Totes Baby

Kinderhilfe wirft Berliner Behörden Vertuschung vor

Der 17 Jahre alte Vater des toten Baby wurde festgenommen. Dem Jugendhilfeträger könnte die Betriebserlaubnis entzogen werden.

Foto: Steffen Pletl

Das sieben Monate alte Mädchen, das von seinem jugendlichen Vater misshandelt worden sein soll, ist gestorben. Es erlag seinen schweren Hirnverletzungen. Der Leichnam des Babys soll nun obduziert werden.

Die Staatsanwaltschaft ermittelt inzwischen wegen Totschlags gegen den Vater des misshandelten Babys. Weil er mit 17 Jahren minderjährig ist, würde im Falle einer Verurteilung Jugendstrafrecht angewendet werden. Demnach drohen dem mutmaßlichen Täter höchstens zehn Jahre Haft. Nun wurde zusätzlich bekannt, dass der 17-Jährige offenbar nicht das erste Mal aufgefallen ist. Nach Informationen von Morgenpost Online soll er bereits polizeibekannt sein – unter anderem im Zusammenhang mit Gewaltdelikten wie Körperverletzung und Raub. Er wurde nach Informationen von Morgenpost Online am Donnerstag in der Wohnung seiner Eltern in Köpenick festgenommen.

Betreuerin sofort gekündigt

Der Jugendhilfeträger Leben Lernen e. V., in dessen Einrichtung Mutter und Kind betreut worden waren, zog am Donnerstag erste Konsequenzen aus dem tragischen Fall. Wie Jugendsenatorin Sandra Scheeres (SPD) am Donnerstag im Abgeordnetenhaus mitteilte, wurde einer Mitarbeiterin des Trägers bereits fristlos gekündigt, eine weitere Mitarbeiterin bekam einen Aufhebungsvertrag zum 16. September.

„Der Fall ist sehr, sehr tragisch“, sagte Scheeres. Er müsse restlos aufgeklärt werden, forderte sie. Geprüft werden müsse darüber hinaus, inwieweit die Mitarbeiter des Trägers zusätzliche Fortbildung benötigen. Martin Steltner von der Staatsanwaltschaft sagte: „Wir überprüfen auch, ob möglicherweise andere Personen die Tat begünstigt haben.“ Es sei ihm nicht bekannt, dass gegen die Mutter des Kindes ermittelt werde. Ob die Staatsanwaltschaft erneut einen Haftbefehl beantragen wird, dazu wollte sich Martin Steltner auf Nachfrage nicht äußern.

Bereits am Freitag vor einer Woche hatten die Ermittler einen Haftbefehl beantragt – damals noch wegen des Verdachts der schweren Kindesmisshandlung. Der Richter hatte den Antrag jedoch abgelehnt. Nach Angaben von Steltner sprachen aus Sicht des Gerichts die festen sozialen Bindungen des 17-Jährigen gegen eine drohende Fluchtgefahr. Bei Jugendlichen liegen die rechtlichen Hürden einer Untersuchungshaft grundsätzlich höher als bei Erwachsenen. Das hat damit zu tun, dass der Gedanke der Erziehung bei der rechtlichen Abwägung eine entscheidende Rolle spielt.

Der zuständige Neuköllner Jugendstadtrat Falko Liecke (CDU) äußerte ebenfalls sein tiefes Bedauern über den Ausgang des Falls. Er sagte, dass dem Jugendamt eine Vorstrafe des Kindesvaters wegen Körperverletzung nicht bekannt gewesen sei. „Wir überprüfen nicht von vornherein, ob Eltern, die bei uns Hilfe suchen, vorbestraft sind.“ Eine solche Überprüfung würde schließlich alle unter Generalverdacht stellen.

Liecke kündigte indes eine interne Überprüfung des Jugendamtes Neukölln an. „Ich will wissen, ob in meinem Amt alles ordnungsgemäß gelaufen ist“, sagte er. Sollte es fehlende Absprachen oder andere Unklarheiten gegeben haben, müsste sofort dafür gesorgt werden, dass das nicht noch einmal vorkommen kann.

Der Jugendstadtrat sieht menschliches Versagen vor allem aufseiten des Jugendhilfeträgers Leben Lernen e. V., in dessen Mutter-Kind-Einrichtung die 18 Jahre alte Mutter und das kleine Mädchen betreut worden waren. Dort habe sich seit Juni auch der junge Vater öfter aufgehalten, sagte Liecke. Nachdem allerdings bekannt geworden sei, dass der Vater das Kind misshandelt haben könnte, sei unter anderem vereinbart worden, dass der Vater das Kind nur unter Aufsicht eines Sozialarbeiters sehen darf. Der Träger habe offenbar nicht ausreichend kontrolliert, ob diese Verabredung von den jungen Eltern eingehalten worden ist.

Träger hatte bisher guten Ruf

Auch der Kinderschutzbund Berlin äußerte sich am Donnerstag zu den neuesten Entwicklungen im Fall des misshandelten Babys. „Wir kennen den Einzelfall nicht“, sagte Sprecherin Alex Jakob, „würden uns aber wünschen, dass jetzt genau hingeschaut wird, ob und was hier schiefgelaufen ist und dass daraus die nötigen Konsequenzen gezogen werden“.

Der Jugendhilfeträger Leben Lernen e. V. ist seit mehr als 30 Jahren im Bereich der Mutter-Kind-Arbeit tätig. Insgesamt hält dieser Träger 69 Plätze für Mütter und ihre Kinder an verschiedenen Standorten in der Stadt bereit. Experten bestätigten der Berliner Morgenpost, dass der Träger bisher gute Arbeit geleistet hat.

Ilja Koschembar, Sprecher von Jugendsenatorin Sandra Scheeres, sagte, dass der Fall jetzt im zuständigen Bezirk Neukölln aufgearbeitet wird. „Die Jugendverwaltung wird die Klärung genau verfolgen und dann über vertragliche Konsequenzen gegenüber dem Träger entscheiden“, so Koschembar. Sollten bei der Überprüfung der Arbeit des Trägers grobe Fehler zutage treten, könnte es in letzter Instanz dazu führen, dass dem Träger die Betriebserlaubnis entzogen wird.

Die Deutsche Kinderhilfe hat die Aufklärung von Misshandlungsfällen in Berlin kritisiert. Schon jetzt zeichne sich ab, dass es keine schonungslose Aufarbeitung geben wird, sagte der Vorsitzende Georg Ehrmann am Donnerstag. Die Behörden hätten offensichtlich bereits im Vorfeld gewusst, dass der Vater dem Kind gefährlich werden könnte.

Weil das Landesjugendamt sich mit der Aufklärung befasse, werde in der Hauptstadt erneut die Chance vertan, die Fehler in der eigenen Verwaltung zu ermitteln. In vielen anderen Städten klärten hingegen externe Fachleute solche Pannen auf – so etwa im Fall Chantal in Hamburg. „Hier aber halten die Behörden alles unter der Decke“, sagte Ehrmann. „Ich befürchte, auch in diesem Fall wird – wie schon so oft in Berlin – mehr vertuscht als aufgeklärt“, so der Experte.

Ehrmann hält es gerade im Angesicht des jüngsten Falles für zynisch, dass sich Berlin rühmt, gut im Kinderschutz zu sein. Dafür sei nötig, dass die Behörden zunächst einmal ihre eigene Arbeit kritisch auf den Prüfstand stellen.