Im Umgang mit den Serratien-Keimen und dem Tod eines frühgeborenen Babys wirft das Bezirksamt Berlin-Mitte als Aufsichtsbehörde der Charité und dem Deutschen Herzzentrum Berlin (DHZB) schwerwiegende Versäumnisse vor. Beide hätten die durch Darmkeime verursachten Krankheitsausbrüche nicht vorschriftsmäßig gemeldet, sagte Mittes Bezirksbürgermeister Christian Hanke (SPD).
Bereits Mitte September sei im Herzzentrum eine Serratien-Infektion ausgebrochen. Erst am 24. Oktober 2012 habe das Zentrum den Ausbruch gemeldet, sagte Hanke. „Das ist ein klarer Verstoß gegen das Bundesinfektionsschutzgesetz“, sagte die Leiterin des Gesundheitsamts, Anke Elvers-Schreiber, am Freitag.
Hanke kündigte Sanktionen gegen die Krankenhäuser an: „Wenn die Krise vorbei ist, werden wir prüfen, welche Ordnungsmaßnahmen wir einleiten.“ Charité und Herzzentrum hätten mit zwei- bis dreistelligen Bußgeldern zu rechnen, weil sie den Ausbruch der Infektionskrankheiten nicht gemeldet hätten.
Drei ursprünglich infizierte Babys seien inzwischen aus dem Herzzentrum entlassen worden, ein Neugeborenes starb am 5. Oktober. Ein weiteres Kind trug die Keime in sich, die Krankheit brach aber nicht aus. Auf den beiden betroffenen Charité-Stationen gebe es keine neuen Infektionsfälle.
Suche nach der Infektionsquelle geht weiter
Den Berliner Gesundheitsbehörden ist bislang nicht klar, wie die Ansteckungswege im Falle der Serratien-Ausbrüche in der Charité und dem Deutschen Herzzentrum gelaufen sind.
Wissenschaftssenatorin Sandra Scheeres (SPD) machte am Freitag in einem Gespräch gegenüber den Spitzen der beiden renommierten Gesundheitseinrichtungen deutlich, dass sie eine bessere interne Abstimmung erwartet. Beide hätten Verbesserungen zugesagt, hieß es nach dem Treffen. Charité und Herzzentrum stehen wegen Fehler im Umgang mit dem Ausbruch von Keimen in der Kritik. Das Gesundheitsamt Mitte geht davon aus, dass sie die Vorfälle nicht wie vorgeschrieben gemeldet und damit gegen das Bundesinfektionsgesetz verstoßen haben.
Ob das tote Baby, das nach einer Herzoperation im Herzzentrum gestorben war, sich in der Charité oder im Herzzentrum mit dem Serratien-Keim angesteckt hat, kann das Gesundheitsamt Mitte noch nicht abschließend sagen.
Fest steht nach Erkenntnissen der Gesundheitsbehörde nur, dass das Baby im Virchow-Klinikum von dem Darmkeim befallen wurde. Eine Behandlung mit Antibiotika habe dann aber offenbar angeschlagen, denn eine Blutuntersuchung vor der Verlegung in das Deutsche Herzzentrum sei dann negativ gewesen.
Weil das Kind nach der Herzoperation am 2. Oktober Anzeichen einer Infektion zeigte, veranlassten die Ärzte dann am 4. Oktober eine neuerliche Blutabnahme zur Laboruntersuchung. Am 5. Oktober sei das Baby gestorben, am 10. Oktober habe allerdings der Befund vorgelegen, dass im Blut des Babys erneut Serratien gefunden wurden.
Die Staatsanwaltschaft, die wegen fahrlässiger Tötung ermittelt, prüft nach Angaben eines Sprechers weiter, ob die Leiche des Säuglings exhumiert und obduziert werden soll. Der Leichnam war den Eltern übergeben worden, obwohl das Ergebnis des Bluttests noch nicht vorlag, und am 12. Oktober beerdigt worden. Am Donnerstag hatten die Ermittler Akten in der Charité und im Herzzentrum beschlagnahmt.
2012 gab es 26 Keimausbrüche in Berlins Kliniken
Die Charité teilte am Nachmittag mit, dass die sechs mit dem Keim befallenen Kinder in der Neonatologie am Campus Virchow weiterhin in einem stabilen Zustand seien. Bei einem mit Serratien besiedelten Frühgeborenen mit einem Geburtsgewicht unter 1000 Gramm und einem schweren angeborenen Herzfehler sei in der Charité eine dringlich erforderliche Operation am Herzen erfolgreich durchgeführt worden. Damit sei die Prognose des Kindes, dem es postoperativ gut gehe, verbessert worden. Weitere Infektionsfälle seien nicht aufgetreten.
Nach Angaben des Bezirksamts hat es jedoch erst kürzlich Probleme mit Keimen gegeben. Erst vor vier Wochen sei ein Ausbruch am Standort Mitte für beendet erklärt worden. Etwa 20 Patienten hätten sich mit Bakterien vom Typ Staphylococcusaureus infiziert, die unter anderem Wundinfektionen und Lungenentzündungen auslösen können. Wie Serratien seien auch diese Keime mit Antibiotika gut zu bekämpfen gewesen.
Insgesamt gab es nach Daten der Senatsverwaltung im laufenden Jahr ohne den jüngsten Serratien-Fall und den erst jetzt bekannt gewordenen Fall im Herzzentrum 26 Ausbrüche von zehn meldepflichtigen Keimen mit zusammen 157 erkrankten Patienten. Zwischen 2009 und 2012 starben allein an dem multiresistenten Keim MRSA 77 Patienten, davon waren 56 älter als 70 Jahre.
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