775 Jahre

Berlin feiert den Aufstieg zur Metropole

Berlin feiert seinen 775. Geburtstag mit einem Fest. Stadthistoriker Julius Schoeps spaziert für Morgenpost Online durch Berlins Geschichte.

Foto: © Kulturprojekte Berlin

Hier geht es zum interaktivem Spaziergang durch Berlins Geschichte.

Im Jahre 1929 erschien ein Buch, das sich mit der Kunst befasste, in Berlin spazieren zu gehen. Es war keine der üblichen Städtebeschreibungen, auch kein „Baedeker“, der den Berlin-Besucher sachkundig durch die Stadt geführt hätte.

Der Essayist und Schriftsteller Franz Hessel hatte ein „Bilderbuch in Worten“ vorgelegt. Der Leser spürt das Brodeln der Metropole, meint, inmitten des tosenden Verkehrs zu stehen und sieht vor seinem inneren Auge die Menschenmassen, die sich aus den U-Bahnschächten ergießen und zielstrebig verschiedene Richtungen einschlagen.

Es ist sicherlich heute schwieriger, die Stadt zu Fuß zu durchqueren als zu Zeiten Franz Hessels. Die Stadt sperrt sich dem Spaziergänger. Wer die Stadt erkunden will, macht das heute nicht mehr zu Fuß, sondern mit dem Pkw oder mit öffentlichen Verkehrsmitteln. Der Erkundungsradius vergrößert sich dabei zwangsläufig.

Bei Spazierfahrten kann man in Gegenden geraten, die den Eindruck erwecken, als gehörten sie überhaupt nicht zu Berlin. Die Stadt zeigt sich, wie gesagt, heute sperriger als früher. Zwischen Kladow und Köpenick, Wannsee und Marzahn, Reinickendorf und Britz liegen Welten, nicht nur geografisch, sondern auch, was das Lebensgefühl betrifft.

Elementare Gewalt

Jeder, der heute sich vornimmt, Berlin zu erkunden, erfährt für sich, dass manches von dem, was er sucht, eigentlich nur eine Chimäre ist. Das Stadtschloss zum Beispiel, neben dem Brandenburger Tor und der Siegessäule einst Symbol und Wahrzeichen der Stadt, ist gesprengt und abgetragen worden.

An seiner Stelle haben die DDR-Machthaber einen „Palast der Republik“ errichtet, der nach der Vereinigung der beiden deutschen Staaten lange leer stand, bevor auch er aus dem Stadtbild verschwand. Nun entsteht dort das von Franco Stella entworfene Humboldt-Forum – äußerlich weitgehend in den Formen des alten Hohenzollernschlosses.

Vor einiger Zeit machte ich mich auf, den Spuren meiner Familie nachzugehen. Ich wollte wissen, wo und wie sie einst in Berlin gelebt hatte. Ich fuhr kreuz und quer durch die Stadt, studierte Pläne und gelangte so in die Hasenheide, wo Kreuzberg auf Neukölln stößt. Das Haus, vor dem ich schließlich stand, war das Haus, in dem einst meine Großeltern gewohnt hatten und mein Vater geboren wurde.

Es sah aus wie manches heutige Berliner Gebäude – verdreckt, altersrissig und unansehnlich. Ein Blick auf die Klingelleiste im Hauseingang machte deutlich, dass in diesem Haus heute Menschen aus aller Welt leben, dass niemand mehr dort wohnt, der sich daran erinnern könnte, dass vor mehr als einem halben Jahrhundert die jüdische Familie Schoeps hier wohnte. Eine Familie, die zwei Kinder hatte und ein ganz normales Leben führte wie andere Familien im Viertel auch. Bis etwas mit elementarer Gewalt in ihr Leben einbrach und alles von Grund auf veränderte.

Zeitpunkt der Gründung umstritten

Wer sich auf einen Spaziergang anderer Art durch Berlin begibt – einen Spaziergang, der nicht durch das Berlin von heute, sondern durch Zeit und Raum führt, um die Anfänge Berliner Geschichte kennen zu lernen, kann sich mit zwei Slawenstämmen beschäftigen, den „Hevellern“ und den „Sprewanen“, die im frühen achten Jahrhundert den Berliner Raum zu besiedeln begannen. Er kann sich auch mit Albrecht dem Bären aus dem Haus der Askanier befassen, der als der Gründer der Mark Brandenburg gilt.

Auf wen die Gründung Berlins zurückgeht, ist umstritten. 1237 gilt als offizielles Jahr der Stadtgründung, weil Cölln am 28. Oktober dieses Jahres erstmals urkundlich erwähnt wird. Berlin folgt 1244. Gemeinsam mit der auf der Spreeinsel gelegenen Schwestersiedlung Cölln erhielt es das Magdeburger Stadtrecht.

Es heißt, die Stadtgründung sei insbesondere bestimmt worden durch merkantile und geografische Gesichtspunkte. Die Spreeinsel habe sich als Warenumschlagplatz geeignet und das enge Netz von Wasserläufen und Seen den Handel begünstigt.

Berlin und Cölln, zu einer Doppelstadt vereint, nahmen einen rasanten Aufschwung. Um 1450 zählte die Stadt etwa 6000 Einwohner, eine Zahl, die sich im Verlauf der nächsten hundert Jahre verdoppelte. Unter der Regierung des Großen Kurfürsten und seiner Nachfolger erfuhr die Stadtentwicklung weitere Impulse. Die beiden Stadthälften wurden befestigt, das auf dem linken Spreeufer gelegene Friedrichswerder einbezogen.

Tornamen noch in Gebrauch

Seit 1674 entstand beiderseits der Esplanade „Unter den Linden“ die Dorotheenstadt, es folgten die Friedrichstadt, die Stralauer und die Spandauer Vorstadt. Eine bei Schloss Lietzenburg entstandene Siedlung erhielt wenig später ebenso wie das Schloss den Namen Charlottenburg.

Was den Spaziergänger heute interessieren mag, sind die Zugänge, die in früheren Zeiten den Weg in die Stadt hinein öffneten. Zunächst waren das fünf Tore: das Stralauer Tor, das Georgentor, das Spandauer Tor, das Teltower und das Köpenicker Tor. Das änderte sich im Verlauf des 18. Jahrhunderts, als die Festungswälle zur Gewinnung von Bauland abgetragen wurden und die Stadt eine Zollmauer erhielt.

Eine Reihe weiterer in dieser Zeit entstandener Tornamen sind zum Teil heute noch im Gebrauch: wie zum Beispiel das Rosenthaler Tor, das Frankfurter Tor, das Schlesische Tor, das Kottbusser Tor, das Hallesche und das Brandenburger Tor.

Die Überschaubarkeit der Stadt nahm in gleichem Maße ab, wie Industrie und Bautätigkeit im 19. Jahrhundert zunahmen. Berlin, 1871 zur Reichshauptstadt erhoben, überschritt, was die Einwohnerzahl betraf, als erste Stadt im deutschen Sprachraum die Millionengrenze.

Konkurrenz zum alten Stadtkern

Industrieanlagen wie die von Borsig und die AEG veränderten das Stadtbild. Die Bebauung der Vorortgebiete nach dem Hobrechtplan führte zu Bodenspekulation und dem Entstehen trister Mietskasernenkomplexe. In den Arbeitervierteln herrschten Wohnverhältnisse, die zu Recht als untragbar angesehen wurden.

Elend und Reichtum lagen nicht weit voneinander entfernt. In den Villenvororten Wannsee, Nikolasee, Schlachtensee, Zehlendorf, Dahlem, Westend und Frohnau ließen sich die wohlhabenderen Familien nieder. Wer es sich leisten konnte, zog in die Vororte oder in die Nebenstraßen des Kurfürstendamms, in die Bleibtreu- und die Uhlandstraße, in die Mommsen- und in die Fasanenstraße. Die westliche Innenstadt, insbesondere das Zooviertel, entwickelte sich zu einem pulsierenden Geschäftszentrum und trat in Konkurrenz zur alten City.

Der Kurfürstendamm mit seinen Cafés und seinen eleganten Geschäften, der dem Westen Berlins ein großstädtisches Flair verlieh, wurde zu einem belebten Anziehungspunkt. In den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg entwickelte sich Berlin endgültig zur Metropole. Menschen aus aller Welt strömten in die Stadt, die für sich in Anspruch nehmen konnte, Drehscheibe zwischen West und Ost zu sein. Die Vororte dehnten sich immer mehr aus und machten eine kommunalpolitische Neuordnung notwendig.

Eine Stadt sucht sich selbst

Im Zuge des am 1. April 1912 geschaffenen „Zweckverbandes Groß-Berlin“ war man bemüht, die sechs zum Groß-Berliner Verkehrs- und Wirtschaftsgebiet gehörenden Stadtkreise Charlottenburg, Schöneberg, Wilmersdorf, Lichtenberg, Neukölln und Spandau sowie die Landkreise Niederbarnim und Teltow einzugemeinden. Der Zusammenführungsprozess, der auch als Großstadtwerdung bezeichnet werden könnte, fand seinen Abschluss am 27. April 1920 mit dem „Gesetz über die Bildung einer neuen Stadtgemeinde Berlin“.

Weimarer Republik, Hitlers Drittes Reich und vor allem die vier Jahrzehnte deutscher Teilung haben dem Stadtbild Berlins einen deutlichen Stempel aufgedrückt. Der Spaziergänger, der sich heute in Berlins Mitte zurechtzufinden versucht, bemerkt sehr schnell, dass die Stadt auf der Suche nach sich selbst ist. Wer offenen Auges durch die Straßen geht, dem fällt auf, dass es sich nicht mehr um das Berlin Karl-Friedrich Schinkels und Friedrich August Stülers handelt, sondern um eine Stadt, die sich in den Jahren der Teilung bis zur Unkenntlichkeit verändert hat.

Die Architektur in Ost und West hätte unterschiedlicher nicht sein können. Sie ließ die beiden Stadthälften auseinanderdriften. In West-Berlin versuchte man, an die Vorkriegsavantgarde anzuknüpfen, an Expressionismus, Neue Sachlichkeit und die klassische Moderne des Bauhauses, wobei durchaus architektonische Meisterwerke entstanden sind wie Hans Scharouns Philharmonie und Mies van der Rohes Neue Nationalgalerie. Den Ikonen westlicher Architektur wurden in Ost-Berlin Bauten im sowjetischen Zuckerbäckerstil in der einstigen Stalinallee und der Fernsehturm am Alexanderplatz gegenübergesetzt – eine Architektur irritierender Gegensätze.

Vom Geist ihrer Stadt erfüllt

Im vereinten Berlin versucht die Stadtplanung die beiden auseinander gerissen Stadthälften wieder zu einer Einheit zusammenzufügen. Architekten wie Axel Schultes, Hans Kohlbecker, Sir Norman Foster, Frank O. Gehry, Renzo Piano und viele andere versuchen die Narben, die die Zeitläufe der Stadt zugefügt haben, zu glätten.

Rund um den Potsdamer Platz etwa sind Gebäudekomplexe entstanden oder im Entstehen begriffen, die, jeder für sich, vermutlich eine architektonische Meisterleistung darstellen. Der Flaneur aber fragt sich angesichts der klassizistischen Bauwerke entlang des Boulevards Unter den Linden, ob diese überhaupt eine Ensemblewirkung beabsichtigen. Ist so etwas heute nicht mehr möglich? Nicht mehr gefragt? Gibt es keine städtebaulichen Maßstäbe mehr?

Zurück zu Franz Hessels Stadtbuch „Spazieren in Berlin“. Als typische Eigenarten der Berliner und ihrer Stadt beschreibt er die „Ungeduld“ und die „Unruhe“. „Der Zukunft“, so versucht er dieses Lebensgefühl zu umschreiben, „zittert die Stadt entgegen“. Auch auf das Berlin von heute dürften Hessels Charakterisierungen zutreffen.

Er wusste, dass die Seele des Berliners vom Geist der Stadt durchwirkt ist. Das, so Hessel, offenbare sich schon in der Klangfarbe des Berlinischen und in der unpathetischen Nüchternheit des Bewohners dieser Stadt. Alles Affektierte, so meinen mit Hessel denn auch viele Kenner der Stadt, finde der Berliner komisch. Sein einziges wirkliches Pathos liegt in dem starken Willen, sich nicht ein X für ein U vormachen zu lassen.

Die Themenseite zum Stadtjubiläum finden Sie hier.