die Zeit scheint jetzt gar nicht mehr zu vergehen, die Kälte kriecht unter meine Kleidung. Die Zwiebeltechnik versagt.

Einer der Flüchtlinge am Boden öffnet die Augen. Ich spreche ihn an. Hamit heiße er, sagt er, sei 21, aus dem Iran. Er habe flüchten müssen als politisch Verfolgter.

Nach Deutschland sei er gekommen, weil er gehört habe, dass hier die Menschenrechte geachtet werden. Wie kommt er so lang ohne Nahrung aus? Er zuckt mit den Schultern, will sich lieber wieder hinlegen. Ich lasse ihn in Ruhe. Jetzt bin ich auch müde. Mein Magen knurrt. Um den nackten Boden nicht zu spüren, setze ich mich auf meine Notizen, ziehe die Knie eng an mich und wickle mir den Schal um den Kopf. Gero kommt wieder zu mir und gibt mir einen dampfenden Tee im Plastikbecher. Den trinke ich dankbar.

Ich schaue auf die Uhr: Es ist 2.30 Uhr. Ich schaue noch einmal zu den Flüchtlingen. Alles ruhig, es nieselt. Und dann kann ich einfach nicht mehr und tue etwas, wofür ich mich ein bisschen schäme. Ich hoffe, dass mich keiner beobachtet. Ich gehe die fünfzig Meter vom Camp bis zum hell erleuchteten Hotel Adlon und steige in ein warmes Taxi. Die Erlösung. Endlich.