Säugling geschüttelt

Misshandeltes Baby – Chronik einer vorhersehbaren Tragödie

Viel zu spät schritten die Berliner Behörden ein. Dabei war die Tragödie vorhersehbar, denn Hinweise auf Misshandlung gab es genügend.

Foto: Steffen Pletl

Geradezu beschaulich wirkt das sonnig gelbe Haus des Hilfe-Vereins in Schöneberg. Hier werden junge Mütter betreut, die Begleitung in den Weg der Eigenständigkeit benötigen. Warm und einladend sieht der Eingang aus. Niemand würde vermuten, dass ausgerechnet hier ein sieben Monate altes Baby mutmaßlich von seinem jugendlichen Vater so schwer misshandelt wurde, dass die Ärzte am Mittwoch nur noch den Hirntod feststellen konnten.

Der schockierende Fall wirft viele Fragen auf. Denn das Kindeswohl sollte gerade an diesem Ort im Auftrag des Jugendamtes besonders geschützt werden.

Bisher stellt sich das Protokoll der Ereignisse folgendermaßen dar:

Die junge inzwischen 18-jährige Frau wandte sich schon in ihrer Schwangerschaft hilfesuchend an das Jugendamt Neukölln. Ihr Hauptproblem waren nach Angaben des Jugendamtes die beengten Wohnverhältnisse bei ihrer Mutter. Besondere familiäre Schwierigkeiten darüber hinaus habe es nicht gegeben. „Eigentlich ein unspektakulärer Fall“, heißt es. Das Jugendamt Neukölln hilft und veranlasst eine Unterbringung der jungen Mutter im März in dem betreuten Einzelwohnen bei dem erfahrenen Träger in Schöneberg. Die Mutter erhält mit dem Kind eine kleine Wohnung, im gleichen Haus ist das Beratungsbüro des Hilfevereins. Betreuer bieten Unterstützung und Beratung vor Ort an. Rund um die Uhr gibt es einen Hilferuf für die jungen Mütter. „Aber es ist keine 24-Stunden-Betreuung“, erklärt Jugendstadtrat Falko Liecke (CDU).

Verdächtige, blaue Flecken

Nach Informationen von Morgenpost Online erfuhr der 17-jährige Vater erst im Mai dieses Jahres von seiner Vaterschaft. Er wollte Kontakt zu Mutter und Kind aufbauen und wohnte zeitweise mit in der Schöneberger Wohnung. Drei Wochen vor dem Tattag – dem 5. September – sollen sich die Indizien auf Misshandlungen gemehrt haben. Die Betreuer selbst hätten nach Angaben aus Kreisen der Staatsanwaltschaft protokolliert, dass das Baby blaue Flecke und Hämatome an Hals und Kopf aufwies. Offen ist die Frage, warum der Träger nicht sofort das Jugendamt und die Polizei eingeschaltet hat.

Eltern, die ihre Kinder misshandeln, lassen sich nach Angaben eines Streifenpolizisten stets Ausreden für die Verletzungen ihrer Kinder einfallen. „Ich meine jetzt nicht den Vater, dem bei seinem pubertierenden Sohn die Hand ausrutscht und er ihm eine Ohrfeige verpasst, was auch schlimm ist.“ Gemeint seien die Menschen, die ihre teilweise noch zu stillenden Babys schlagen oder schütteln, weil sie mit der Situation überfordert seien. „Ich habe in all den Jahren noch nie erlebt, dass ein Vater zugegeben hat, handgreiflich geworden zu sein. Vielmehr erfinden sie Geschichten über Stürze von Wickelkommoden oder versehentlich auf das Baby gefallene Handtaschen beim Versuch, den Säugling in den Kinderwagen zu legen“, so der Polizist. Den Erfahrungen des Beamten nach würde viele Sozialarbeiter oft von den Gefährdungen für die Kinder erfahren, aber aus falsch verstandener Menschlichkeit nicht die Polizei alarmieren. „Vielfach steht das Bestreben dahinter, mit den Eltern arbeiten zu wollen, das Gute in ihnen erkennen zu wollen. Leider werden dann manchmal Entscheidungen gefällt, die am Ende eine Tragödie auslösen.“

Keine besonderen Auffälligkeiten

Am 28. August hat der Träger nach Angaben des Jugendstadtrates Liecke dann endlich das Jugendamt in Neukölln per Fax über die blauen Stellen am Kind und den Verdacht, der Vater könnte dafür verantwortlich sein, informiert. Am 29. August habe das Fax beim zuständigen Bearbeiter auf dem Tisch gelegen. Dieser habe veranlasst, dass das Baby noch am gleichen Tag einem Kinderarzt vorgestellt wird. Der Arzt habe Misshandlungen nicht mehr erkennen können, so Liecke. Das Kind habe insgesamt keine besonderen Auffälligkeiten gezeigt.

Am 3. September habe es dann eine Hilfekonferenz mit den Beteiligten Betreuern und der Familie beim Jugendamt Neukölln gegeben.

Mit dem Träger sei vereinbart worden, dass das Kind täglich von einem Betreuer gesehen werden muss und mindestens zwei Mal wöchentlich auch unbekleidet in Augenschein genommen werden soll. Zudem habe es die Verabredung gegeben, das der Vater nicht allein mit dem Kind bleiben sollte und auch nicht bei Mutter und Kind übernachten sollte.

An diesem Punkt stellt sich jedoch die Frage, ob das Jugendamt nicht eine andere Unterbringung hätte forcieren sollen, in der es eine Rund-um-die-Uhr-Betreuung von Mutter und Kind gibt.

„Die Schwierigkeit besteht darin, dass die jungen Mütter meist ihre Eigenständigkeit nicht aufgeben wollen“, sagt eine Expertin aus dem Jungendhilfebereich. Zudem seien solche Betreuungsmaßnahmen viel kostspieliger und würden deshalb auch von den Jugendämtern so lange wie möglich vermieden.