Überforderung

Berlins Schulanfänger müssen häufiger Klassen wiederholen

Mehr als 3800 Zweitklässer wurden im vergangenen Schuljahr nicht versetzt. Die Berliner Grundschulreform zeigt massive Schwächen.

Foto: Jonas Güttler / dpa

Die Zahl der Kinder, die die zweite Klasse wiederholen müssen, ist im vergangenen Schuljahr erneut gestiegen. Das geht aus der Antwort der Bildungsverwaltung auf eine noch nicht veröffentlichte Kleine Anfrage des Grünen-Abgeordneten Özcan Mutlu hervor, die Morgenpost Online vorliegt.

Insgesamt konnten demnach 3823 Kinder im Schuljahr 2011/2012 nicht in die dritte Klasse aufrücken, weil sie überfordert waren. Das sind 120 mehr als in dem Schuljahr zuvor. Der Anteil der sogenannten Verweiler beträgt damit etwa 14 Prozent.

Am höchsten ist die Zahl der Kinder, die nicht in die dritte Klasse versetzt werden, in Neukölln und Mitte mit jeweils 533. Auch die Bezirke Marzahn-Hellersdorf und Lichtenberg haben vergleichsweise viele sogenannte Verweiler. Am niedrigsten ist die Zahl in Treptow-Köpenick mit 160.

Negativer Trend setzt sich fort

Mit dieser Entwicklung setzt sich ein negativer Trend fort, der bereits seit sechs Jahren anhält. Im Schuljahr 2006/2007 lag die Zahl der Kinder, die länger als zwei Jahre in der Schulanfangsphase verblieben, noch bei 340. 2006 war auch das Jahr, in dem zum ersten Mal Kinder schon ab fünfeinhalb Jahren eingeschult worden sind. Die Vorschule wurde abgeschafft, im Gegenzug sollten die Kinder je nach Entwicklungsstand in der zweiten Klasse verweilen können, ohne dass das Jahr als Sitzenbleiben angerechnet wird.

„Die Senatsverwaltung muss endlich die Früheinschulung evaluieren und genau hinschauen, was in der Schulanfangsphase schiefläuft“, sagt Özcan Mutlu. Die Grünen haben im Abgeordnetenhaus den Antrag gestellt, die Früheinschulung rückgängig zu machen.

Auch die CDU fordert, die Regelung zu überprüfen. In diesem Zusammenhang steht auch das jahrgangsübergreifende Lernen auf dem Prüfstand. Die Reform sei nicht ausreichend durch Fortbildungsmaßnahmen und ausreichende Personalausstattung vorbereitet worden, kritisiert Mutlu.

Schulverwaltung warnt vor falschen Schlüssen

Die Senatsverwaltung für Bildung warnt davor, einen pauschalen Zusammenhang zwischen Früheinschulung und der zunehmenden Zahl der Verweiler herzustellen. „Es sind nicht nur die jüngeren Kinder, die ein Jahr länger in der Schulanfangsphase brauchen“, sagt Beate Stoffers, Sprecherin der Bildungsverwaltung. Die Statistik spiegele lediglich wieder, wie verschieden die Kinder in ihrem Entwicklungsstand in den ersten Schuljahren sind. Gerade um diesem Umstand Rechnung zu tragen, seien die flexible Schuleingangsphase und das jahrgangsübergreifende Lernen eingerichtet worden.

Doch die Grundschulreform scheint wenig Erfolge zu zeigen. Alarmierend war bereits ein jüngst veröffentlichter Ländervergleich der Leistungen der Grundschüler in Deutsch und Mathe. Im Lesen belegte Berlin darin bundesweit den vorletzten Platz, im Rechnen den Letzten. Eine im September 2012 veröffentlichte Studie von FU-Wissenschaftler Hans Merkens hatte zudem gezeigt, dass die Leistungen der Berliner Schüler nach der Reform sogar schlechter geworden sind. Experten machen dafür die mangelnde Fortbildung der Lehrer verantwortlich.

Auch der Berliner Grundschulverband kritisiert, dass die Schulen nicht ausreichend auf die jüngeren Kinder und das jahrgangsübergreifende Lernen vorbereitet waren.