Tierhaltung

Animal Hoarding - Wenn Tierliebe zur Sucht wird

Immer mehr Berliner halten zahllose Hunde und Katzen in zu kleinen Räumen. Dabei muss nicht nur das Tier, sondern auch der Halter zum Arzt.

Foto: Tanja Laninger / Copyright: „Tierschutzverein für Berlin e.V.“

Am liebsten wäre Berlins erster Tierschutzbeauftragter Klaus Lüdcke seit August im Ruhestand. Doch weil Verbraucherschutzsenator Thomas Heilmann (CDU) noch keinen Nachfolger gefunden hat, arbeitet der 74 Jahre alte Lüdcke weiter. Und zwar ehrenamtlich. Anders als in Hessen oder Baden-Württemberg wird in Berlin kein Geld für einen hauptamtlich tätigen Tierschutzbeauftragten bereitgestellt. 50 bis 60 Mails erreichen Lüdcke wöchentlich. Darunter sind auch mehrere Fälle von „Animal-Hoarding“ – zu Deutsch: dem Horten von Tieren.

So wurde Lüdcke kürzlich eine Frau gemeldet, die viel zu viele Katzen hält und Tiere auch aus Spanien und Griechenland importiert. Einige sind an Katzenleukämie (Leukose) erkrankt. „Die Frau ist leider keine Unbekannte“, sagt Lüdcke. Vor zwei Jahren habe sie selbst sich an ihn gewandt, sich über das Vorgehen der Behörden gegen sie beschwert und um Hilfe gebeten. Doch Lüdcke hält die Handlungen des zuständigen Spandauer Veterinäramtes für berechtigt. Unabhängig davon hätten auch Nachbarn der Frau Unterschriften gegen ihre Tierhaltung gesammelt. 42 Katzen waren es damals, die das Grundstück verließen und in fremden Gärten umherstrichen, sagt Lüdcke. Ihr wurde aufgegeben, den Tierbestand drastisch zu reduzieren. Doch inzwischen habe sie wieder Dutzende zu sich genommen und erneut aus dem Ausland importiert.

Wie viele „Tiersammler“, so erklärte der Tierschutzbeauftragte Lüdcke, handele sie in dem Glauben, die Katzen zu retten. „Sie übersehen aber, dass sie selbst nicht mehr in der Lage sind, die Tiere tierschutzgerecht zu halten und zu versorgen. Sie haben den Überblick verloren.“

Außerdem befasst Lüdcke sich mit einem Mann, dem die Haltung zahlreicher Ziegen über den Kopf wachse. „Es hängt zwar immer von der Größe einer Wohnung oder des Grundstücks ab, wie viele Tiere sich artgerecht halten lassen“, sagt Lüdcke, „doch man kann schon sagen, dass ein Privatier mit mehr als zehn Ziegen und Dutzenden von Katzen oder Hunden schnell überfordert ist.“ „Wir müssen Sorge tragen, dass die Tiere gut untergebracht sind“, sagt Spandaus Veterinäramtsleiterin Margrit Platzer. „Das ist bei einer Vielzahl von Tieren weder einfach noch schnell möglich.“

1700 Wellensittiche gehalten

Aus Spandau war Ende 2008 ein Fall bundesweit bekannt geworden: Ein Rentner hatte mehr als 1700 Wellensittiche in einer Zwei-Zimmer-Wohnung gehalten. Die Tiere wurden beschlagnahmt. Was so technisch klingt, muss gut vorbereitet sein: Wer soll die Vögel einfangen, in welchen Käfig stecken, abtransportieren und artgerecht aufpäppeln und pflegen? Das Veterinäramt Spandau bekam Unterstützung vom Verein der Wellensittichfreunde, der Aktion Tier und dem Tierheim Berlin. „Es war unser einziger Fall, bei dem wir sofort alle Tiere mitgenommen haben“, sagt Platzer. Sofort heißt in diesem Fall, dass innerhalb von zwei Tagen das Einfangen, der Abtransport und die Aufnahme der Tiere durch Tierschutzorganisationen organisiert werden konnte.

Immerhin verfügt das Tierheim Berlin, wo die amtliche Tiersammelstelle angesiedelt ist, über eine Quarantänestation. Allerdings versuchen die Mitarbeiter, Katzen, die früher schon bei Tierhortern beschlagnahmt wurden, zu vermitteln. Sechs Fälle gab es im Jahr 2011. Einmal mussten nach Angaben von Sprecherin Stephanie Eschen 85 Katzen aufgenommen werden, ein anderes Mal 122 Kaninchen. Bis Anfang September 2012 wurden – in sechs Fällen – 133 Exoten und Kleintiere, 76 Katzen, 62 Meerschweinchen, 52 Farbmäuse und 40 Stadttauben (aus einer Wohnungshaltung) untergebracht. Gibt der Halter seine Tiere freiwillig ab, bleibt das Tierheim auf den Kosten sitzen.

Klaus Lüdcke, der 2007 Berlins erster Tierschutzbeauftragter wurde, sagt, dass er sich an keinen Monat ohne Animal-Hoarder erinnern kann. Es ist ein bundesweites Phänomen. Der Deutsche Tierschutzbund, der von 1999 bis 2008 von 30 Fällen erfuhr, beobachtet, dass die Fallzahlen seit 2006 erheblich steigen. Katzen, Hunde, Kaninchen, Ziervögel und Meerschweinchen sind die am häufigsten gesammelten Tierarten. Amtsleiterin Margrit Platzer aus Spandau hat darüber hinaus schon Affen, Papageien, Sittiche, Kaninchen und Schlangen ins Tierheim gebracht.

Deutschlandweit ist mindestens jedes zweite Veterinäramt von Animal-Hoarding betroffen. Das hat die Wissenschaftlerin Tina Susanne Sperlin in ihrer jüngst veröffentlichten Dissertation zu Animal-Hoarding erforscht. Ihre Arbeit ist die erste überhaupt, die für Deutschland vorliegt. Erstmals hatte Gary Patronek Animal-Hoarding 1990 definiert und 1999 für die USA systematisch untersucht. Demnach ist ein Tiersammler jemand, der eine Vielzahl von Tieren hält, ohne ihnen einen Mindeststandard an Nahrung, Hygiene und tierärztlicher Versorgung zu bieten. Es ist grausam. Denn die Tiere werden verhaltensauffällig und krank, sie haben Beiß- oder Kampfspuren. Sperlin wurden Hautverletzungen bis zu Verstümmelungen und fehlenden Gliedmaßen gemeldet, außerdem Parasitenbefall. Dem Halter entgleitet die Situation, es kommt zur unkontrollierten Vermehrung.

Laut Sperlin sammeln Frauen häufiger als Männer, diese dann aber extremer. Betroffen seien alle Bildungsschichten. Wenn Platzer ihre Spandauer Fälle überdenkt, fallen ihr mehr Männer ein. Aber das Geschlecht sei nicht signifikant. „Ich vermute, dass viele mit den Tieren soziale Defizite ausgleichen wollen“, sagt sie. Vielfach, so Sperlin, könnten zwanghafte Störungen der Persönlichkeit oder des Verhaltens vermutet werden. Es müsste also nicht nur das Tier zum Arzt, sondern auch sein Halter. Nach Sperlin ist eine psychologische, psychotherapeutische oder psychiatrische Behandlung der Animal-Hoarder angeraten. Doch dazu zwingen kann man keinen. Entsprechend ist die Rückfallquote hoch – was Sperlin für ganz Deutschland, Lüdcke berlinweit und Platzer für ihren Bezirk bestätigen. Tierschutzwidrige Haltungen nähmen insgesamt zu und würden auch verstärkt in der Öffentlichkeit wahrgenommen, sagt Platzer. „Das geht parallel mit der allgemeinen Verwahrlosung der Menschen.“

Politik plant Aufklärung

Inzwischen nimmt sich auch die Politik des Problems an. Der Abgeordnete Philip Magalski (Piraten) will über eine Kleine Anfrage die Fallzahlen in Berlin herausbekommen und „im nächsten Schritt“ die Bevölkerung über dieses Problem aufklären.