Drei Wochen im Amt

Berliner Senatorin Yzer will Jagd auf Investoren machen

Cornelia Yzer (CDU) leitet seit drei Wochen das Wirtschaftsressort in der Berliner Regierung. Die 51-Jährige über ihren Ruf, neue Ideen und das ICC.

Foto: Reto Klar

Seit drei Wochen ist die Juristin Cornelia Yzer Berlins Senatorin für Wirtschaft, Technologie und Forschung. Die 51 Jahre alte Mutter einer Tochter begann ihre berufliche Laufbahn beim Pharmaunternehmen Bayer, saß in den 90er-Jahren für die CDU im Bundestag und agierte als parlamentarische Staatssekretärin in zwei Ministerien, ehe sie 1997 an der Spitze des Verbandes forschender Arzneimittelhersteller in die Wirtschaft zurückkehrte. Nach dem Rücktritt von Sybille von Obernitz holte CDU-Landeschef Frank Henkel sie in den Senat. Morgenpost Online sprachen mit Cornelia Yzer über ihre Pläne.

Morgenpost Online: Ihnen eilt der Ruf voraus, knallhart zu sein, Ihr Spitzname ist „Generalin“. Woher kommt dieser Ruf?

Cornelia Yzer: Die Generalin ist ein Begriff, den eine Journalistin der „Zeit“ einmal geschrieben hat, seitdem taucht der immer wieder auf. Ich bin sicherlich eine effiziente Arbeiterin, manche sagen auch Workaholic. Ich weiß nicht, ob das schon zum Generalstitel reicht.

Morgenpost Online: Der Spitzname erinnert an Eigenschaften, für die Ihre Vorgängerin Sybille von Obernitz kritisiert wurde – knallhart im Alleingang alles zu entscheiden.

Cornelia Yzer: Zu meiner Vorgängerin und ihrer Arbeitsweise kann ich gar nichts sagen. Aber wenn mit dem Spitznamen Generalin ein Einzelkämpferdasein gemeint ist – dann trifft der mit Sicherheit nicht auf mich zu. Mir ist das Gespräch wichtig. Ich bin gern im Dialog mit den 300 Mitarbeitern in der Verwaltung, aber auch mit den Mitgliedern aller Fraktionen im Abgeordnetenhaus und den Verbänden, Kammern und Unternehmen in der Stadt.

Morgenpost Online: Sie haben bei Ihrer Vorstellung gesagt, öffentliche Beteiligungen seien kein Selbstzweck, Sie wollten die Unternehmen kritisch prüfen. Was kann Berlin verkaufen?

Cornelia Yzer: Öffentliche Unternehmen haben dann ihren Sinn, wenn sie für den Verbraucher eine insgesamt bessere Leistung erbringen als ein privater Anbieter. Das gilt auch für den zur Diskussion stehenden Ausbau von Landesbeteiligungen. Da muss man in jedem Einzelfall prüfen, ob es dem Verbraucher dient. Für mich ist das keine ideologische Auseinandersetzung.

Morgenpost Online: Hilft es den Berlinern, einen Teil der Wasserbetriebe zurückzukaufen?

Cornelia Yzer: Was die RWE-Anteile angeht, ist die Entscheidung weitgehend gefallen. Was die weitere Entwicklung in Hinblick auf die Gestaltung des Wasserpreises angeht, muss man genau hinschauen. Aber ich werde hier und jetzt keine Verhandlungen öffentlich vorwegnehmen.

Morgenpost Online: Hilft die Rekommunalisierung der Energienetze dem Verbraucher?

Cornelia Yzer: Viele Bürger haben die Erwartung, dass so ein Schritt Auswirkungen auf das Stromangebot hat, und die Preise sinken. Aber es geht hier nur um die Konzessionen für die Netze.

Morgenpost Online: Wie beurteilen Sie denn die wirtschaftliche Lage, in der Sie Ihr Amt angetreten haben?

Cornelia Yzer: Letzte Rankingplätze sind kaum angemessen für Berlin. Erfreulicherweise hat die Aufholjagd ja begonnen. Berlin entwickelt sich positiver als der Bundesdurchschnitt. Der Anspruch ist, diesen Trend zu verstärken. Berlin hat alle Chancen zur Wirtschaftsmetropole. Wir müssen die Kernkompetenzen und Cluster wie Informations- und Kommunikationstechnologien oder Elektromobilität in der Stadt flankieren. Die Entwicklung muss schneller gehen. Wichtig ist es auch, das Gründergeschehen zu fördern. Es gab aber lange keine offensive Entscheidung, sich in den neuen Industrien an die Spitze setzen und Standards setzen zu wollen. Dabei hat Berlin eine gute Geschichte zu erzählen. Nirgendwo gibt es eine so enge Vernetzung von Wissenschaft und Wirtschaft. In Berlin klagen viele über so genannte Brachflächen. Nirgendwo in Europa gibt es aber so viele Chancen, sich zentrumsnah anzusiedeln wie in Berlin.

Morgenpost Online: Hat sich Berlin also trotz einer über Jahre von linken Wirtschaftssenatoren geführten Politik so gut entwickelt oder deswegen?

Cornelia Yzer: (lacht) Ich bin die letzte, die sagt, hier sei alles falsch gelaufen. Aber weil ich auch das Geschehen von der anderen Seite kenne, weiß ich, dass man noch mehr tun kann: offensiver auf Investoren zugehen, sie manchmal sogar ein bisschen jagen. Diese Stadt ist voll von Wirtschaftsdelegationen, Messebesuchern und Kongressteilnehmern. Diesen Leuten müssen wir sagen, was Berlin ihnen bieten kann. Dazu müssen wir uns stärker auch Botschaften und internationalen Kammern anbieten. Ich habe als Vertreterin der Industrie erlebt, wie man in anderen Ländern angesprochen wird, wie die um Investitionen werben. Da müssen wir offensiver sein.

Morgenpost Online: Dann gucken die auf die Rankings und stellen fest, dass die Berliner Verwaltung als größter Standortnachteil gesehen wird.

Cornelia Yzer: Meine Verwaltung ist bestimmt nicht schlecht. Vielleicht muss man Dinge anders darstellen und auch nachjustieren. Wenn Sie hier ins Haus kommen, sehen Sie ein Schild: „Gemeinsamer Ansprechpartner“. Das ist eigentlich eine tolle Geschichte. Aber in zwölf Jahren, die ich Ansiedlungen in Berlin mit begleitet habe, hatte ich davon nie gehört. Offensichtlich müssen wir auch über die Dinge, die wir richtig machen, reden. Unternehmen müssen wissen, mit wem sie sprechen müssen und schnell eine Entscheidung kriegen.

Morgenpost Online: Aber gerade mit zügigen Entscheidungen haperte es doch immer…

Cornelia Yzer: In meiner ersten Woche im Amt hatten wir am Montag eine Anfrage eines Unternehmens, das überlegt, seinen Standort aus einer anderen deutschen Stadt nach Berlin zu verlegen. Als Konzern-Tochter bräuchten sie schnell einen „Letter of Intent“. Ich habe die Mitarbeiter gefragt, wie lange so etwas dauert. Ich sage nicht, was die Antwort war. Aber im Ergebnis ist der Brief am Freitag rausgegangen. Mein Ziel ist es, dass die Unternehmen selbst darüber reden, dass sie in Berlin gut bedient worden sind.

Morgenpost Online: Die Regierungsfraktionen haben Ihnen ein Problem übertragen, an dem Berlin seit Jahren arbeitet: dem ICC. Was halten Sie von dem Auftrag, einen Investor zu finden?

Cornelia Yzer: Zunächst mal finde ich gut, dass sich in Sachen ICC etwas bewegt und eine Sanierung unter dem Vorbehalt eines Nutzungskonzeptes steht. Gut ist auch, dass man nicht sagt, was man alles nicht will. Entscheidend ist, dass das Konzept tragfähig ist. Hasardeure brauchen wir nicht.

Morgenpost Online: Wie stark beeinträchtigt das Debakel um den Flughafen das Image Berlins als Wirtschaftsstandort?

Cornelia Yzer: Ich hätte auch gern, dass der Flughafen längst offen wäre. Aber es hilft nichts. Der neue Flughafen soll im Oktober 2013 an den Start, und bis dahin muss der Flugverkehr in Tegel und Schönefeld weiterlaufen. Es hilft aber wenig, wenn wir jetzt jedem sagen, wie furchtbar es in Berlin ist, weil der BER noch nicht geöffnet ist.

Morgenpost Online: Um Tegel zu entwickeln, sollen sich Teile der Beuth-Hochschule dort ansiedeln. Was muss passieren, damit man Tegel ein Erfolgsprojekt nennen kann?

Cornelia Yzer: Am besten wäre, wenn man die Hochschule nicht mehr erkennen kann, weil sie von einer Reihe weiterer Industriebauten verdeckt wird. Wir sind dabei, ein Nutzungskonzept für Tegel zu entwickeln und in unmittelbarere Stadtnähe Wirtschaft und Wissenschaft im Zukunftsfeld urbane Technologien zu vernetzen.

Morgenpost Online: Was ist Ihr Ziel, das Sie in dieser Legislaturperiode erreichen möchten?

Cornelia Yzer: Ich möchte die vielen Masterpläne fokussieren. Bisher ist das viel Papier. Ich möchte jeden Masterplan mit klar messbaren Kriterien verbinden. Wie viele Arbeitsplätze, wie viele Investitionen sind ausgelöst worden, welche Maßnahme hat was bewirkt. Außerdem müssen wir schnell die Neuorganisation der Wirtschaftsförderung abschließen. Es stört mich, dass es noch keinen konkreten Zeitplan gibt für die Fusion von Berlin Partner und Technologiestiftung.

Morgenpost Online: Würden Sie sagen, dass Ihre Erfahrung und Ihre Kontakte in Wirtschaft und Verbänden das größte Plus sind, was Sie hier in die Waagschale werfen können?

Cornelia Yzer: Wenn ich Menschen treffe, die ich aus früheren Tätigkeiten kenne, gratulieren sie mir meist zum Amtsantritt. Ich danke dann für die Glückwünsche und frage, was sie sich für Berlin vorstellen können. Es ist nicht so, dass dann sofort Ideen kommen. Entscheidungsträger wechseln gerade in Technologieunternehmen oft alle zwei Jahre. Dieses „man kennt sich, man trifft sich, man sieht sich“ spielt heute nicht mehr so eine große Rolle. Entscheidend ist zu wissen, wie Prozesse und Entscheidungsabläufe funktionieren, welche Entscheidungskriterien es gibt, und was die berechtigten und unberechtigten Anliegen von Unternehmen sind. Am Ende geht es nur selten darum, wie groß der Fördertopf ist, sondern um Genehmigungsverfahren, niedrige Hürden für eine Standortentscheidung und um die Frage, wo man Kunden, Fachpersonal und Kooperationspartner findet.

Morgenpost Online: Bei Ihrer Vorstellung haben Sie gesagt, Sie mussten erst mit Ihrer Tochter verhandeln, ob Sie das Amt antreten. Wie vereinbaren Sie jetzt Job und Familienleben?

Cornelia Yzer: Das war die größte Hürde, ja. Aber meine Tochter ist das ja gewohnt. Ich hatte vorher ja auch keinen Acht-Stunden-Tag. Sie hat mittlerweile eingesehen, dass ihre Mutter so ist, wie sie ist, und dass man sie nicht mehr grundlegend ändern kann.