Darmkeime

Charité-Chef sieht keine Fehler bei Hygiene auf Babystation

| Lesedauer: 6 Minuten
Joachim Fahrun

In der Charité sei kein Kind an Serratien-Infektionen zu Schaden gekommen, sagt Karl Max Einhäupl und weist auch andere Vorwürfe zurück.

Die Diskussion über den Umgang mit den im Virchow-Klinikum und im Deutschen Herzzentrum (DHZ) festgestellten Serratien-Keimen zieht immer weitere Kreise.

Nach den Vorwürfen des Gesundheitsamtes Mitte und des Gesundheitssenators Mario Czaja (CDU) gegen die Charité und das Deutsche Herzzentrum hat sich jetzt der Vorstandsvorsitzende der Charité eingeschaltet.

Karl Max Einhäupl hat den Ablauf der Ereignisse akribisch recherchiert. Im Ergebnis weist er die Kritik zurück, die Charité habe im Umgang mit dem Ausbruch der Keime auf dem Campus Virchow Fehler gemacht.

„In der Charité ist kein Kind an Serratien-Infektionen zu Schaden gekommen“, sagte Einhäupl Morgenpost Online. Er könne „im Moment auch nicht erkennen, dass es unter den Mitarbeitern Versäumnisse bei der Hygiene gegeben“ habe, die zur Ausbreitung des Serratien-Keims geführt haben könnten.

Auf den beiden Frühchenstationen war bei 22 Babys die Besiedlung mit dem Darmkeim ermittelt worden, seit der Ausbruch am 8. Oktober 2012 festgestellt wurde. Sieben Kinder erkrankten an Infektionen. Zurzeit werden noch fünf deswegen mit Antibiotika behandelt.

Einhäupl korrigierte in Teilen die bisher auch von der Charité selbst verbreitete Darstellung, das am 5. Oktober 2012 nach einer Operation im Herzzentrum gestorbene Frühchen sei mit dem Keim infiziert gewesen, als es aus der Frühchenstation vom Virchow ins benachbarte Herzzentrum verlegt wurde. Das Kind sei ohne Serratien ins DHZ gekommen, sagte der Charité-Chef.

Das Baby sei auch nicht an einer Serratien-Infektion gestorben, sondern an seiner schweren Herzerkrankung, bei der die Serratien einen fraglichen Beitrag geleistet hätten, wenn es einen solchen überhaupt gegeben habe. Dagegen hatte die Charité selbst in einer vergangene Woche an die Presse gegebenen Frage-Antwort-Liste zu dem Fall von einem „Infektionsweg zur Blutvergiftung, an dem das Baby starb“ geschrieben.

Behörde rechtzeitig informiert

Der Vorstandsvorsitzende wies auch den Vorwurf zurück, die Probleme mit den Serratien zu spät der Aufsichtsbehörde im Gesundheitsamt Mitte gemeldet zu haben.

Der Ausbruch auf der Neonatologie, der Frühchenstation, sei am 8. Oktober entdeckt worden, nachdem die Ärzte bei zwei Kindern den Keim gefunden hätten. Als das Baby im Herzzentrum drei Tage vorher gestorben war, hätten weder die Mediziner in der Charité noch deren Kollegen im Herzzentrum etwas von den Serratien wissen können. Bis dahin sei der Fall zwar schwierig, aber für die Intensivmediziner Routine gewesen.

Erst am 8. oder 10. Oktober brachte das Ergebnis des Bluttests die Erkenntnis, dass das Kind mit Serratien befallen war und dass diese identisch waren mit den Keimen, die etwa zeitgleich in der Frühgeborenenstation gefunden worden waren. Das Gesundheitsamt habe die Universitätsklinik am Tag, nachdem der Ausbruch am Abend festgestellt worden sei, informiert, hat Einhäupl bei seinen Recherchen ermittelt.

„Dieser Ausbruch ist pflichtgemäß am 9. Oktober um 8 Uhr beim Amtsarzt gemeldet worden“, sagte der Charité-Chef. In einer selbst erstellten Chronologie hat die Charité den Zeitpunkt mit 13 Uhr angegeben, an dem sie die Behörde per Mail und Telefon benachrichtigt habe.

Das Gesundheitsamt Berlin-Mitte hatte zuvor dem Deutschen Herzzentrum und der Charité Konsequenzen angedroht, weil sie die Infektionen zu spät gemeldet hätten. „Das ist ein Verstoß gegen das Infektionsschutzgesetz“, sagte die Leiterin des zuständigen Gesundheitsamtes, Anke Elvers-Schreiber. Bezirksbürgermeister Christian Hanke (SPD) kündigte Bußgeldbescheide gegen beide Kliniken an.

Unbeantwortet ist weiterhin auch die Frage, wie und wo der Keim in der Neonatologie überlebt hat, seit er offenbar von einer Mutter schon im Juli bei der Geburt auf ihr Baby übertragen worden war.

Für Gesundheitssenator Mario Czaja (CDU) kommt dafür nicht unbedingt mangelnde Hygiene in Betracht. Er sieht zum Beispiel auch die Möglichkeiten einer Ansteckung beim sogenannten Känguruhen. „Es ist eine positive Entscheidung für das Wohl des Kindes, die Frühchen auf die Brust oder auf den Bauch der Mutter zu legen“, sagte Czaja. Dennoch steige damit auch ein Infektionsrisiko.

Expertenteams zur Aufklärung

Bis Sonnabendnachmittag waren nach Auskunft der Charité keine neuen Infektionen aufgetreten. Alle sechs betroffenen Kinder seien weiterhin stabil. Ein Kind habe noch am Freitag nach Hause entlassen werden können. Die übrigen sechs Kinder, die eine „Besiedelung“ aufweisen, würden weiterhin intensiv beobachtet. Das am Herzen operierte Frühgeborene habe die Nacht gut überstanden.

Seit einer Woche ist ein Expertenteam mit Vertretern des Robert-Koch-Instituts, des Gesundheitsamtes Mitte und vom Landesamt für Gesundheit und Soziales (Lageso) im Einsatz, um alle Fragen rund um den Serratien-Ausbruch aufzuklären. Chef des sogenannten Ausbruchsteams ist Karl Schenkel, Leiter der Hygiene und Umweltmedizin im Bezirk.

Zusätzlich wurde unter Leitung von Wissenschaftssenatorin Sandra Scheeres (SPD) eine Taskforce gebildet, die die Aufklärung und eine bessere Kommunikation zwischen den Institutionen vorantreiben will. Scheeres sitzt auch im Aufsichtsrat der Charité. Sie will in den Sitzungen das Thema zur Sprache bringen. „Wir haben einen Fragenkatalog entwickelt und werden uns bei einer außerordentlichen Sitzung des Aufsichtsrats im November damit auseinandersetzen“, sagte die Senatorin am Sonnabend am Rande des SPD-Landesparteitages.

Am Mittwoch habe sie die Station besucht, um mit den Ärzten, Pflegern und Krankenschwestern zu sprechen. Alle seien dort sehr betroffen. „Eine Krankenschwester, die seit 25 Jahren auf der Säuglingsstation arbeitet, hatte Tränen in den Augen“, sagte Scheeres. Auf der Frühchenstation gingen sie mit technisch anspruchsvollen Geräten um und müssten sich gleichzeitig um die Eltern kümmern, die in Sorgen um ihr zu früh geborenes Baby sind. „Diese Leistung darf man jetzt nicht schlechtreden“, sagte die Wissenschaftssenatorin. mit vis/kla/dpa